Entschleunigung. Ein Sommertag. An Bord der MS Edeltraut schippert man ganz gemütlich über das bayerische Meer Richtung Herrenchiemsee. Ungefähr 900 000 Menschen nutzen jährlich die Flotte der Chiemsee-Schifffahrt, um, etwa von Prien aus andere Orte wie Gstadt oder Seebruck zu erreichen, oder eben die Inseln: die Frauen- und die Herreninsel – die kleine Krautinsel wird nicht angesteuert. Ein Haupt-Touristenmagnet ist dabei Schloss Herrenchiemsee, der unvollendet gebliebene Traum Ludwigs II., eine bayerische Kopie von Versailles zu schaffen. Er stellt die andere Attraktion dieser Insel etwas in den Schatten: das alte, "echt-barocke" Augustiner-Chorherrenstift.
Nach einem kleinen Spaziergang über die Insel Herrenchiemsee steht man also zwischen anderen Besucherinnen und Besuchern im prunkvollen Großen Spiegelsaal des Schlosses – und begreift: Schloss Herrenchiemsee war womöglich von Beginn an weniger als tatsächlicher Aufenthaltsort gedacht denn als Inszenierung und Demonstration überhöht-absolutistischer königlicher Macht und Kunstsinnigkeit.
Noch geblendet vom Rundgang durch den fertiggestellten üppig-neobarocken Teil des kaum je bewohnten Schlosses folgt, wenn man nach dem Verlassen des Schlosses wieder zum Seiteneingang hineinschlüpft, die Erdung: Im Eingangsbereich der Ausstellung "Könnt ihr noch? – Kunst und Demokratie?" stößt, in den unvollendet gebliebenen Rohbauräumen des Nordflügels die monarchische Fantasie auf – Deichkind.
Selbstoptimierung aus Überforderung
In deren dystopischem Video "Könnt ihr noch", dem die temporäre Ausstellung ihren Untertitel verdankt, haben die Menschen sich selbst abgeschafft: Körper verschmelzen mit Maschinen. Die hektische Robotik-Collage spielt, wie so oft bei Deichkind, albern und ernsthaft zugleich, mit zahlreichen Popmusik-Referenzen, von Kraftwerk über Björk bis zu Daft Punk. Deichkindtypisch ist auch das Thema, nämlich die radikale Überforderung von Ich und Gesellschaft im Maschinenzeitalter, für die viele die individualistische Maschinenlösung propagieren: Selbstoptimierung.
Aber wie widerstandsfähig ist unsere demokratisch organisierte Gesellschaft eigentlich insgesamt? Mit dieser Frage zieht man durch die faszinierenden Rohziegellandschaften: Auf die Pompbilder des Monarchen im fertiggestellten Teil des Schlosses folgen hier 50 Werke aus der Sammlung Moderne Kunst der Pinakothek der Moderne, allesamt harmonisiert von den unverputzten, selbst skulptural anmutenden, rötlich matten Backsteinwänden. Kanonisierten Werken der Moderne – unter anderem von Pablo Picasso, Francis Bacon oder Gerhard Richter – sind gegenwartsnahe Setzungen von Maria Lassnig, Rosemarie Trockel, Lisa Brice, Sheila Hicks und vielen anderen gegenübergestellt. Die Spielräume weiten sich, geht man mit Deichkinds Gegenwartsoptik durch die hohen Räume.
Einen Ausgangspunkt des Rundgangs bildet der für uns heute bis heute prägende Zivilisationsbruch des Zweiten Weltkriegs und der Blick auf die deutsche Nachkriegsgesellschaft: Willi Geigers "Ruinengespenst" von 1952 macht deutlich, dass 1945 nicht alles vorbei war, dass der Spuk vielleicht in Teilen weiterging und weitergeht. Neben einer hellen Geisterfigur sind abstrakte Architekturfragmente sichtbar, es überwiegen düstere Farben. Das "Gespenst" kann als Figur der Schuld oder als Bild einer nicht abgeschlossenen Geschichte gelesen werden.
Wer schaut?
Pablo Picassos "Le peintre et son modèle" eröffnet Fragen von Macht und Darstellung. Das Bild von 1963 zeigt eine Atelierszene: Links sitzt der Maler, rechts das Modell, aber alles wirkt zusammengeschoben: Maler, Modell, Staffelei und Stuhl drängen sich auf engem Raum. Wer schaut? Wer hat die Kontrolle über das Bild? Welches Subjekt macht wen oder was zum Objekt?
Francis Bacons "Crucifixion" zeigt die Kehrseite unserer überreizten Gegenwart: Gewalt und Verletzung. Sein flügelaltarartiges Triptychon lässt kein Heil erwarten. Vor einer orangeroten Wand und einem grauen Bühnenboden erscheinen die Körper als Fleischmassen: Die Kreuzigung als Bild politischer und existenzieller Gewalt. Wie schützt unsere Gesellschaft die Würde des Einzelnen?
Bei Maria Lassnigs "Spannungsfiguration" von 1961 wird Demokratie körperlich: Anders als bei Ludwigs Porträts werden Körper hier nicht idealisiert, sondern als konkrete Wahrnehmungsräume fühlbar. Bunte Linien ziehen sich über eine Fläche. Nervenbahnen? Der Körper wird nicht abgebildet, alles bleibt brüchig. Wie schreiben sich die Blicke auf mich in meinen Körper ein? Wie nehme ich mich wahr?
In diesen Ausstellungsräumen ist alles luftig, hell. Irgendwie schön, dass dem König das Geld ausgegangen ist, für seinen irren Prunkbau, sodass heute sein unfertiges Märchenschloss umgenutzt werden kann. Durch monumentale Treppenhäuser gelangt man zum Schlussakkord.
Fragile Türme
Sheila Hicks arbeitet mit Textilien. Ihre mehrere Meter hohe Installation "Saffron Sentinel" von 2017 besteht aus vielen rundlichen, weichen Stoffballen. Wattebäusche für Riesen in Safrangelb, Orange, Ocker, Rostrot, Dunkelrot, Cremeweiß und Zitronengelb. Während im Deichkind-Video Körper brutal in Maschinen zerlegt werden, keimt bei Hicks eher so etwas wie Hoffnung: Verbindung, Gewebe, Beziehung. Demokratie als sozialer Stoff – allerdings nur, wenn die Fäden nicht reißen. Demokratie als Festung? Nix da.
Sheila Hicks "Saffron Sentinel", 2017
Inge Mahn macht Demokratie als Gratwanderung sichtbar. Ihre Installation besteht aus weißem Gips auf einer Eisenkonstruktion. Links ein kantiges Etwas, das wie eine Mischung aus Treppe und Turm wirkt. Rechts ein hoher, schmaler Block, der deutlich zur Seite kippt. Zwischen den beiden Elementen sind dünne Seile gespannt, die das Ensemble in einem labilen Gleichgewicht halten. Nichts Sicheres. Schon der Titel spricht: "Balancierende Türme" von 1989 passt perfekt hierhin: Wo Ludwigs Machtprojektion aufhört, steht nun ein Bild politischer Fragilität.
Eingefasst werden die Positionen der Ausstellung durch die Arbeiten eines Säulenheiligen und – auf unludwigsche, eigene Art ebenfalls – Märchenerzählers der deutschen Nachkriegskunst. Ja, zunächst macht Joseph Beuys’ "Rose für direkte Demokratie" von 1973 Sinn. Eine rote Rose in einem Laborglaszylinder mit wenig Wasser. Pflegestufe 1, mindestens. Am Ende der Ausstellung finden sich zwei weitere Werke des gebürtigen Krefelders. Der Siebdruck "Demokratie ist lustig" von 1973 zeigt wohl eine echte Aufnahme von Beuys in dem Moment, als er die Düsseldorfer Kunstakademie verlassen musste, weil er alle von der Akademie abgelehnten Bewerberinnen und Bewerber in seine Klasse aufgenommen hatte. Er scheint zu feixen: Macht er sich lustig? Aus heutiger Sicht fragwürdig ist vielleicht auch schon der Titel seines Filzplattenwerks mit Braunkreuz: "So kann die Parteiendiktatur überwunden werden" von 1971.
Kein Trost, aber ein Mutmacher
Ganz am Ende dann Gerhard Richter mit "Stukas" von 1964, auf dem unscharf drei Sturzkampfbomber zu erkennen sind. Eine direkte Anspielung auf Beuys vor dem Hintergrund von dessen problematischer Selbststilisierung, von seinem Hang zur Esoterik und seiner Teilnahme an erklärungsbedürftigen Veteranen- und Kameradschaftstreffen? Jedenfalls als Schlusspunkt der Ausstellung durchaus ein Coup.
Unsere Demokratie ist bedroht. Keine neue Erkenntnis. Es ist kein kitschiges Ende zu finden, hier auf der Herreninsel. Kein "Wir schaffen das". Im Dauerrauschen aus Krisen, Medienbildern und Maschinenästhetik lenkt die Ausstellung den Fokus auf das mögliche Scheitern der Demokratie.
Auf dem Rückweg ist der eigentliche Mutmacher kurz bevor man wieder in das Boot steigt: die Ausstellung "Der Wille zu Freiheit und Demokratie – der Verfassungskonvent von Herrenchiemsee 1948" im Augustiner-Chorherrenstift. Im August 1948 kamen genau hier rund 30 Bevollmächtigte aus den drei westlichen Besatzungszonen zusammen und arbeiteten im Auftrag der westdeutschen Länder an einem Verfassungsentwurf für die künftige Bundesrepublik: Es entstanden zentrale Vorarbeiten für unser Grundgesetz: Insbesondere unsere Grundrechte gleichen in Inhalt und Formulierung fast dem Entwurf von Herrenchiemsee. Die Ausstellung fokussiert ausdrücklich auch die Gegenwart und fragt zum Beispiel danach, wie eine Verfassung mit Spaltung, Krisen und antidemokratischen Kräften umgeht.
Ein Möchtegern-Versailles, eine ambitionierte und politische Ausstellung moderner und zeitgenössischer Kunst und ein authentischer Ort zur Vorgeschichte des Grundgesetzes – all das findet sich hier auf einer kleinen Insel. Und das ist fast mehr, als an einem Tag gemütlich zu schaffen ist. MS Edeltraut: Take me home.