Manifesta 16

Künstler Nasan Tur weist Plagiatsvorwürfe zurück

Die Bochumer Künstlerin Dorothee Bielfeld wirft Nasan Tur vor, seine Manifesta-Arbeit "Elevation" kopiere ihre frühere Kircheninstallation. Die Biennale weist den Vorwurf zurück, Tur betont die Eigenständigkeit seines Konzepts

Die Bochumer Künstlerin Dorothee Bielfeld erhebt Plagiatsvorwürfe gegen ein Werk der Manifesta 16. Dort wird derzeit in der Essener Kirche St. Gertrud die Arbeit "Elevation" von Nasan Tur gezeigt. Tur hat Kirchenbänke senkrecht aufgestellt und schnitzt dort Texte hinein, die er zuvor vom Publikum sowie über einen Online-Aufruf gesammelt hat. Auch Bielfeld hatte 2010 im Kulturhauptstadtjahr des Ruhrgebiets in einer Bochumer Kirche Kirchenbänke senkrecht aufgestellt und Besucherinnen und Besucher um Textbeiträge gebeten. Die Zettel wurden anschließend in Rohren in den Bänken versenkt.

Dorothee Bielfeld hatte in den Eröffnungstagen der Manifesta 16 Turs Werk in den sozialen Medien gesehen und von der Manifesta schriftlich verlangt, "Elevation" nicht weiter zu zeigen. Die Biennale verwies jedoch darauf, dass sie in "Elevation" kein Plagiat sehe: "Die Manifesta 16 Ruhr schließt sich vor dem Abschluss der Untersuchung der Sichtweise unserer Creative Mediators Leonie Herweg und René Block an, die – unbeschadet vordergründiger visueller Ähnlichkeiten – in Nasan Turs Arbeit ein künstlerisch selbständiges, fortlaufendes und partizipatives Projekt sehen", schrieb die Manifesta laut Medienberichten an Bielfeld. Diese will sich mit der Antwort allerdings nicht zufriedengeben, hat einen Anwalt eingeschaltet und lokalen wie überregionalen Medien mehrere zornige Interviews gegeben.

Für Nasan Tur kamen die Anschuldigungen völlig überraschend. "Ich kannte Frau Bielfeld weder als Künstlerin noch ihre Arbeit. Meine Idee entstand nach einer Ortsbegehung mit den Kuratorinnen vor etwa dreiviertel Jahren, als ich die eingelagerten Bänke sah. Meine Konzeption basiert auf einer Kombination von Arbeitsweisen, die ich seit 20 Jahren anwende. Dazu gehören die Arbeit mit vorgefundenen oder gesammelten Texten, ihre Reproduktion, das Schnitzen von Texten in Holz, ein partizipatives Element etc.", erklärte er gegenüber Monopol. Der Kern der Arbeit, so sagt er, seien auch gar nicht die aufgestellten Kirchenbänke, sondern der Prozess, in dem sie zur Leinwand für die hineingeschnitzten Reflexionen über Werte, Sorgen und Wünsche der Menschen werden. Während der gesamten Ausstellungsdauer soll dieser Prozess weitergehen und das Werk sich kontinuierlich verändern.

Weitere Kirchenbank-Senkrechtsteller vor Bielfeld

Im Übrigen verweist Tur darauf, dass es bereits andere Arbeiten in Kirchenräumen mit aufgestellten Bänken gegeben habe. So stellten die Berliner Künstler Jonas Burgert und Ingolf Keiner bereits 2000 in der Berliner Parochialkirche im Rahmen der Ausstellung "Fraktale 1" die Kirchenbänke vertikal auf, sodass man wie durch einen Wald zwischen ihnen hindurchgehen konnte – zehn Jahre vor Bielfelds Arbeit in Bochum. Auch der Künstler Michael Bowdidge realisierte 2007 im englischen Gainsborough eine Installation mit aufgerichteten Kirchenbänken, und Axel Richter stellte 2010 in der Hamburger St.-Petri-Kirche Bänke senkrecht auf.

Es liegt eben auch nahe, bei einer Ausstellung, die sich mit der Umnutzung von Kirchenräumen beschäftigt, mit nicht mehr genutzten Kirchenbänken zu arbeiten. Ein Plagiatsvorwurf dürfte daher kaum Bestand haben. Zu wünschen wäre vielmehr, dass Bielfeld sich künftig auf versöhnlichere Weise mit Tur über ihre Kirchenkunst austauscht – oder auch mit den anderen Kirchenbank-Senkrechtstellern in aller Welt.

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