Extremwetter

Klimaanlage als Klassenfrage

Foto: Ziegeldach mit zwei Dachfenstern mit Rollläden; Klimaanlagen-Außengerät darunter links.
Foto: Marijan Murat/dpa

Statt Freibad: Schotten dicht zu Hause

Die erste Hitzewelle des Sommers hat einen neuen Technik-Hype hervorgebracht: die Klimaanlage. Zugleich zeigt die Debatte um Extremwetterereignisse, wie groß die sozialen und politischen Versäumnisse sind

Das Technik-Gadget dieses Jahres ist weder der neue elektrische Ferrari Luce noch irgendeine neue Konsole oder ein Apple-Produkt. Es ist die mobile Klimaanlage Midea Portasplit, die zwar schon seit einigen Jahren auf dem Markt ist, aber dank der europaweiten Hitzewelle für viele hierzulande zum Must-have und absoluten Objekt der Begierde geworden ist. Nahezu religiös wird nach ihr gesucht. Wer dieser Tage eines dieser Geräte kaufen will, hat es wahrscheinlich schwerer, als beim Goldschürfen im Rhein reich zu werden. 

Klimaanlagen haben hier in Europa, anders als in Asien oder Amerika einen schlechten Ruf. Sie machen Schnupfen, sagen viele. Vor allem für alte und kranke Menschen sind Temperaturen um die 40 Grad aber lebensbedrohlich. In Europa geht die Zahl der Hitzetoten in die Tausende. Frankreich traf es besonders hart: In Paris sind die Leichenhallen überfüllt. Und die nächste Hitzewelle kommt bestimmt. 

Diejenigen, die eine der Trend-Klimas zum Normalpreis (zwischen 750 und 800 Euro) ergattern konnten, berichten aber oft von Ärger mit Vermietern und Hausverwaltungen. Ähnlich wie bei Balkonkraftwerken (mit denen man mobile Klimaanlagen durchaus ressourcenschonend betreiben könnte) scheinen technische Lösungen für relevante Probleme manchen Verwaltungen ein Dorn im Auge zu sein. Denkmalschutz steht dann über Menschenschutz. 

Klassenunterschiede

Sucht man dieser Tage eine Portasplit auf Ebay oder Amazon werden Preise von rund 3000 Euro verlangt. Mit der Not von Menschen lässt sich eben immer auch Profit machen. Sehr viele können sich das aber auch schlichtweg nicht leisten. Wie zu Corona offenbaren Krisen eben auch Klassenunterschiede. Armutsbetroffene und Hilfsbedürftige leiden wesentlich stärker unter den Folgen der Klimakrise. Menschen, die remote am Computer arbeiten können, können den Gefahren eher aus dem Weg gehen als Amazon-Boten, Erntehelfer oder Wolt-Rider. 

Klimaanlagen sind in diesem Zusammenhang weniger Luxusgut als viel mehr gesundheitliche Vorsorge, die gesellschaftlich relevant ist. Zumal die Lösung nicht erst mit KI und Quantencomputern erfunden werden muss, und sich in anderen Regionen der Welt mehr als bewährt hat. Auch die viel diskutierte Wärmepumpe kann im Sommer, statt zu heizen für kühle Temperaturen in Innenräumen sorgen. Es besteht also Nachholbedarf, auch von Seiten der Politik.

Realitätsferne Arbeitspolitik

In der Zwischenzeit kann man sich nur Konzepte aus anderen Ländern abgucken. In Asien und den USA geht man bei besonders heißen Tagen in die Mall oder ins Kino. Dort kann man auch der aggressiven Sonne aus dem Weg gehen. Und in Südeuropa werden aus guten Gründen während der Mittagsstunden die Schotten einfach dicht gemacht und Mittagsschlaf gehalten. 

Man könnte sich überlegen, in den Sommermonaten auch hierzulande flächendeckend eine Siesta einzuführen. Die Mediterranisierung Nordeuropas könnte einige Vorteile mit sich bringen. Dass das mit der von der Merz-Regierung geforderten Arbeitszeiterhöhung und dem Kampf gegen Teilzeit-Lifestyle kollidiert, zeigt auch, wie realitätsfern solche neoliberalen Ansätze sind – nicht nur im Sommer. 

Um spätestens 15 Uhr den Rechner zuklappen, kalte Schorle trinken und statt sich mit "Deadline, Deadline" panisch zu machen, einfach mal "Tranquillo, tranquillo" zum Lebensmotto machen. Wenn die Welt schon untergeht, dann wenigstens mit einem Eis in der Hand.