Krisenbewältigung im Digitalen

Was machen Künstler in der Corona-Krise?

Andy Picci, "#quarantine day 18: "Outdoor" is part of my "e-XHIBITION"
Foto: © Andy Picci

Andy Picci, " #quarantine day 18: "Outdoor", Teil der Online-Ausstellung "e-XHIBITION" "

Einen apokalyptischen Notstand größtenteils passiv mitzuerleben, macht viele Menschen unruhig. Via Instagram kann man verfolgen, wie Künstler den Stillstand kreativ bewältigen

Irgendwelche Reisepläne dieses Jahr? Das steht als Frage in einem Meme. Die Antwort: Flüge von App zu App. Von Instagram zu Twitter. Kurzer Stop. Weiter geht es. Die nächsten Ziele: YouTube, Netflix und Snapchat. So haben wir uns die Apokalypse nicht vorgestellt. Auf Netflix sah das bisher immer ganz anders aus. "Jeder und jede ist ein Teil unseres Kampfes gegen das Virus. Jeder, der die Regeln befolgt, kann jetzt ein Lebensretter sein", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Podcast Ende März. Ein Lebensretter, so hat man sich das bisher vorgestellt, ist jemand, der Menschen aus einem brennenden Haus oder vor dem Ertrinken rettet. "Ich bitte Sie", appellierte Merkel, "seien Sie geduldig."

Das ist also alles, was wir tun müssen: Geduldig sein, Kontakte einschränken, zu Hause bleiben. Als Lebensretter bewegen wir uns jetzt tagein tagaus zwischen Bett, Schreibtisch und Couch hin und her. Smartphone in der Hand, Laptop auf dem Schoß. Weiter als in den nächsten Supermarkt oder auf die nächste Grünfläche führt kein Weg.

Laurie Penny, die britische Journalistin und Feministin, hat gerade für "Wired" in einem Text unter dem Titel "This Is Not the Apokalypse You Were Looking for" über die aktuelle Situation geschrieben. "Ich habe nicht erwartet, dass ich einer solchen Situation in kuscheligen Socken und Bademantel begegnen würde, tausende Meilen von zu Hause und sehnsüchtig nach einer Tasse ordentlichem Tee", gibt sie zu. Ja, wer hätte gedacht, dass er einmal auf Socken und im Bademantel zum Lebensretter wird und nicht mehr tun muss, als ruhig zu bleiben und geduldig zu sein?

Danach wird nichts mehr sein, wie es war

Easy? Natürlich nicht. Denn wir wissen nicht, wann das alles vorbei ist. Oder doch, wir wissen es: nie. Denn jetzt gibt es eine Zeit bc und ac, also: "before corona" und "after corona". Und danach wird nichts mehr sein, wie es einmal war. Die Welt fühlt sich größer an, nicht kleiner, schreibt Penny: "Es erscheint wichtiger, wieder Kontakt mit Freunden aufzunehmen. Es erscheint wichtiger denn je, süß und verrückt zu sein." Smartphones und soziale Netzwerke machen die Welt größer und lassen uns mehr sehen als die eigenen vier Wände. Wir sehen, was Bekannte und Unbekannte in dieser Krise machen. Arnold Schwarzenegger sitzt an seinem Küchentisch und teilt sein Essen mit einem Esel und einem Pony. Jerry Saltz derweil versucht herauszufinden, wie Netflix und Amazon funktionieren. Und eigentlich brauche er das alles gar nicht, twitterte er, er wolle doch nur einen Documentary Channel haben.


Til Schweiger läuft in Hamburg durch einen Park und regt sich auf: "Hey Leute, habt ihr nicht gehört, was die Kanzlerin gesagt hat vor zwei Tagen?" Der Anlass: Die Leute laufen im Park einfach straight forward auf ihn zu und denken gar nicht erst daran, zwei Meter Abstand zu halten. 400.000 Leute interessiert das.

Und was machen Künstler und Künstlerinnen, von denen immer erwartet wird, dass sie das Jetzt in ihrer Kunst verarbeiten? Besonders Künstler, die in den sozialen Medien arbeiten, haben in den vergangenen Wochen ganz unterschiedlich reagiert und agiert. Auf Instagram habe ich mir einen Ordner mit dem Titel "Corona" angelegt, der Inhalt wird von Tag zu Tag umfangreicher.

Als klar war, dass noch nicht bei allen angekommen ist, wie ernst die Lage ist und wie einfach es ist, verantwortlich und solidarisch zu handeln, haben Künstler die Nachricht der Stunde geteilt: #stayhome. Andy Kassier beispielsweise hat das gemacht, was er am besten kann, nämlich Selfies. Er hat eine Anleitung geteilt, wie man in der jetzigen Situation in fünf einfachen Schritten zu einem Selfie kommt. Schritt 1: Zu Hause bleiben, sich informieren. 2. Gesund und sauber bleiben. Immer schön die Hände waschen also. 3. Im Kontakt mit den Lieben bleiben. 4. Haltung bewahren. 5. Selfies machen.

 

Nachdem man davon ausgehen konnte, dass die Message #stayhome angekommen ist, stand die Frage im Raum: Und nun? Avery Singer, eine der bekanntesten und erfolgreichsten Malerinnen ihrer Generation, versuchte es mit Ablenkung. Unter dem Hashtag #CoronaVirusArtistResidency hat sie zum Tanz gebeten. "Do a dance alone in your studio and use the hashtag". Und das hat sie auch gemacht. Singer tanzt mit Mundschutz in ihrem Studio.

 

Im Studio kann man bekanntlich nicht nur tanzen, sondern auch arbeiten. Und dort entsteht aktuell, wovor wir alle vermutlich ein wenig Angst haben: Corona-Kunst. Der britische Maler Oli Epp hat London verlassen und ist hinaus zu seiner Mutter aufs Land gezogen, wo er jetzt nackt unter freiem Himmel malt, wie er auf Instagram geschrieben hat. Vor dem Umzug ist in seinem Londoner Atelier das Gemälde mit dem Titel "Quarantine" entstanden.


Epp ist bekannt für seine Figuren, die irgendetwas zwischen Mensch, Wurm und Fleischklumpen sind. Ein sexy gelbes Wurmwesen, das sich mit Mundschutz und Handschuhen vor der Infektion schützen möchte, ist mit einem Desinfektionsspray bewaffnet. Vielleicht wird das mit der Corona-Kunst doch nicht ganz so schlimm.

Wer für einen Moment innehält, weil Corona-Kunst vielleicht doch nicht die Lösung ist, sucht das Gespräch. Vom frühen Morgen bis in den späten Abend wird sich auf Instagram in Livestreams miteinander unterhalten. Galeristen sprechen mit Künstlern, Künstler sprechen mit Künstlern, Künstler sprechen mit Journalistinnen, Künstlerinnen sprechen mit niemanden, weil so ein Studiovisit auch ohne direkten Gesprächspartner funktioniert.

In den schlimmsten Momenten denkt man sich: Gut, dass es Journalisten gibt, die sonst als Filter fungieren und durch ein Gespräch navigieren. In den besten Momenten ist man dankbar für die Ehrlichkeit, Offenheit und das Eingeständnis der eigenen Ratlosigkeit. Johann König beispielsweise hat sich fast zwei Stunden mit Jerry Gogosian unterhalten. Nein, nicht mit dem Galeristen, sondern mit Hilde, der Frau hinter dem gleichnamigen Meme-Account, der aus der Kunstwelt eine Shitshow macht. Und da saßen die beiden also, er in seiner Galerie in Berlin, sie in ihrer Wohnung in New York und unterhielten sich über ihre Angst vor dem Virus und ihre Karrieren, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Die Außenwelt wird zum Sehnsuchtsort

Irgendwo habe ich in den letzten Tagen gelesen, dass man jetzt unbedingt anfangen müsse, Tagebuch zu führen. Es gibt Künstler, die das öffentlich auf Instagram machen wie Andy Picci. Seit er sich in Selbstisolation in der Schweiz befindet, postet er täglich eine neue Arbeit. Das Thema: Quarantäne. Picci tanzt, Tränen fließen, Emotionen wechseln. Am Tag 15 ging eine Ausstellung online, in der er die besten Arbeiten der letzten Wochen in einem virtuellen White Cube präsentiert. Der Ausstellungsraum kann via Instagram über die AR-Funktion betreten werden.

Mitten im Raum dreht sich ein gebrochenes Herz im Virus, die Sätze "Alone Is The New Cool" und "You Are My Quarantine" gleiten als Textinstallationen durch den Raum, ein Fenster öffnet sich, statt der Außenwelt sieht man die eigenen vier Wände. "Wir sind allein, aber nicht einsam", sagt Picci im Gespräch, während er mich bei unserem Telefonat durch die Ausstellung führt. Eine Hand streckt dem digitalen Besucher ein Smartphone entgegen, das ein Foto von einer Landschaft zeigt. Die Außenwelt wird zum Sehnsuchtsort. Sein Gesicht schwebt überdimensional vor einer Wand. Wenn man näher herantritt, sieht man durch ihn hindurch und ist wieder in den eigenen vier Wänden. In der Quarantäne gibt es keinen Zufluchtsort, nicht einmal im Digitalen.