Zwei Namen sind nichts Ungewöhnliches im Kunstbetrieb. Im Gegenteil: Doppelpack verkauft sich gut. Kirchner und Picasso – das klingt nach einer dieser Ausstellungen, die sich schon im Titel selbst erklären. Zwei Genies, ein Raum, bitte vergleichen. Doch in Davos ist dieses Versprechen erstaunlich wörtlich genommen.
Ausgangspunkt ist ein Satz. 1933 notiert Ernst Ludwig Kirchner, er erwarte eine Ausstellung, in der seine Werke einmal neben denen Pablo Picassos hängen würden. Das Kirchner Museum in Davos setzte seinen Wunsch nun um. Die rund 100 Arbeiten – Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen – sind nach Jahrzehnten geordnet. Das funktioniert vor allem dort, wo sich Motive treffen. Gleich zu Beginn: Zirkus, Varieté, frühe Figuren zwischen Pose und Beobachtung. Bei Picasso kippen die Gesichter schnell ins Maskenhafte, alles wirkt schon gebaut. Kirchner bleibt näher am Moment, am schnellen Zugriff, an dieser leicht überdrehten Unmittelbarkeit.
Später die Großstadt. Kirchners Berliner Straßenszenen, nervöse Linien, Figuren unter Spannung, als würde die Stadt durch die Körper laufen. Daneben Picasso: In "Femme en vert" wird der Körper zur Konstruktion, der Raum zur Ordnung. Gleiche Erfahrung, andere Übersetzung, so zumindest scheint es.
Dynamik versus Kontrolle
Je weiter man geht, desto klarer wird: Es geht eigentlich gar nicht um Ähnlichkeit. Kirchner bleibt nah am Körper, an Bewegung, an diesem Drängen im Bild. Seine Malerei hat oft etwas Ungeduldiges. Picasso arbeitet am Aufbau. Er ordnet, reduziert, verschiebt. Wo der eine überzieht, bleibt der andere kontrolliert. Gleichzeitig wird sichtbar, dass diese beiden Linien nicht völlig unabhängig voneinander verlaufen. Kirchner kennt Picassos Werk, sieht es früh, verfolgt es weiter. Und er reagiert. In Stillleben kippen Perspektiven, Dinge ordnen sich auf der Fläche. In späteren Figuren werden Körper knapper, klarer, weniger eruptiv. Das wirkt nicht wie ein Stilwechsel, eher wie ein Nachjustieren unter Beobachtung.
Interessant ist dabei, dass diese Bewegung einseitig bleibt. Picasso erscheint hier kaum als jemand, der zurückblickt. Er ist eher Referenz als Gegenüber. Kirchner dagegen arbeitet sich sichtbar an ihm ab – mit Bewunderung, mit Ehrgeiz, mit dem Wunsch, nicht nur mitzuhalten, sondern gleichauf zu sein.
Sowieso gibt es da diese kleine, trockene Pointe am Rand: Kirchner hat Werke rückdatiert. Wahrscheinlich um früher radikaler zu wirken, als er es vielleicht war. Es ist kein großer Skandal, eher ein Detail. Aber eines, das viel erzählt. Über dieses Bedürfnis, in der eigenen Geschichte weiter vorne zu stehen. Über den Versuch, Einfluss zu kontrollieren, ihn kleiner aussehen zu lassen, als er war. Und natürlich, wie sollte es anders sein: über das Ego eines vermeintlichen Künstlergenies.
Am Ende bleibt weniger ein Dialog als eine Konstellation. Zwei starke Positionen, die sich berühren, ohne sich je wirklich zu treffen. Und ein Vergleich, der vielleicht mehr über das Erzählen von Kunstgeschichte verrät als über die Kunst selbst. Die Frage drängt sich jedenfalls auf: Braucht man diese Gegenüberstellungen noch – oder wiederholen sie vor allem immer wieder dieselbe Geschichte von ziemlich großen Egos?