Klos in der Kunstgeschichte

Aus Scheiße Gold machen

Maurizio Cattelan "America", 2016
Foto: -/Sotheby/AP/dpa

Maurizio Cattelan "America", 2016

Nächste Woche wird Maurizio Cattelans goldenes Klo in New York versteigert - und irgendwie halten das alle für ein symptomatisches Ereignis der Gegenwart. Dabei hat die Kunstgeschichte noch viel interessante Toiletten zu bieten

Erstaunlicherweise klappt es immer noch: Der italienische Künstler Maurizio Cattelan erschafft ein absurdes Objekt, das dann einige Zeit später für absurd viel Geld versteigert wird. Vergangenes Jahr war es eine Banane, die mit Gaffer-Tape an eine Wand geklebt ist (Erlös 6,2 Millionen US-Dollar), am 19. November kommt nun seine funktionsfähige Toilette aus rund 100 Kilo Gold bei Sotheby's in New York unter den Hammer. Der Schätzpreis richtet sich nach dem aktuellen Goldkurs und beträgt knapp eine Woche vorher um die 10 Millionen Dollar

Und auch, wenn sich Marktstunts in der Kunstwelt schneller erschöpfen als eine Rolle vierlagiges Toilettenpapier, ist die Auktion wieder ein weltweit beachtetes Schlagzeilenthema von Boulevard bis Feuilleton. Die "Bild"-Zeitung schreibt vom "Luxus-Lokus", die "Süddeutsche" sieht darin ein symptomatisches Objekt für die Gegenwart, die "ideale Trophäe für unsichere Zeiten". Dass die Parodie auf Reichtum, die Cattelan einst im Sinn gehabt haben mag, sozusagen heruntergespült wird, wenn das Objekt von Reichen als Wertanlage erworben wird - geschenkt.

Wenn Sie also vom Gold-Hype ein bisschen erschöpft sind, gibt es noch viele Toiletten in der Kunstgeschichte, die nicht nur wegen ihres Verkaufswerts interessant sind. Hier sind unsere acht Lieblingsbeispiele:



Marcel Duchamp "Fountain", 1917

Natürlich muss jede Toilettengeschichte in der Kunst mit Marcel Duchamp anfangen - und auch Maurizio Cattelan bezieht sich auf den Vater der Konzeptkunst. Schließlich stellte dieser 1917 mit seinem liegenden Pissoir auf einem Sockel die These auf, dass nicht der materielle, sondern der künstlerische Wert über die Relevanz eines Objekts entscheidet. Cattelan drehte diesen Gedanken wieder um und benutzte sündhaft teures Gold für eine profane Sanitäranlage. 

Wer jedoch einmal Duchamps "Fountain" gesehen hat, kann die Erhabenheit dieses Objekts nie mehr aus dem Kopf bekommen. Auch ohne bling ist danach jede Kloschüssel eine Nachfahrin von großer Kunst.



Sherrie Levine "Fountain (Buddha)", 1996

Ganz nebenbei ist Maurizio Cattelan auch nicht der Erste, der Duchamps Klo-Idee etwas mehr Glanz verliehen hat. 1996 schuf die US-Künstlerin Sherrie Levine, die sich auf die Appropriation berühmter männlicher "Genies" spezialisiert hat, ein Pissoir aus polierter Bronze. Damit verschob sie das Objekt aus dem Bereich der Massenproduktion hin zum künstlerischen Unikat in der Tradition großer Bildhauer. 

Die damals schon unantastbare Toiletten-Ikone wird so wieder in eine Diskussion über Originalität, Authentizität und Personenkult verwickelt. Dass Cattelan mit seiner Goldversion dieser Idee viel bekannter wurde als Levine, ist eine weitere Ironieschleife der Kunstgeschichte.

Eine andere Art von Luxusabort kreierte 2017 die Künstlerin Illma Gore. Ihr Exemplar besteht aus Louis-Vuitton-Taschen und -Koffern und ist über und über mit dem ikonischen LV-Logo verziert. Mit 100.000 Euro ist das Werk im Vergleich zur Sotheby's-Auktion aber fast ein Schnäppchen.



Sarah Lucas "Human Toilet Revisited", 1998

Gegen männliches Dominanzgehabe stellt sich auch die britische Künstlerin Sarah Lucas. In ihren so uneitlen wie humorvollen Selbstporträts holt sie Referenzen aus der Kunstgeschichte in den Alltag und verknüpft sie mit ihrer eigenen Körperlichkeit. 

Auf dem Selbstporträt "Human Toilet Revisited" kauert sie rauchend und nur mit einem Oversize-T-Shirt bekleidet in einem offensichtlich kleinen, unglamourösen Badezimmer auf der Toilette. Duchamps cleane Oberflächen werden hier durch menschliche Haut und den tatsächlichen Gebrauch des Klos "kontaminiert". Außerdem ist Lucas' nackter Po das Gegenteil der bekannten weiblichen Pin-up-Ästhetik. 

Sarah Lucas "Human Toilet Revisited", 1998 (hinten) und "Margot", 2015, zu sehen im Kiasma, Helsinki, bis Januar 2026
Foto: Kansallisgalleria / Petri Virtanen

Sarah Lucas "Human Toilet Revisited", 1998 (hinten) und "Margot", 2015, zu sehen im Kiasma, Helsinki, bis 8. März 2026



Claes Oldenburg "Soft Toilet", 1966

Aus den Dingen, die wir als selbstverständlich erachten, die Luft lassen: Unter anderem mit dieser Strategie wurde der schwedische Künstler Claes Oldenburg bekannt. Mit seiner "Soft Toilet", von der mehrere Versionen existieren, macht er die eigentlich unbewegliche, harte Keramik einer Toilette ganz weich und körperlich. Die Skulptur hat etwas Resigniertes, aber auch Komisches, Kindliches. Die klinische Hygiene-Infrastruktur des Westens bekommt hier eine ganz eigene Dramatik.



Elmgreen & Dragset "Gay Marriage", 2010

Apropos Drama, geradezu herzzerreißend ist die Installation "Gay Marriage" des Künstlerduos Elmgreen & Dragset von 2010. Bei dieser hängen zwei Pissoirs an der Wand eines White Cubes, der ja durchaus den sterilen Charme eines Badezimmers haben kann. Die chromglänzenden Rohre der beiden Porzellan-Urinale sind jedoch ineinander verschlungen, als würden sie Händchen halten oder sich im erotischen Vorspiel befinden. Die Arbeit spielt nicht nur auf öffentliche Toiletten als Ort für (heimlichen) schwulen Sex an, sondern ist auch ein Plädoyer für die Liebe für alle. Die kalte Keramik und die strenge Minimal Art sind auf einmal voller Gefühl.



Iiu Susiraja "Highlights of the Weekly Cleaning", 2018

Mit ihrem eigenen Körper und absurden Accessoires erschafft die finnische Fotografin Iiu Susiraja unwiderstehliche Real-Life-Collagen, die es sogar ins MoMA nach New York geschafft haben. Auch die Toilette wird immer wieder zum Schauplatz surrealistischer Arrangements. Mal trägt die Künstlerin eine Klobrille um den Hals, mal wächst, wie in "Highlights of the Weekly Cleaning" von 2018, ein Plastik-Weihnachtsbaum aus der Schüssel. Statt Putzutensilien hat Susiraja einen Fisch zwischen den Beinen und einen knallroten Stiletto im Mund. Die leicht verschlungenen Assoziationsketten sind dabei jedem selbst überlassen. 


Kreislauf-Klo von Tomás Saraceno, 2025

Kein Witz, sondern ein Statement: In der Berliner Galerie Neugerriemschneider steht gerade eine Toilette mitten im Raum, direkt neben den Schreibtischen der Mitarbeitenden. Sie ist Teil der aktuellen Ausstellung von Tomás Saraceno (bis 20. Dezember), und der argentinische Künstler hat das Objekt so modifiziert, dass das Wasser aus dem Handwaschbecken direkt zur Spülung verwendet wird. 

Die Skulptur ist damit zugleich Funktionsmodell: ein wortwörtlich im Alltag stehender Vorschlag, wie Wasserkreisläufe neu gedacht und entlastet werden können. Das System, das im Berliner Atelier Saracenos bereits im Einsatz ist, könnte im Galeriekontext jährlich rund 14.000 Liter Wasser einsparen – ungefähr so viel verbraucht ein durchschnittlicher deutscher Haushalt allein für die Toilette. Indem Saraceno ein vertrautes Objekt minimal verändert, macht er sichtbar, wo Ressourcen verborgen fließen, wie einfach Eingriffe sein können und welche politischen Dimensionen selbst banal erscheinende Infrastrukturen tragen. 

Ein ähnlicher Gedanke war auch auf der Documenta Fifteen in Kassel zu finden. Dort hatte das Kollektiv Más Arte Más Acción aus Kolumbien mit dem Atelier van Lieshout eine Komposttoilette in der Aue gebaut

Tomás Saraceno "Tomás Saracenoi", Installationsansicht Neugerriemschneider, Berlin, 2025
Foto: Jens Ziehe, Courtesy der Künstler und Neugerriemschneider

Tomás Saraceno "Tomás Saracenoi", Installationsansicht Neugerriemschneider, Berlin, 2025



Mindaugas Navakas "In the Morning", 2022

Auf der diesjährigen Artissima hingen sie in perfekter Reihe: vier Porzellan-Pissoirs, als Installation der Galerie AV17. Jedes Stück trägt eine andere Bemalung – mal golden, mal blau gestreift. Der litauische Bildhauer Mindaugas Navakas, dessen monumentale Arbeiten wie "The Hook" in Vilnius oder die "Four Large Reliant Sculptures" neben dem MO Museum längst zum öffentlichen Stadtbild gehören, untersucht hier erneut, wie Material Bedeutungen trägt. 

Als Vertreter jener Künstlergeneration, die in den 1970ern und 80ern die Bildhauerei in Litauen konzeptionell erneuerte, nähert er sich dem Pissoir mit derselben Ernsthaftigkeit wie seinen Großskulpturen: Das Alltagsobjekt wird zum kleinen Dialog zwischen Routine, Ritual und kultureller Überformung.