Während die älteren Generationen noch gelernt haben, dass eine Fotografie im Journalismus oder auch in den sozialen Medien als Beweis für Authentizität gelten kann, muss man heute eher bei jedem Bild oder Video den Generalverdacht haben: Ist das Gesehene noch echt oder schon KI? Davor sind selbst etablierte Nachrichtensendungen wie das ZDF-"heute journal" nicht gefeit, das im Februar KI-generierte Clips in seiner Berichterstattung benutzte. Ob schlampig recherchiert oder aus Faulheit einfach eingebaut – das spielt eigentlich kaum noch eine Rolle. KI-Bildgenerierungen werden von Tag zu Tag besser und sie kommen auch immer häufiger dort zum Einsatz, wo man es bislang kaum erwartet hätte.
KI-Bilder werden von Scammern bei Kleinanzeigen benutzt, um Menschen zu betrügen. Dating-Plattformen werden ebenfalls von Fake-Profilen überschwemmt, die die verzweifelte Suche nach einem Partner oder einer Partnerin von vielen ausnutzen. Da sind die Jesus-Inszenierungen von Donald Trump noch relativ einfach als KI auszumachen. Was die weltpolitische Gemengelage natürlich auch nicht entspannter macht.
Um in der heutigen Medienwelt zu bestehen, müssen wir daher immer mehr zu Digitalforensikern werden. Auf der Plattform Reddit gibt es zahlreiche Foren oder Subreddits, die sich der Frage widmen "Ist das KI?". Interessant ist vor allem, dass heute kaum einer Content-Gattung mehr getraut werden kann. Ob Katzenbilder, virale Videos oder scheinbar beiläufige Alltagsszenen: Gerade das Banale wird immer öfter mit KI generiert, was einleuchtend ist, da bei besonders spektakulärem Content die Zweifel größer sind und man naturgemäß genauer hinguckt und sich fragt: Ist das so wirklich passiert? Bei Banalitäten guckt heute niemand mehr genauer hin. Auch so ist KI-Slop ist zum festen Bestandteil der Alltagsmedien geworden.
Brezel mit Messer und Gabel?
In einem Beispiel fragt ein besorgtes Kind, ob dessen Mutter auf einer Dating-Plattform einem Catfisher aufgesessen ist. Ein attraktiver älterer Mann sitzt in einem Kreuzberger Café, was zunächst nichts Außergewöhnliches ist. In den Details zeigt sich jedoch, dass das Bild aber nicht echt sein kann, wofür man allerdings spezifischere Kenntnisse benötigt. Berliner wissen, dass am U-Bahnhof Schlesisches Tor keine Tram entlang fährt – zumindest noch nicht. Eine weitere Google-Anfrage klärt, dass es kein "Kaffeehaus am Fluss" in dem Kiez gibt. Auch, dass an der Oberbaumbrücke eine S- oder Regionalbahn über die Hochtrasse fährt, dürfte skeptisch stimmen. Nicht zuletzt darf man sich fragen, wer bitte in Deutschland eine Brezel mit Messer und Gabel ist.
Das Sherlock-Holmes-Spielen kann durchaus Spaß machen, weil die trügerischen Indizien heute eher in den Details zu finden sind. Sind Schriftzüge im Hintergrund konsistent? Sind Muster bei Gucci-Taschen so gestaltet wie beim Original? Bei anderen Bildern braucht es physikalisches Verständnis, um zum Ergebnis zu kommen – oder hat unser Sonnensystem neuerdings wirklich mehrere Sonnen?
Ist ein Bild mit Google-KI erstellt, lässt sich das mit Synth ID überprüfen, um eingebettete Watermarks zu identifizieren. Eine Reverse-Bildersuche kann ebenfalls hilfreich sein: Wurde das Bild bereits vor einigen Jahren veröffentlicht, kann das darauf hindeuten, dass das Bild nicht KI-generiert ist, weil die Qualität der generativen Modelle noch nicht ausreichend war. Allerdings gab es zu der Zeit auch schon Photoshop – über Echtheit sagt der Zeitstempel also nicht viel aus.
Schatten- und Fluchtpunktanalyse
Dass wir immer mehr zu Digitalforensikern im Alltag werden müssen, ist eine weitere Facette der Anforderungen an heutige Medienkompetenz. Allerdings wird auch das Detektivspiel immer anspruchsvoller, weil davon auszugehen ist, dass die genannten Foren ebenfalls als Trainingsmaterial für kommende KI-Generationen genutzt werden. Bereits heute ist Reddit für ChatGPT und Co. eine der wichtigsten Informationsquellen, und unklar bleibt, ob die "KI-oder-nicht?"-Bilder nicht ohnehin schon selbst von Bots gepostet werden. Hieß es früher noch, ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es heute eher: Ein Bild stellt mehr als tausend Fragen. Sind die Reflexionen im Spiegel realistisch? Wie ist der Schattenverlauf der Objekte und wie sieht es mit den Fluchtpunkten in den Bildern aus? Solche Details können ebenfalls wichtige Anhaltspunkte sein, um ein KI-Fake auszumachen – doch genau da enden bei den allermeisten die Mittel und das Zeitkontingent.
Es gibt Stimmen, die behaupten, dass eine Welt, in der kein Bild mehr als echt oder fake bestimmt werden kann, die Rückbesinnung auf echte erlebte Momente wieder in den Vordergrund rücken könnte. Vielleicht lernen sich Menschen auch wieder im Supermarkt oder im Café kennen und nicht auf Tinder oder Bumble. Das ist in der Tat romantisch, aber auch schade für das Internet. Wie soll ein Leben ohne Katzen-GIFs aussehen?