Kommentar zur Dresdner Initiative

Die Umbenennung von Kunstwerken ist keine "Cancel Culture"

Blick in die renovierte Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden
Foto: dpa

Blick in den Semperbau am Zwinger mit der Skulpturensammlung bis 1800 in Dresden

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben rassistische und diskriminierende Begriffe in Werktiteln geändert - und die Aufregung ist riesig. Dabei kann von Zensur oder Geschichtsfälschung keine Rede sein

Die "Berliner Zeitung" titelt: "Cancel Culture im Dresdner Zwinger". Die "Bild"-Zeitung fordert "Schluss mit der Zensur" und warnt: "Das ist der Stil von Bilderstürmern, die Geschichte verändern, ausradieren, tilgen wollen." Auf Facebook und Twitter ist ein Shitstorm aufgezogen, in dem die "Sprachpolizei der Political Correctness" angeprangert, von "Gehirnwäsche" und "faschistischen Reinheitsfantasien" gesprochen wird. Eine "Kulturrevolution" sei in vollem Gange, das "Ende der Kulturnation Deutschland" stehe bevor.

Eine Kleine Anfrage des sächsischen AfD-Abgeordneten Thomas Kirste schlägt derzeit sehr, sehr hohe Wellen. Der Hintergrund: Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) haben in einem 2020 begonnenen Forschungsprojekt die Werke ihrer Sammlung auf diskriminierende oder rassistische Titel überprüft, es geht dabei um Begriffe wie "Mohr", "Zigeuner" oder "Zwerg". Bei 143 Werken wurden die Titel geändert – das teilte das Kulturministerium in einer am Montag veröffentlichten Antwort auf die Anfrage des AfD-Politikers Kirste mit, der die Umbennungen seinerseits kritisierte und von "linker Bilderstürmerei" sprach. "Bild" und Co. hüpften über das hingehaltene Stöckchen.

Droht jetzt wirklich der Untergang des Abendlandes? Zur Einordnung: Der Bestand aller in der Museumsdatenbank der SKD registrierten Werke umfasst 1,5 Millionen Objekte – betroffen von der vermeintlichen "Kulturrevolution" wären damit weniger als 0,01 Prozent. Wichtiger noch ist, dass bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Bildtitel oft nicht von den Künstlern, sondern im Nachhinein von Museumsfachleuten, Sammlern oder Kunsthändlern vergeben wurden. Da herrschte nicht nur eine gewisse Willkür, sondern es wurden auch sachliche Fehler gemacht.

Die wenigsten Titel sind "original"

Der oft vorgebrachte Vorwurf, nach heutigen "Moralvorstellungen" würden Künstler "zensiert" und "Geschichtsfälschung" betrieben, greift also schon deshalb nicht, weil die Titel in den wenigsten Fällen "original" sind. Die Begriffe "Bilderstürmerei" oder "Cancel Culture" sind ohnehin irreführend: Kein Bild wird angerührt, keine Ausstellung abgesagt.

Die Historie soll gerade nicht ausgeblendet werden – das betonen die SKD und verweisen auf die Verwendung von Asterisken (****) zur Ausblendung diskriminierender Begriffe: Bei der Online-Präsentation der Werke werden die historischen Titel wieder sichtbar, wenn die hinter den Sternchen hinterlegte Schaltfläche angeklickt und die entsprechende Auswahloption ausgewählt wird. Außerdem haben die SKD überlieferte Werknamen durch Anführungszeichen sowie den Hinweis "historischer Titel" gekennzeichnet. Worum es den Dresdner Museumsleuten geht, ist eine Kontextualisierung und öffentliche Diskussion.

Es ist insofern natürlich absolut begrüßenswert, dass sich AfD und "Bild" einmal mit musealen Sammlungsbeständen befassen statt mit, sagen wir, der Verbreitung diskriminierender Bilder von Geflüchteten oder sexistischer Darstellungen von Frauen. Etwas Versachlichung jedoch könnte der Debatte nicht schaden.