Kerry James Marshall in London

Die Schule der Schönheit

Kerry James Marshall wollte schon immer Schwarze Menschen auf dem Niveau der Alten Meister malen. Nun füllt er die altehrwürdige Royal Academy in London mit seinen Bildern voller Referenzen und Rhythmus

Ein überdimensionales Gemälde, das sich dem Trubel in einem Friseursalon widmet? Das Sujet passt nicht wirklich zur Größe der Leinwand. Die ins Epische drängende Momentaufnahme in der Hauptgalerie der Royal Academy erinnert an Manets Szenen aus Pariser Cafés. Nur dass in "School of Beauty, School of Culture" von 2012 alle Figuren Schwarz sind.

Der 70-jährige Kerry James Marshall stellt sich mit dem Gemälde in seiner Retrospektive "The Histories" in eine lange Tradition. Seine Werke sind voller Referenzen. Man entdeckt Spiegel, die auf Jan van Eycks "Arnolfini"-Porträt und Diego Velázquez’ "Las Meninas" verweisen. An den Wänden der gemalten Szenerie hängen ein signiertes Poster von Lauryn Hill und ein weiteres für die Ausstellung von Chris Ofili in der Tate Britain aus dem Jahr 2010.

Von dem Friseursalon geht es noch in eine Bar, ein Atelier oder eine Tanzhalle. "Black Painting" von 2003 zeigt ein Schlafzimmer bei Nacht. Wie ein Voyeur schweift man durch die Dunkelheit und entdeckt ein Exemplar von Angela Davis’ "If They Come in the Morning". Marshalls Kunst belohnt das aufmerksame Hinschauen, es wimmelt von politischen Themen und absurden Geschichten, um picknickende Schwarze etwa, die Kricket spielen, oder versunkene Afrikakarten.

Sehnsucht und Verlust, Lebensfreude und eine verworrene Gegenwart

Marshall wuchs in Birmingham, Alabama, auf, nur wenige Blocks vom Ort des Bombenanschlags weißer Rassisten auf eine Baptistenkirche entfernt. Als seine Familie nach Los Angeles zog, geriet sie mitten in wachsende "Rassenspannungen" im ärmsten Viertel der Stadt. In diesem Umfeld schaffte er es auf die Kunsthochschule. Er ignorierte Konzeptkunst und den Nachhall von Pop und entschied sich für eine klassische Interpretation der Figuration, um Schwarze Themen auf dem Niveau von Tizian oder Delacroix zu verhandeln.

Eine zentrale Galerie ist Bildern der Middle Passage gewidmet, die versklavte Afrikaner über den Atlantik in die USA führte. Darunter auch eine neue Serie, die sich mit der Beteiligung Schwarzer am Sklavenhandel auseinandersetzt. "Der Mensch ist viel komplizierter, als wir uns eingestehen möchten", sagt Marshall. "Es ist einfacher, Schreckgespenster und Sündenböcke zu erschaffen. Und es ist auch einfacher, keine Verantwortung dafür zu übernehmen, Teil davon zu sein. Es ist immer jemand anderes."

Es geht weiter vorbei an älteren Damen, die sich zum Gedenken an Martin Luther King und JFK getroffen haben. Sie wetteifern mit einem Ausflug einer afrofuturistischen Familie auf einem interstellaren Raumschiff. Über allem schweben Sehnsucht und Verlust, Lebensfreude und eine verworrene Gegenwart – inmitten einer Malerei, die ihre narrativen Möglichkeiten meisterlich ausschöpft.