Westkunst aus Sowjet-Perspektive

Klassenfeind Warhol

ANZEIGE

Das andere '68: Vor 50 Jahren erschien Michail Lifschitz' Buch "Die Krise des Hässlichen". Darin rechnete der russische Philosoph mit der modernen Kunst des Westens ab - und erntete ausgerechnet im Osten Widerspruch

"Ich bin eine einfache Suppendose", sagt die Suppendose, als sie ins Museum gestellt wird. Und sie hat einen Tipp für alle Betrachter mitgebracht: "Um der Hölle auf Erden mit all ihren Ideen und der vielen Verantwortung zu entkommen, gebe ich euch hier das Ideal vom modernen Menschen: Sei einfach und pflichtvergessen wie das dumme Stück Blech, aus dem die Maschinen mich gemacht haben!"

Aus nur einem Meter Abstand zum Kunstkanon erscheint es auch heute noch seltsam: Eine Suppendose soll ein zentrales Kunstwerk des 20. Jahrhunderts sein? Nachdem Andy Warhol 1962 das banale Campbell's-Produkt zum Sujet von Siebdruckmalerei erhoben hatte, machte sich die Presse lustig und fragte: "Wird so etwas bald im Louvre hängen?"

Wie bizarr Pop-Art besonders von der Sowjetunion aus wirkte, wo die "Kommies" gerade den Angriff des von der CIA zu Propagandazwecken missbrauchten Abstrakten Expressionismus verdaut hatten, zeigt das jetzt zum ersten Mal ins Englische übersetzte Buch "Krise des Hässlichen. Vom Kubismus zur Pop-Art" des russischen Philosophen Michail Lifschitz. Der damals 63-Jährige schrieb diese Abrechnung mit Westkunst 1968, als die Jugend in Paris, Berlin und San Francisco sich befreite und es auch im Ostblock brodelte. Nach Niederschlagung des Prager Frühlings wurde die Abhandlung als Ausdruck allgemeiner Restitution der Sowjetmacht gelesen – und doch als eine der wenigen Quellen zum Thema verschlungen. 1971 erschien es auf Deutsch in der DDR.

Lifschitz stand der Staatsdoktrin vom sozialistischen Realismus zwar nahe, doch war der Freund von Georg Lukács ein unabhängiger Geist, der selbst in den 20er-Jahren an der radikalen Moskauer Kunsthochschule WChUTEMAS studiert hatte und sich nach seinem Studium des Marxismus genervt von seinen avantgardistischen Kunstlehrern und Kommilitonen abwandte.

1966 sorgte sein Manifest "Warum ich kein Modernist bin" in Osteuropa für Furore: "In meinen Augen ist der Modernismus mit den dunkelsten psychologischen Fakten unserer Zeit verbunden, darunter der Machtkult, die Freude an der Zerstörung, die Liebe zur Brutalität und der Durst nach geistlosem Leben und blinder Gehorsamkeit." Wo der Westen das freie Individuum und schöpferische Vernunft am Werk sieht, vermutete Lifschitz erdrückende Marktdominanz und Denkfaulheit.

Damit steht er zeitgenössischer Kunstmarktkritik näher als der Diffamierung der Avantgarde durch die Nazis. Der unterhaltsame und doch entschlossene Ton, mit dem "Die Krise des Hässlichen" geschrieben ist, hat ohnehin so gar nichts von dem bitteren und rassentheoretisch begründeten Hass gegen "entartete Kunst". Lifschitz beweist Einfühlung, er lässt die Suppendose tatsächlich sprechen – nur gefällt ihm nicht, was sie sagt.

Er sieht mit ihr eine Leere heraufziehen, die ihn als überzeugten Marxisten nervös macht. In einer Ausstellung zum Buch im Moskauer Garage Museum, dessen Forschungsprogramm auch die Übersetzung möglich machte, war Warhols "Hammer und Sichel" im März zu sehen: das Sowjetsymbol als bedeutungsloses Markenlogo. Lifschitz starb 1983, sechs Jahre nach der Entstehung dieses Bildes, sechs Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Und heute? Neoliberalismus und gelenkte Demokratien. Warhol hängt zwar nicht im Louvre, aber – noch schlimmer! – im Louvre Abu Dhabi.

Foto: Courtesy Anna PichikyanFoto: Courtesy Anna Pichikyan
Michail Lifschitz 1925

Drucken

Weitere Artikel aus Bücher