"20 Jahre Einsamkeit" hat Anselm Kiefer seine Installation aus liegen gebliebenen Leinwänden genannt, aus angefangenen und unfertigen Bildern, die sich in den zwei Jahrzehnten bis 1991 bei ihm angesammelt hatten. Die stapelte er zur Eröffnung des neu geschaffenen Kunstmuseums Wolfsburg aufeinander, eine der ersten Erwerbungen überhaupt.
Das ist nun auch schon wieder gute 30 Jahre her, in denen das Konglomerat aus Holz und Leinwand, also organischen Materialien, gelegentlich vor sich hin geknackt und geächzt hat, aber an seinem einmal gewählten Platz geblieben ist. Und sogar der vertrocknete Mäusekadaver, der an einer Ecke des Werks zu finden ist, blieb an seinem Platz, ein Memento mori der besonderen Art.
Eher ungewollt bilden Kiefers ungesehene Bilder den Abschluss der Ausstellung "Freischwimmen. Köpper in die Kunst!" – sie lassen sich halt nicht beiseite räumen. Doch ob geplant oder nicht, die leise Melancholie, die der Installation innewohnt, ist kein unpassendes Gegenmoment gegen den zuvor zu absolvierenden Rundgang. In dem geht es nämlich – der Titel deutet es an – um unbeschwertes Vergnügen, ums Hier und Jetzt, wie es die Assoziation an Freibad und Sommer, an Schwimmen und Plantschen nahelegt. Und vor allem der titelgebende "Köpper", der Mut-Sprung vom Dreier oder sogar Fünfer. Also rein!
Gelegenheit zur eigenen Kreativität
Das Team aus fünf Kuratorinnen wollte jedenfalls den hauseigenen Sammlungsbestand auf neue Weise zugänglich machen, statt ihn einfach nur nach Künstlern oder Themen aufzureihen. Ausdrücklich richten sie sich an ein junges Publikum. Der Rundgang, in drei Teile gegliedert, ist dann auch um Mitmach-Stationen aufgebaut, die vom Zeichnen auf bereitliegendem Papier bis zu Selfies an vorgegebenen Standorten Gelegenheit zu eigener Kreativität bietet.
Ob die Kunst damit unterfordert ist, sei dahingestellt. Sarah Morris' Siebdruck "Dulles (Capital)" beispielsweise ist eine Abstraktion, ob von Startbahnen oder verglasten Gebäuden oder was auch immer; aber jedenfalls nichts, das unmittelbar zum Mit- oder Nachmachen anregt.
Genauso wenig kann Ólafur Elíassons Installation aus Tageslichtprojektor und farbigen Glasscheiben unter dem Titel "Who is afraid" in eigene, spontane Aktivitäten überführt werden. Da nimmt man dann lieber auf der nahen Sitzbank Platz, vor der sich das Panorama von 48 verschiedenen Bildern, meist Fotografien und wenigen Gemälden, an der längsten Wand des Rundgangs ausbreitet, darunter Arbeiten von Mette Tronvoll, Rebecca Lewis oder auch dem legendären Bildreporter Robert Lebeck, dessen Aufnahmen das Wolfsburg der Wirtschaftswunderzeit heraufbeschwören (und insbesondere das ältere Publikumssegment ansprechen).
Das allmähliche Verschwinden von Kunst überhaupt?
"Ankommen", "Eintauchen" und "Auftauchen" sind die drei Ausstellungsteile überschrieben und nehmen so die Schwimmbad-Metapher auf. Am Vormittag unseres Besuches fehlen leider die jungen Leute, die die Aufforderung zum Kopfsprung in die Kunst befolgen. So überwiegt für den traditionell sozialisierten Museumsgänger das kontemplative Moment, etwa bei James Turrells Installation "Moenkopi", bei der einmal mehr der hinlänglich bekannte, dennoch jedes Mal faszinierende, unmerkliche Übergang von einer Farbe in eine andere, einer Fläche in die nächste zu bewundern ist.
"Die Ausstellung", so die Kuratorinnen in ihrem Begleittext – einen Katalog gibt es nicht – "spiegelt mit ihrer besonderen Konzeption die aktuellen Entwicklungen in der Museumswelt wider. Als zukunftsorientierter, inklusiver und dynamischer Ort der Kunst setzt das Kunstmuseum Wolfsburg damit die neueste Definition von Museen durch den Verband Icom und des Deutschen Museumsbundes auch in der Praxis auf allen Ebenen um." Hier jedenfalls sind "alle Besucher*innen eingeladen, sich aktiv einzubringen, neue Perspektiven zu entdecken und die Ausstellung mitzugestalten".
Ohne Mitmach-Angebote ist Aufmerksamkeit im Zeitalter von Smartphone und Instagram nur mehr schwer zu gewinnen. Vielleicht braucht es dafür auch keine Kunstwerke mehr – obgleich die in Wolfsburg gezeigten das hohe Niveau des Sammlungsbestandes bezeugen und durchaus keiner Mitmacherei bedürfen. Anselm Kiefers melancholisches Werk am Ende der jetzigen Ausstellung meint zuallererst die eigenen, abgebrochenen Anläufe zur Kunst. Aber es könnte auch das allmähliche Verschwinden der Kunst überhaupt andeuten. Es wäre schade. Hoffen wir das Beste!