Klara Lidén in Zürich

Die Eingeweide einer Stadt

Klara Lidén ist die Punkerin unter den Gegenwartskünstlerinnen. In der Kunsthalle Zürich lässt sie einmal mehr die Stadt in den Ausstellungsraum eindringen. Und findet Schönheit in den bröckelnden Ritzen

Klara Lidén ist die Punkerin unter den zeitgenössischen Künstlerinnen. Sie macht konzeptuelle Arbeiten, die gleichzeitig ganz nah am Alltag sind, probiert ständig aus, was Kunst eigentlich ist und kommt dabei auch dem Leben selbst auf die Spur. 

Die gebürtige Schwedin, die seit Langem in Berlin lebt, hat früh die Stadt zu ihrem Spielfeld gemacht. In den Nullerjahren zeigte sie sich mit Einbruchswerkzeugen in der Innenseite ihrer Jacke und nannte das Bild "Self Portrait with the Keys to the City". Oder sie filmte sich ohne Angst vor Peinlichkeit beim Tanzen in einem Berliner U-Bahn-Waggon. Ihre wichtigste künstlerische Strategie ist das Ready-made. Sie transferiert Umschaltkästen voller Graffiti oder auch Abfalleimer aller Arten in den Ausstellungsraum, arbeitet mit den abgerissenen Fetzen von Plakaten aus dem Stadtraum oder mit Straßenlampen. 

Große Einzelausstellungen der Künstlerin sind eher selten, man hat bei ihr immer das Gefühl, dass sie sich ihr Werk beständig erkämpft. So hat es einige Aufmerksamkeit erregt, dass Fanny Hauser nun als neue Direktorin der Kunsthalle Zürich mit einer Einzelausstellung von Klara Lidén ihre Tätigkeit beginnt.

"Over out und above" heißt die Schau, die sich über beide Etagen der Kunsthallenräume im Löwenbräu Areal erstreckt. In der unteren Etage setzt gleich im Eingangsbereich eine Bank mit einem hässlichen Wulst von alten Kartons den Ton – nein, das haben nicht die Transportleute vergessen, das ist die erste Skulptur. 

Pointillismus in der Gegenwart

In der Halle selbst strukturieren mehrere aus Holz und Metall zusammengebaute Gänge, wie man sie als Fußgängerwege vor Baustellen kennt, den Raum. Sie verbauen den Blick und schaffen gleichzeitig Durchgänge. Lidén hat sie eins zu eins in den Ausstellungsraum transferiert, nur außen mit minimalistischen grauen Quadraten bemalt; ein ambivalentes Zeichen, das weniger etwas ausdrückt als etwas auslöschen will. 

Ihr selbst kommt man eher im Obergeschoss auf die Spur, wo rund um abweisende Baustellenzäune eine Diaprojektion überraschend Poesie hereinpustet. Lidén hat sich bei alltäglichen Aktivitäten fotografiert und gefilmt, beim Reparieren ihres Fahrrads oder wie sie einen runden, aus dem Boden gebohrten Betonzylinder, der unglaublich schwer sein muss, durch die Straßen von Zürich schiebt. Als wolle sie die Eingeweide der Stadt zum Vorschein bringen. 

Die Bilder sind Videostills, die sie auf transparente Acetatfolie übertragen und in Dia-Rahmen montiert hat. Die großformatige Projektion ergibt extrem grobkörnige Bilder, die die harten Kanten der Stadt und die Figur der Künstlerin pointillistisch zum Verschwimmen bringen. Das Bild des mit der Umgebung kämpfenden Körpers löst sich auf in einer überraschenden melancholischen Leichtigkeit. Unsere Städte sind abweisend, sie zwingen die Menschen, gegen ihren Beton anzurennen – aber in den bröckelnden Ritzen lauert die Schönheit.