"Keine harmlosen Gentlemen-Verbrechen", lautete kürzlich der Titel der Monopol-Rezension zu Laura Evans Buch "Atlas der Kunstverbrechen". Sicher keine falsche Einschätzung. Auf Kelly Reichardts Gangsterkomödie "The Mastermind", die am Donnerstag, 16. Oktober, in die deutschen Kinos kommt, scheint diese Einschätzung zunächst jedoch kaum zuzutreffen.
So streift das titelgebende Superhirn James Blaine Mooney (Josh O’Connor) mit großen braunen Augen und charmanter Zurückhaltung durch die Räume des kleinen Museums in Framingham, Massachusetts. Wir befinden uns in den USA der 1970er-Jahre und damit inmitten des Vietnamkriegs, landesweiter Protestbewegungen und einer zunehmend brüchig gewordenen bürgerlichen Welt. Und Mooney plant einen großen Coup.
Arthur Dove (1880–1946) gilt als Pionier der abstrakten Kunst in den USA. Konnte er sein unvorbereitetes Publikum zu Lebzeiten noch schockieren, lockten seine Bilder in den unruhigen 70ern niemand mehr hinter dem Ofen hervor – zumindest, wenn man Kelly Reichardts Spielfilm glauben mag. Traurig und vergessen, zwischen einem schnarchenden Museumswärter, nervösen Kids und müden Rentnern, hängen seine in Öl gemalten Formexplosionen an der Wand.
Müde Avantgarde, leidenschaftlicher Dieb
Erst der im Film gezeigte, allerdings rein fiktive Diebstahl bringt Doves Werke wieder in die Nachrichten und macht sie zum Gesprächsthema beim Abendessen. Zuvor hatte ironischerweise nur der Dieb Augen für sie. Schließlich ist der von Josh O’Connor mit zärtlichen Gesten gespielte James Blaine Mooney nicht nur Krimineller, sondern auch Kulturliebhaber.
Seit seinem abgebrochenen Kunststudium arbeitet er als Tischler, erfolglos und in einer tristen bürgerlichen Existenz. Leidenschaft zeigt er erst bei der Betrachtung und beim Entwenden der Werke seines "Kollegen" Arthur Doves.
Von einem leise brodelnden Jazzsoundtrack begleitet, folgt die ruhige wie präzise Kamera Mooneys Blicken, begleitet ihn bei den Vorbereitungen für den Coup, beim absurd-amüsanten Diebstahl und bei der Suche nach einem geeigneten Lagerort für die Werke. Zunächst sucht Mooney noch nach einem Platz in seinem mit biederen Blumenmustern tapezierten Wohnzimmer, dann versteckt er die Bilder aber doch lieber auf dem Dachboden einer Scheune. Ein bisschen zu schnell verrät sich das "Mastermind" dann allerdings, und bringt damit sich und seine Familie in Gefahr.
Ein entlarvendes Verbrechen
Die US-Regisseurin Kelly Reichardt, die mit sorgfältig und langsam inszenierten Filmen wie "Certain Women" (2016) und "First Cow" (2019) bekannt wurde, beschäftigte sich schon in ihrem letzten Film "Showing Up" (2022) mit den Irrungen und Wirrungen der Kunstwelt. Mehr als die Werke selbst interessieren Reichardt die Menschen dahinter, deren komplizierte Leidenschaften oft ins Chaos führen.
Ihr neuer Film war vielleicht einer der unscheinbarsten und doch durchtriebensten Beiträge im eher vorhersehbaren Programm der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes. Um nichts Geringeres als das plötzliche Ende einer bürgerlichen Existenz geht es; und das vor dem Hintergrund einer politisch höchst instabilen Ära.
"The Mastermind", der von einigen realen Diebstählen der 1970er inspiriert sein soll, gibt auch einen süffisanten Kommentar zur Bedeutung von Museen ab: Wenn es erst einen leidenschaftlichen Verbrecher braucht, damit die Gesellschaft wieder über die dort ausgestellte Kunst zu sprechen beginnt, dürfte möglicherweise etwas nicht stimmen. Diesem Verdacht geht Reichardt nach - und liefert einen gar nicht so harmlosen Film über ein entlarvendes Gentlemen-Verbrechen.