Kochkolumne von Mohamed Amjahid

Heten kneten Körnerbatzen

Foto: Frühstücksszene mit Körnerbrötchen im Korb, belegtem Vollkorn-Körnerbatzen, Messer, hartgekochtem Ei.
Foto: Mohamed Amjahid

Undramatische Körnerbatzen

Ist Heteros noch zu helfen? Das fragt sich gerade unser Kochkolumnist - und hofft, mit diesem Brötchenrezept zumindest am Frühstückstisch noch etwas retten zu können 

Bei meiner morgendlichen Presseschau sprang mir beim "Spiegel" diese Schlagzeile entgegen: "Ist Heteros noch zu helfen?" Und wenn schon das Hamburger Nachrichtenmagazin eine solche Frage aufwirft, muss sich auch diese Kochkolumne darum kümmern. Ich überspringe hier mal die jüngsten Entgleisungen rechter Heten, die nach dem schmerzhaften Anschlag eines Islamisten auf den Berliner Christopher Street Day schamlos queeres Leid für ihre politische Agenda ausgenutzt haben. An dieser Stelle soll es essentialistisch, verallgemeinernd und provokativ um die simple Kernfrage gehen: Ist Heteros noch zu helfen?

Ich musste mich bei meiner Presseschau nämlich direkt an eine U-Bahnfahrt vor wenigen Tagen erinnern, bei der es wegen heterosexuellen Wahnsinns fast zur Katastrophe kam. Die Bahn fuhr wie gewohnt in den Bahnhof ein. Ich saß im fast leeren Wagon mit einem Alex. Ich würde ihn auf Mitte Zwanzig schätzen, Babyface, Baggy Pants, ein Tattoo auf dem Arm: A <3 A. Alex sah sehr nachdenklich aus, gedankenversunken und zugleich sehr präsent, als müsste er in wenigen Augenblicken die schwierigste Prüfung seines noch jungen Lebens bestehen. 

Die Türen gehen auf. Dort, an der Säule mitten im Bahnhof, steht die Anna. Ich kenne ihre Namen, weil sie sich gleich anschreien werden. Anna sagt: "Ich hasse dich, Alex!" Alex antwortet: "Ich mache mit dir Schluss, Anna! Das war's!“ Sie erwidert: "Bitte nicht, ich kann ohne dich nicht leben!" Alex schreit sie an: "Ich werde dir niemals vergeben!"

Jetzt hasst sie ihn wirklich

Das Warnsignal ertönt, die Lichter leuchten rot auf. Anna rennt Alex entgegen und stemmt die Tür auf, da war die U-Bahn schon einen Zentimeter weitergefahren, hätte sie mitgeschleift. Vollbremsung. "Was soll denn das?", ruft der U-Bahnfahrer durch die Lautsprecher. Anna weint jetzt. Alex schubst sie von sich weg, zurück auf den Bahnsteig. Bei Heten muss man immer aufpassen, weil der Femizid gar nicht so weit entfernt sein könnte. Deswegen werde ich noch aufmerksamer.

Erneut ertönt das Warnsignal. Diesmal stemmt Alex die Tür des alten, senfgelben Wagons auf. Jetzt schreien alle: Der U-Bahnfahrer, die Anna und der Alex. "Ich hasse dich, Anna! Es ist vorbei!" Anna dreht sich um, lehnt sich gegen die Säule im Bahnhof. Die Bahn fährt weiter. Ich sehe sie noch, wie sie ihm den Mittelfinger entgegenstreckt. Sie hat nur getan, als würde sie weinen, sie hasst ihn wirklich jetzt. Was mal Liebe war, auf ihren Körpern eingraviert, kehrte sich im U-Bahnhof ins Gegenteil. Ich stelle mir die Frage: Ist Heteros noch zu helfen?

Diese Frage ploppt bei mir immer häufiger auf: Um mich herum lassen sich alle Heten scheiden oder leben nicht selten in Unmut und Verunsicherung. Dafür müssen sie noch nicht mal jahrelang dem falschen Menschen vertraut haben. Neulich im Café entwickelte sich ein Tinder-Date zu einer Sitcom. Sie erzählte ihm 20 Minuten von ihrem Leben, ihrem Job, ihrem ehrenamtlichen Engagement. Er sagte lange nichts, und dann ließ er die Bombe platzen: "Ich hasse Frauen, die zu viel reden." Aus und vorbei. Es herrschte ab da mehr Stille als Konversation. Ist Heteros noch zu helfen?

Hetero-inklusiv und mit Geling-Garantie

Vielleicht mit diesem schnellen Rezept für Körnerbatzen. Man kann den Teig am Vorabend vorbereiten und die Brötchen vor dem Frühstück aufbacken. Sie sind gesund, nahrhaft und sogar hetero-inklusiv. Jeder kann sie backen, selbst verzweifelte Heten auf der Suche nach Liebe und Leben. 

Für den Teig werden 250 g Roggenvollkornmehl, 100 g Dinkelmehl, 50 g Haferflocken, 50 g Sonnenblumenkerne, 30 g Leinsamen und 20 g Sesam (beides eher optional, finde ich) in einer Schüssel vermischt. In 300 ml lauwarmem Wasser werden 1 TL Salz, 1 TL Honig, 1 TL Trockenhefe und 1 TL Sauerteigextrakt aufgelöst und anschließend zu den trockenen Zutaten gegeben. Wer Sauerteig selbst züchtet, kann das bitte benutzen und mich in Ruhe damit lassen, ich habe inmitten des Heten-Wahnsinns dafür keine Zeit. 

Der Teig wird glatt geknetet, bis er eine klebrige, aber geschmeidige Konsistenz aufweist. Die Schüssel wird mit einem Tuch abgedeckt und der Teig über Nacht im Kühlschrank gelagert, damit die Aromen sich entfalten und die Körner aufquellen können. Am nächsten Morgen wird der Teig eine Stunde bei Raumtemperatur in Ruhe gelassen. 

Der Backofen wird auf 200 °C Ober- und Unterhitze vorgeheizt. Aus dem Teig werden 8 bis 10 flache Batzen geformt und auf ein mit Backpapier belegtes Blech gelegt. Ich habe sie als Dreiecke modelliert, Kugeln sind auch erlaubt. Hetero-inklusiv bedeutet ja, dass jede:r einen Platz bekommt, jede:r irgendwann sein Glück findet, egal wie aussichtslos es manchmal scheint. 

Vor dem Backen kann die Oberfläche mit Wasser besprüht und mit zusätzlichen Körnern bestreut werden, um mehr Biss zu erzielen. Die Körnerbatzen werden 20 bis 25 Minuten gebacken, bis sie goldbraun und knusprig sind. Nach dem Backen werden sie auf einem Gitter abgekühlt, wobei sie noch etwas fester werden. Die Batzen schmecken am besten frisch, lassen sich aber gut einfrieren oder in einer Dose drei bis vier Tage aufbewahren und mit etwas Wasser benetzt kurz im Ofen wieder frisch aufwärmen. Ohne Heten-Drama, dafür mit Geling-Garantie.