Es hat Zeiten gegeben, in denen nicht Bilder, sondern Text und Typografie die Schutzumschläge und Bucheinbände geprägt haben. Autorname und Titel sowie die Verlagsangabe dominierten die Erscheinung. Wenn überhaupt, so tauchte auf der hinteren Umschlagklappe ein Porträt des Autors oder der Autorin auf, aber auch das schien den Redaktionen und Gestaltern oft bereits zuviel des Paratextes oder Parabildes zu sein. Diese zurückhaltende Sachlichkeit gehörte seit den 1960er-Jahren auch zum Markenzeichen des Suhrkamp Verlages.
Willy Fleckhaus als verantwortlicher Grafiker hatte für das damals noch in Frankfurt am Main residierende Haus nach dem Motto "aus Schriften Bilder machen" ein Grund- und davon abgeleitet auch das jeweilige Reihenkonzept entwickelt. Auf Bilder, ausgenommen die "suhrkamp taschenbücher", die unterhalb des Titels ein kleines Fenster mit grafischen Elementen – meist ein Porträt des Autors – besaßen, wurde im Übrigen verzichtet. In elegant-nüchternem Gewand appellierte man an den kühlen Verstand und die Bildung der Kundschaft und verzichtete auf stärker visuell betonte Werbeanreize. Charakteristisch war das Schriftbild, nicht das gewöhnliche Bild. Das Fleckhaus-Konzept war sehr erfolgreich und prägte die "Suhrkamp-Kultur" (George Steiner) über mehrere Jahrzehnte.
Im Vergleich zu jener Epoche, in der die Typografie dominierte, geht es heute allerdings extrem bild- und farbreich schillernd auf dem Markt der Buchumschläge zu. Das Bunt- und Bildfieber hat nach den Sachbüchern längst auch das Layout der wissenschaftlichen Literatur und der Theoriebände erreicht. In den Schaufenstern und auf den Büchertischen der Buchhandlungen (und selbstverständlich nicht zuletzt im Internet) wird der Blick von Bildern aller Art umworben und angezogen.
Überall Gesichter
Ein ebenso prägnantes wie zentrales Motiv dieser neuen Einband- und Umschlaggestaltung ist, wie sollte es in einer "facialen Gesellschaft" (Thomas Macho) auch anders sein, das Porträt. Und zwar mittlerweile weniger das Autorbild als das jener Personen und Gestalten, die sich mit dem jeweiligen Gegenstand, eng oder aus der Ferne, wie auch immer, in Verbindung bringen lassen. Dieser Trend verwundert kaum, denn die Vorherrschaft des öffentlichen Gesichts gilt inzwischen in sämtlichen Medien – von Illustrierten, Zeitungen, Reklame- und Wahlplakaten bis zu den digitalen Bildflächen der Gegenwart. Diese blühende Gesichtswirtschaft hat seit einigen Jahren auch die Buchdeckel erreicht, wo sie fröhliche Aufstände feiert und um Aufmerksamkeit buhlt.
Der angeführte Trend hat mittlerweile auch den Suhrkamp Verlag erreicht. Er heult mit den Wölfen und treibt es bunt – auch mit KI-generierten Bildern auf den Covern. Jüngste Beispiele sind zwei Bände, die jeweils ominös als "Sonderdruck" der ehemals renommierten Reihe "edition suhrkamp" firmieren und beide in diesem Frühjahr publiziert worden sind.
Da ist zum einen die von dem Autorengespann Ben Tarnoff und Quinn Slobodian vorgelegte Untersuchung über "Muskismus", die den Untertitel "Aufstieg und Herrschaft eines Technoking" trägt, und zum anderen die von Peter Sloterdijk verfasste Schrift mit dem nahezu barocken, jedenfalls umständlichen und daher wenig griffigen Titel "Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute".
Der Fürst auf dem Cover
Wer bei Sloterdijk mit dem Fürsten gemeint ist, steht selbstverständlich für den Verfasser nicht dahin, erschließt sich aber näher und in seiner Pointe nur jenem Zeitgenossen, dem die gleich lautende, um 1513 verfasste Abhandlung von Niccolò Machiavelli ein Begriff ist. Die Frage, auf wen sich die Angabe der "Erben" bezieht, bleibt auf dem Cover unbeantwortet. Ebenso unklar ist, wer die topisch-toxischen sogenannten großen Männer sein sollen – oder ob damit vielleicht sogar "übergroße" Vertreter dieser Spezies gemeint sind. Offen bleibt auch, wann eigentlich das "Zeitalter der gewöhnlichen Leute" anzusetzen ist und wen genau der Karlsruher Philosoph mit dieser anonymen Menge meint.
In dieser Not der Fragen springt dem nachdenklichen Buchkäufer das Titelbild bei. Das Cover des Bandes ist im Sinne der Werbekunst tatsächlich derart gelungen, dass es sich selbst bei flüchtigem Hinsehen einprägt. Ein naiver Betrachter könnte denken, es handele sich um ein Porträt des Autors, dessen Name oben auf der Seite in deutlich gesteigerter Schriftgröße strahlend weiß vor abgedunkeltem Grund prangt. Aber nein, dargestellt ist der Mann, der sich derzeit selbst für den Größten hält, in aller Munde und in allen Köpfen steckt, notabene der US-Präsident Donald Trump. Mit strenger, man möchte fast sagen staatsmännischer Miene blickt er als Dreiviertelporträt und in Halbfigur gegeben ins Nirgendwo links außerhalb des Bildes.
Nachdem man die seit Jahren ubiquitär in Erscheinung tretende Person rasch – vielleicht sogar bereits auf den ersten Blick – identifiziert hat, beginnt die Verwunderung über die Verwandlung, die das Cover mit der Trump-Figur anstellt. Denn der Präsident erscheint in Renaissance-Gewandung mit einem dunklen Samtbarett auf dem Haupt und einem stark gefälteten, dunkelgrünen Obergewand, unter dem in der Kragenzone neben einer Goldlitze ein weißes Hemd hervorlugt. Die rechte Hand ist vor die Brust gehoben, wobei der leicht gekrümmte Zeigefinger – schwer zu entscheiden – entweder ins Nichts verweist oder, plausibler, auf den Dargestellten selbst abzielt. Er blickt nach links, der Finger zeigt hingegen nach rechts. Die Krümmung des Fingers wiederholt die Kurve der heruntergezogenen Mundwinkel weiter oben.
Trump als Gentiluomo
Die Trump-Büste ist vor einer idyllischen oberitalienischen Landschaft mit heiter bewölktem Himmel platziert. Im Hintergrund sind einige Staffagefiguren auszumachen. Kurzum, Trump tritt hier im (kunst-)historischen Rücksprung als ein Gentiluomo, ein Souverän und Landesherr, vielleicht sogar als ein Gelehrter seiner Zeit auf. Für Letzteres allerdings fehlt ein charakteristisches Attribut, zum Beispiel ein Buch.
Wer nun hat das Cover entworfen? Das Impressum merkt dazu an: "Umschlaggestaltung nach einem Konzept von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt". Doch es bleibt nicht bei der Namensnennung der beiden altvorderen Suhrkamp-Gestalter und -Hersteller, denn es heißt ebendort, anonym bleibend, gleich weiter: "Umschlagabbildung: generiert mit Hilfe von ChatGPT KI". Letzteres hätte man sich auch gleich denken können, denn wir leben schließlich im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Dort, wo man früher mit den Mitteln der analogen Montage oder Collage ein vergleichbares Kompositbild geschaffen hätte, regiert heute die digitale Bildschöpfung. Im Internet lautet die schlichte Gebrauchsanweisung dazu wie folgt: "Beschreiben Sie das Bild, das Sie erstellen möchten oder laden Sie ein Foto hoch und bearbeiten Sie es mit KI". Wer aber nun konkret den Suhrkamp-Umschlag kreiert hat, bleibt offen. Aber nicht nur das. Auch das künstlerische Vorbild der Trump-Büste wird nicht genannt. Man kann auch sagen: Es wird unterschlagen.
Allerdings kann hier ebenfalls die KI, konkret die Google-Bildersuche beim Nachweis helfen. Grundlage der Illustration ist ein im Museum Accademia Carrara in Bergamo verwahrtes Gemälde, das Altobello Melone zugeschrieben wird – kein großer Name am Sternenhimmel der oberitalienischen Renaissancemalerei, aber doch reputiert.
Vorbild für Trumps KI-Porträt: Altobello Melone "Porträt eines Edelmanns", um 1513
Das Museum führt das zitierte, um 1513 auf Holz gemalte Bildnis schlicht als "Ritratto di gentiluomo" an. Andernorts, so etwa im Wikipedia-Artikel über den genannten Künstler, wird in Klammern hinzugesetzt, es könne sich um ein Bildnis des Cesare Borgia handeln, bekanntlich ein skrupelloser Machtmensch und Feldherr, dem Niccolò Machiavelli in seiner Schrift "Il Principe" ("Der Fürst") ein bleibendes politisches Denkmal gesetzt hat.
Melones Porträt ist durch die KI-Anwendung weitgehend kopiert oder adaptiert worden. Der Landschaftshintergrund mit seiner Staffage wurde leicht gestrafft und die dräuenden Wolken des Gemäldes wurden domestiziert und in einen heiteren Himmelszug verwandelt. Der Originalheld trägt einen reich dekorierten weißen Handschuh, seine Finger umfassen den Knauf eines nicht näher zu klassifizierenden Stabes. Für Trump wurde ohne Sinn und Verstand der Fingerzeig gewählt. Das Gewand wurde für die Trump-Gestalt in seiner Ornamentik etwas vereinfacht, wobei der Halsausschnitt derart erweitert wurde, dass diese Zone jetzt eher einem Dekolleté ähnelt und eine Note von Nacktheit ins Spiel bringt.
Wer das zugrundeliegende Trump-Foto mit dem mürrischen Gesicht beigesteuert hat, bleibt ebenfalls offen, ein Nachweis fehlt. Ähnliche Defizite gelten auch für den zweiten, parallel erschienenen Suhrkamp-Titel mit seinem leicht schief klingenden "Muskismus"-Titel.
Mit Schwert und Rakete
Während der zugrundeliegende Eigenname Englisch auszusprechen ist, klingt die Endung "ismus" deutlich deutsch, zusammengeführt ergibt sich ein schräges Denglisch-Wort. Sei es drum. Wichtiger ist hier wieder die Gestaltung des Covers. Es zeigt, nochmals als Halbfigur, den "Tech-Giganten" (und Herrscher) Elon Musk, der strikt frontal und streng aus dem Bild blickt. Eine Krone ziert sein Haupt. Sein mit goldenen Epauletten geschmücktes Gewand ähnelt einer Rüstung. Statt aus Metallschuppen wird es aus einer Ansammlung von PKW-Silhouetten gebildet, eine deutliche Anspielung auf die Tesla-Automobilproduktion. In seinen Händen hält der durch seine Abzeichen als "sehr mächtig" präsentierte Mann ein Schwert und das Modell einer Rakete.
Die Musk-Figur wird vor einem leuchtend blauen Fond gezeigt. Über allem schwebt der in sieben Zeilen gebrochene Titel, der mit dem Begriff "Technoking" unverkennbar auch das Stichwort für die Präsentation Musks als Monarchen geliefert hat. Ob der Genitiv von Technoking nicht eher "Technokings" lautet, wird man im Verlag diskutiert haben; am Ende hat man sich gegen den eher gebräuchlichen Genitiv mit "s" entschieden. Aber das ist nur eine Merkwürdigkeit am Rande. Bei dem Bildtitel handelt es sich wieder um ein kunstgeschichtliches Zitat, das im vorliegenden Fall leichter zu bestimmen ist, weil es ein anderes, weithin bekanntes Titelbild zitiert (oder plündert): jenes Frontispiz, das gewöhnlich Abraham Bosse zugeschrieben wird und für Thomas Hobbes’ "Leviathan" (London, 1651) entstand.
Kunsthistorisches Vorbild für das "Muskismus"-Cover: Abraham Bosse "Leviathan", 1651
Musk wird in die Rolle eines Staatsmannes gezwängt. Während die Figur des Herrschers bei Hobbes die Arme gestisch wirksam ausbreitet, um das in die Höhe gehobene Schwert auf der einen und den bischöflichen Krummstab auf der anderen Seite vorzuweisen und formal ein Dreieck und somit die Spitze des Hügels, hinter dem die Gestalt zum Vorschein kommt, zu betonen, führt Musk – wegen des schlanken Hochformats – seine Waffen am Oberkörper entlang und präsentiert sie nach links und rechts auseinander driftend. Die Darstellung bewegt sich zwischen Witz- oder Karnevalsfigur und Karikatur. Letztlich kann sie sich nicht entscheiden und plädiert visuell für den starken Mann mit grimmiger Miene.
Als Schöpfer der Gestaltung führt das Impressum wieder die Generalisten Fleckhaus und Staudt an, aber für die Abbildung selbst zeichnen die Autoren, demnach Quinn Slobodian und Ben Tarnoff, mit dem Zusatz "unter Verwendung von Grok KI" verantwortlich. Die künstliche ersetzt auch hier wieder die künstlerische Intelligenz, aber vielleicht ist letztere schlicht in die zuständigen Algorithmen und neuronalen Netze ausgewandert.
Catchy, catchy
Dort, wo bei Hobbes der Staatskörper von unzähligen, in Rückansicht gegebenen Volksvertretern gebildet wird, rangieren jetzt Karosserien in Reih und Glied. Wieder bleibt der Fotograf des Musk-Porträts ungenannt. Und da die Autoren in Deutschland weitaus weniger bekannt sind als der Bestsellerautor Sloterdijk werden in der ersten Zeile des Titels nicht die Autoren, sondern der Kurztitel mit dem als catchword sprechenden Namen nach oben gerückt, die Seite gewissermaßen bekrönend.
Die beiden Titel, so die Buchhändlerin, "verkaufen sich gut, fast wie geschnitten Brot". Kein Wunder, denkt man, die beiden Cover sind ohne Frage auffällig und folglich attraktiv. Dass sich Trump und Musk selbst in der Welt der künstlichen Intelligenz bestens auskennen und sie diesen Modus für ihre eigenen idolatrischen Feldzüge erfolgreich handzuhaben wissen, macht die Suhrkamp-Kampagnen mit ihren Chatbot-Visionen nicht eben sympathischer.
Wo sich Trump als Christus inszenieren lässt, der wie vordem die Könige mittels Handauflegen dem versehrten Mann Heilung bringt, dort ist mit der kaum kritisch zu nennenden visuellen Coverinszenierung eines Autokraten nicht zu spaßen. Sloterdijk sells, Trump dito. Warum also nicht beide zusammenführen und im Hintergrund auch noch Machiavelli, Cesare Borgia und die Renaissancekunst mitschwingen lassen? Fehlt nur noch, wie gesagt, dass die Leserschaft das Coverporträt mit dem Autorenbild verwechselt.
2014 noch ohne KI: Der Philosoph und Autor Peter Sloterdijk auf dem Cover seines Suhrkamp-Bandes "Der ästhetische Imperativ"
Auf dem Einband der "suhrkamp-taschenbuch"-Ausgabe seiner "Schriften zur Kunst" mit dem Titel "Der ästhetische Imperativ" (2014) präsentiert sich der Autor in stattlicher Kopfgröße und blickt den potenziellen Käufer und Leser prüfend an, so als wolle er ihn auf die apodiktische Dimension des Titels verpflichten.
Die beiden Illustrationen des Trump- und Musk-Bandes spiegeln mit ihren Inventionen in zeitgenössischer Variante die Idee des klassischen Frontispizes, das historisch allerdings dem Drucktitel immer vis-à-vis gelegen hat und somit erst beim Aufschlagen im Buchinneren sichtbar wurde. Beim Sprung nach außen obsiegt jetzt die Schaulust. Sie hat in den genannten Fällen allerdings nichts Naives mehr an sich, sondern hat sich dem billigen Strich von Sensation und Aufmerksamkeitsökonomie hingegeben, welche die zwei in Rede stehenden, richtiger im Bilde vorgeführten Protagonisten als Flor umranken.