Erst ein Kaffee, dann zum Kühemelken und schließlich ins Atelier: Für Yoriko (Takako Matsu) ist das der ideale Lebensentwurf. Im ländlichen Idyll der westjapanischen Kleinstadt Nagi lebt die Bildhauerin und Landwirtin autonom und im Einklang mit ihrer Umgebung; ihre alten Lieb- und Leidenschaften hat sie hinter sich gelassen. Wenn ihr der Holzfäller Material für ihre Skulpturen bringt oder die Stimme des Radiomoderators ertönt, reicht ihr das bereits an menschlicher Begegnung. Erst als ihre alte Freundin Yuri (Shizuka Ishibashi) auftaucht, um ihr für eine Skulptur Modell zu sitzen, kommt Unruhe in Yorikos geordnetes Leben.
Der japanische Regisseur Kôji Fukada ist bei den Filmfestspielen von Cannes kein Unbekannter. Mit dem Gerichtsdrama "Love on Trial" war er bereits im vergangenen Jahr in einer Nebensektion vertreten, mit "Harmonium" gewann er 2016 einen Jurypreis. "Nagi Notes" ist nun Fukadas erster Beitrag im Wettbewerb um die Goldene Palme – und überrascht gerade deshalb mit seiner zurückhaltenden Inszenierung. Im Zentrum steht die Annäherung zweier Frauen, die sich parallel zur Entstehung eines Kunstwerks vollzieht.
Geister der Vergangenheit
Yorikos Arbeit an der Skulptur braucht Zeit. Jeder weitere Schritt könnte ihre Skulptur verfeinern – oder aber ruinieren. Vor allem aber bleibt zwischen den einzelnen Arbeitsschritten viel Zeit, Tage, an denen die Künstlerin unruhig schläft und von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird. Nachdem die Künstlerin die Skulptur ihrer Freundin vollendet hat, wirkt das naturalistische Abbild am nächsten Tag plötzlich unheimlich. Sie attackiert ihr Werk, bis es nur noch einer halb abstrakten Fratze ähnelt.
Als Yuri das sieht, ist sie schockiert. Sie fragt sich, welche Seiten ihrer Freundin ihr bislang verborgen geblieben sind. Die Architektin selbst hat wiederum mit anderen Gespenstern zu kämpfen: mit ihrem eitlen Ex-Mann etwa, mit dem sie früher erfolgreich zusammengearbeitet hat und der nun versucht, sie mit einem neuen Auftrag zurück nach Tokio – und womöglich zurück in die Beziehung – zu locken.
Von all diesen Konflikten erzählt Fukada in hellen, sorgfältig komponierten Bildern und in gleichmäßigem Takt. "Nagi Notes" spielt fast durchgehend bei Tageslicht und meist in aufgeräumten Innenräumen. Während des Modellstehens hören die Freundinnen einander zu, konfrontieren sich, bleiben dabei aber stets freundlich und umeinander besorgt.
Auch das Zusammentreffen der Kunstsparten Architektur und Bildhauerei bleibt ein höflicher Abgleich: Yoriko beklagt, dass Architektur nicht allen Menschen gehöre, und betont die Naturverbundenheit ihrer Holzarbeiten. Yuri stimmt ihr zu. Alles bleibt Idylle, die Geister scheinen vergessen. Nur im Hintergrund donnern die Waffen der nahen Militärbasis.
Nagi wirkt oft nur wie ein Postkartenmotiv
"Nagi Notes" erzählt subtil von den Unwägbarkeiten und Ungreifbarkeiten der menschlichen Psyche. Leider bleibt die titelgebende Landschaft, Ort des Konflikts zwischen naturverbundener Kunst und urbanem Leben, dabei vor allem Symbol. Die sonnenhellen und doch flachen Bilder schaffen es kaum, die Umgebung plastisch werden zu lassen. Yorikos Naturliebe bleibt Behauptung, während Nagi oft nur wie ein idyllisches Postkartenmotiv wirkt.
Dabei gäbe es über diese Stadt einiges zu erzählen, die maßgeblich von Landwirtschaft, einer Militärbasis, aber auch vom Nagi Museum of Contemporary Art geprägt ist. Die Institution schlägt eigentlich eine Brücke zwischen Architektur und Kunst, wenn die beiden Freundinnen die eindrucksvolle Röhrenkonstruktion besuchen – doch auch sie bleibt letztlich bloße Kulisse.
Statt Architektur, Stadtbild und Lebensschicksale elegant miteinander zu verweben – wie etwa im Spielfilm "Columbus" des US-Amerikaners Kogonada –, bringt Fukada diese Elemente nie ganz zusammen. Unnötigerweise wird schließlich sogar noch die klischeehafte Liebesgeschichte zweier Dorfjungen ausgebreitet. Dabei wäre die Beziehung der beiden Protagonistinnen zur japanischen Landschaft filmisch weit ergiebiger gewesen. Ob sich die Jury in Cannes von dieser filmischen Unentschiedenheit überzeugen lässt, bleibt fraglich.