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"Klassenverhältnisse"-Ausstellung in Hamburg

Reißt die Zäune nieder!

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Eine Ausstellung im Hamburger Kunstverein will "Klassenverhältnisse" erklären. Die Rolle der Kunst bleibt dabei allerdings der blinde Fleck dieses Unterfangens

Es ist ein eher düsteres Bild, das der französische Philosoph und Soziologe Didier Eribon in seinem Buch "Rückkehr nach Reims" (2009) zeichnet; ein Buch, in dem er aus einer sehr persönlichen Perspektive aufzeigt, wie sehr sich die französische "Arbeiterklasse" längst von den vermeintlich linken Parteien entfremdet hat und immer mehr zur extremen Rechten abwandert. Eribons Theorie für die Ursachen dieser Entwicklung: Der optimistischen "Jeder kann alles schaffen"-Narration des Neoliberalismus gemäß wurden bestehende Klassenverhältnisse seit Jahrzehnten systematisch von allen Parteien des politischen Spektrums verschwiegen, während Klassenunterschiede in der Realität so fest einzementiert sind wir eh und je.

Das Ergebnis dieses perfiden Spiels ist für Eribon klar: Wenn de facto marginalisierte Bevölkerungsschichten keinerlei "Klassenbewusstsein" und damit auch keine Anknüpfungspunkte für die eigene Identität mehr haben als die nationale Zugehörigkeit, dann können sie sich problemlos mit ihren Ausbeutern solidarisieren, solange diese die gleiche Hautfarbe haben wie sie.

Die Werke in der Gruppenausstellung "Klassenverhältnisse" sollen nun mit künstlerischen Mitteln dieses drückende Problem erforschen, das Eribon da im vollbesetzten Kunstverein in Hamburg anspricht. Eine überbordende Aufgabe – weshalb sich das Kuratorenteam Tobias Peper, Bettina Steinbrügge und Benjamin Fellmann die gleichnamige Verfilmung von Kafkas "der Verschollene" von Jean Marie Straub und Danièle Huillet als Richtschnur und Ausgangspunkt gewählt haben. Der Film ist in der Ausstellung in einer großen Black Box in Gänze zu sehen. Tatsächlich scheint die Geschichte des Protagonisten Karl Rossmann, der beinahe mittellos und von seinen Eltern verstoßen in der Hoffnung auf sozialen Aufstieg nach Amerika übersetzt, wie ein Widerhall von Eribons Worten und als Brücke zu den um die Black Box gruppierten Werken.

Zu Tobias Zielonys großformatigen Fotografien von Geflüchteten etwa, die in einem ausliegenden Heft ihrerseits über ihre Odyssee, über Hoffnung, Flucht und die Schwierigkeiten ihrer Lage berichten. Oder zu Ariel Reichmans detektivischer Suche nach seinem ehemaligen Kindermädchen Maria, einer schwarzen Frau, die im Südafrika der Apartheid im Haushalt der wohlhabenden Reichmans arbeitete, und die wir auf deren Familienfotos kennenlernen. Ein trügerisches Bild der Idylle, der Einheit – als gehöre Maria zur Familie. Nach dem Umzug der Reichmans nach Israel allerdings brach der Kontakt ab. Denn "Maria", so lernen wir, blieb trotz engstem Kontakt nur Haushaltskraft, austauschbare Dienstleisterin. Reichmans bis heute erfolglose Suche nach Maria zeugt allerdings nicht nur von unüberwindbaren Grenzen zwischen Klassen, sondern vor allem von der Tatsache, dass Menschen, denen wir wichtige Arbeiten wie Erziehung und Pflege aufbürden, in unserer Gesellschaft letztlich unsichtbar sind, keine Spuren hinterlassen, keine Stimme haben.

"They cannot represent themselves, they must be represented" zitiert der Künstler Joe Scanlan dazu Marx in seinem an der Wand aufgebrachten Klassismus-Essay, der damit auf die einseitige, objektifizierende Repräsentation von arbeitenden Menschen in Medien, Kunst und Wissenschaft Bezug nimmt. Eine Tatsache, die sich auch in vielen ausgestellten Arbeiten widerspiegelt.

Und während sich nun der eine Teil der Arbeiten mit den Erfahrungen von entrechteten und marginalisierten Menschen beschäftigt, ergründen andere die perfiden Spiele des Neoliberalismus, die zu den heutigen Verhältnissen geführt haben. Monica Bonvicinis Graffito an der Wand etwa: "Add Elegance to your Poverty" steht da über einem angedeuteten Lattenzaun – die pointierte Verballhornung eines Slogans einer kalifornischen Immobilien-Developer-Gesellschaft. Die Absurdität des Original-Spruchs, "Add some Elegance to your Property", ist schließlich nicht nur reiner Zynismus angesichts von tausenden und abertausenden Obdachlosen, sondern auch Verkaufsstrategie, die den Konkurrenzdruck hochhält. Wohnen alleine reicht schon lange nicht mehr aus, man muss auch repräsentieren – um die eigene Klasse zu halten, um nicht abzusteigen.

Kein Ausweg in Sicht? Am Ende von Straubs Film in der Black Box gelangt der erniedrigte Karl Rossmann endlich zum großen Naturtheater von Oklahoma. "Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort!", plakatiert die rätselhafte Truppe vollmundig. Ausgerechnet die Kunst also scheint am offenen Ende die Utopie zu sein, das Versprechen an alle, gleich welcher Klasse er oder sie angehört. Ein schöner Gedanke, der hier im White Cube allerdings kaum der Realität zu entsprechen scheint. "Wie viele Menschen im Publikum sind denn hier Fabrikarbeiter oder Kindermädchen?", fragt Eribon an einem Punkt des Eröffnungsgesprächs – und erntet natürlich Schweigen im Saal. Denn trotz immer wieder beschworener Inklusionsbestrebungen sind im Kunstumfeld die unsichtbaren Zugangsschranken besonders hoch, ist Kunst bei allem Potential für sozialen Impact im Großen und Ganzen ein Projekt für Privilegierte, ein Hobby für Bessergestellte, das Arbeitern vor allem deshalb kaum dabei hilft, ihr eigenes Klassenbewusstsein wieder zu entdecken, und ihnen kaum das Rüstzeug mitgeben kann, hinter die neoliberalen Agenden der Rechten zu blicken – weil Arbeiter überhaupt nicht in die Ausstellungen kommen.

Allerdings bleibt ausgerechnet dieses paradoxe Verhältnis zwischen Kunst und Klasse der blinde Fleck der Ausstellung. Dabei wäre genau hier der Punkt, an dem man ansetzen könnte. Denn während die Kunstwelt, so scheint es, von der Gedankenwelt der Arbeiterklasse so weit entfernt ist, dass ein sinnvoller Schulterschluss im Klassenkampf überhaupt nicht mehr möglich ist, lebt ein Großteil von Künstlern selbst ja genauso in prekärsten Verhältnissen wie die Arbeiterklasse. Muss nicht ein Großteil der Kunstwelt, Künstler genauso wie das zugehörige Galerie- und Theorie-Prekariat, Journalisten und Kritiker täglich kellnern, babysitten oder Essen ausliefern, um unbezahlt geleistete Arbeit zu kompensieren und um steigende Mieten bezahlen zu können? Kann man sich mit dem sozialen Kapital, das man sich im unbezahlten Praktikum erarbeitet, etwas zu essen kaufen? Gehört nicht ein Großteil der Kunstbranche genauso zu den Verlierern des Systems? Und ist angesichts begrenzter Stipendien der Konkurrenzdruck genauso hoch wie am Arbeitsmarkt, ist dann nicht auch hier Solidarität innerhalb der eigenen Peer Group eher eine Randerscheinung?

Vom eigenen Anspruch, ein aufklärerisches, demokratisches, emanzipatorisches Projekt zu sein, ist Kunst tatsächlich weit entfernt. Auch Rossmann muss das erleben, wenn er in Oklahoma nur "niedrige technische Arbeiten" erledigen darf.

Es ist ein selbstgewähltes Schicksal, könnte man richtigerweise einwenden, denn in die Kunstwelt kann nur eintreten, wer sowieso schon privilegiert ist und sich demnach solche Luxusprobleme überhaupt leisten kann. Aber dennoch würde es sich lohnen, in einer Ausstellung über Klassenverhältnisse darüber zu sprechen, dass die unter- und unbezahlten Menschen, die die Kunstwelt am Laufen halten, den Arbeitern und Arbeitslosen, deren Schicksale hier Ausgangspunkt künstlerischer Produktion werden, näher sind, als wir alle glauben. Nicht nur in ihrer prekarisierten Lage, sondern vor allem im Glauben an die "Alle können es schaffen"-Lüge, die am Ende bewirkt, dass wir uns durch ein obskures Band der feinen Unterschiede enger mit milliardenschweren Sammlern verbunden fühlen als mit den "Arbeitern" da draußen. "Add Elegance to your Poverty" ist in einer Kunstwelt, in der Misserfolge aus Angst vor Konkurrenzdruck und Preisverfall versteckt und verschleiert werden, schließlich kein aufrührerischer Slogan mehr, sondern verinnerlichte Strategie.

Ja, die in unserer Gesellschaft stets verschleierten Klassenverhältnisse, sie werden in der Ausstellung zwar offengelegt, zur Sprache gebracht. Aber eine Chance ist hier dennoch vertan worden, engagiertere und inklusivere künstlerische Strategien zu erproben oder gängige Klassen-Narrative zu erschüttern oder auf den Kopf zu stellen. Wenn wir schon politisch engagierte Ausstellungen machen, die letztlich erwartbarerweise kaum von Menschen ohne Hochschulabschluss gesehen werden, dann sollten die Ausstellungen zumindest unseren eigenen Platz im System erschüttern.

Erst wenn wir nämlich unsere eleganten Fake-Fassaden herunterreißen, kann die Kunstwelt besser, fairer, offener werden für alle – und sind sinnvolle, klassenübergreifende Gespräche über gesamtgesellschaftliche Utopien wieder möglich.

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