"Schwarzers Kosmos" ist nicht nur das Filmporträt eines einzelnen Künstlers, sondern wirft auch Schlaglichter auf den Kunstbetrieb. Ein System, an dem auch diejenigen, die es tragen, mitunter zweifeln. So echauffiert sich die Journalistin Linde Rohr-Bongart über die exorbitanten Preise, die auf der Art Cologne für Offset-Drucke von Motiven Gerhard Richters verlangt werden.
Der Maler steht auf dem "Kunstkompass", den Rohr-Bongart seit vielen Jahren erstellt, unangefochten auf Platz eins. Seit 2014 wird das Ranking jährlich in der Zeitschrift "Capital" veröffentlicht. Und seit 2010 wird die Rangliste unverändert von Gerhard Richter und Bruce Nauman angeführt. Auf den beiden folgenden Plätzen stehen seit 2012 Rosemarie Trockel und Georg Baselitz.
Bernd Schwarzer, in dessen Kosmos sich Klaus Martens’ Filmporträt bewegt, steht weit im Schatten solcher Giganten. Da nützt es nichts, dass der Düsseldorfer Künstler immer wieder betont, dass er bei Joseph Beuys studiert hat (der in seine Klasse allerdings außerordentlich viele Studierende aufgenommen hat).
"Wenn ich im Krankenhaus liege, könnt ihr mit mir machen, was ihr wollt"
Aber Schwarzer, ein freundlicher Mann mit hoher Stimme, tut, was er kann, um auf seine Kunst und ihre besonderen Qualitäten aufmerksam zu machen. Natürlich spricht er auf der Art Cologne auch Linde Rohr-Bongart an, die sich auf einen Schwatz mit Schwarzer einlässt und seine Einladung in sein Düsseldorfer Atelier annimmt, bevor sie sich – "eine Verabredung mit Künstlerfreunden" – bald wieder verabschiedet. Für die Journalistin ist das Gespräch auf der Kunstmesse sicher eins von vielen.
In die ersten Ränge des Kunstbetriebs hat es Schwarzer, inzwischen 72 Jahre alt, nicht geschafft. Er muss kämpfen – um das bisher Erreichte, um Aufmerksamkeit. Martens’ Film beginnt mit einer kleinen Wutrede des Künstlers, die widerspiegelt, was für den ehrgeizigen, sensiblen Mann auf dem Spiel steht. Selbst sein eigener Bruder habe ihn als "Spinner" beschimpft, erzählt er, während er an seinem Kaffeebecher nippt und unruhig grantelnd durch sein Atelier stampft. Die Tirade mündet in der versöhnlichen Einsicht, dass Schwarzer nur aufgrund seiner Isolation und Bockigkeit als Maler so gut werden konnte. "Wenn ich im Krankenhaus liege, könnt ihr mit mir machen, was ihr wollt. Aber vorher nicht", sagt er mit trotzig verkniffenem Gesichtsausdruck und einer mitunter ins Weinerliche abgleitenden Stimme.
Der Mythos vom Einzelkämpfer, der als Achtjähriger die Liebe zur Malerei entdeckt und seitdem selbstbestimmt als Künstler allein auf weiter Flur unterwegs ist, wird im Film schon deswegen relativiert, weil der Regisseur Klaus Martens, der sich hier erstmals dem Kunstbetrieb widmet, neben dem Hauptprotagonisten auch seine Unterstützer und Mitstreiter getroffen hat. Sammler und Museumsleute sind oft die schärfsten Kritiker von Künstlern, an deren Karrieren sie mitgewirkt haben und in die sie Zeit, Geld und Energie investiert haben. Entwickelt sich eine Laufbahn nicht wie erwartet, ist die Dividende bedroht, und die Investoren und Mäzene können ungemütlich werden.
Das Schattendasein eines mittelprächtig Erfolgreichen
So ist der Film zu einer kritischen Hommage an einen Unangepassten geworden, die durchaus tragische Züge hat. "Schwarzers Kosmos" ist nicht zuletzt ein Film über einen ziemlich erbarmungslosen Kunstbetrieb, dessen Spielregeln man beherrschen sollte, wenn man nicht unter die Räder kommen will. Ob Bernd Schwarzer schon zu denen gehört, die es "geschafft" haben, steht am Ende sehr infrage.
Da führt ein sichtlich erschöpfter Künstler das Filmteam in eine Art Mausoleum seiner Kunst, in dem er die für ihn wichtigsten Werke unter Verschluss hält. Ein Malerei-Archiv im Halbdunkel: ein trauriger Anblick, der mit dem Trotz des Urhebers korreliert. "Schwarzers Kosmos" ist kein Film über einen Liebling des Systems, vielmehr erzählt er vom Schattendasein eines nur mittelprächtig Erfolgreichen – eine typische Geschichte, die im Bereich Künstlerfilm viel zu selten erzählt wird.
Im Zentrum von Bernd Schwarzers Werk stehen die Überwindung der deutschen Teilung und ein geeintes Europa. Der Künstler wurde 1954 in Weimar geboren, fünf Jahre später zog die Familie nach Düsseldorf. An der dortigen Kunstakademie studiert er ab 1978 Malerei, sein berühmtester Lehrer ist Joseph Beuys.
Christian Lindner lobt die "exzentrische Persönlichkeit"
Die Anfänge von Schwarzers "Europawerk" – einer unüberschaubaren Reihe abstrakter, mit pastoser Ölfarbe gemalter Bilder und bemalter Skulpturen in den Farben Blau, Gelb, Rot und Schwarz – reichen in die Ära des Kalten Krieges zurück. Die Gigantomanie des Künstlers spiegelt sich auch in den Einzelwerken, für deren Vollendung Schwarzer bis zu zehn Jahre Arbeitszeit benötigt; und endlose Liter Farbe.
Für ein (nach seinen Worten) "Symbolbild des friedlichen Europa" habe er Material für 20.000 DM verbraucht, erzählt der Künstler einmal im Film. Sein Einsatz für die europäische Idee hat ihm Sympathiepunkte von der Politik eingebracht. Schwarzers aufgeladene Bilder hängen nicht nur in Museen, sondern auch im Schloss Bellevue beim Deutschen Bundespräsidenten, im Bundestag oder demnächst im Europäischen Parlament.
Zu Martens’ Gesprächspartnern zählt auch Ex-Außenminister Christian Lindner, der von Schwarzers "exzentrischer Persönlichkeit" schwärmt, die er gegen die stromlinienförmigen Politfiguren seiner Zeit im Auswärtigen Amt stellt und als "erfrischend anders" charakterisiert. "Jeder Auftritt glich einem Happening", fasst Lindner zusammen.
Nicht in der höchsten Liga
Im Film trägt Schwarzer vorwiegend primärfarbige Kleidung, die der Palette seiner Werke ebenso entspricht wie der Charakterisierung durch den Ex-Politiker als unterhaltsamem Paradiesvogel. Andere Talking-Heads des Films rücken das Bild gerade. Museumsleute und andere Unterstützerinnen und Unterstützer des Künstlers stellen die Ernsthaftigkeit seiner Ambitionen in den Vordergrund. Sie lassen aber auch durchscheinen, dass Schwarzers Position weder unbestritten noch ungefährdet ist. Jörg Immendorff, der 2007 verstorbene Düsseldorfer Malerstar, wird zitiert: Schwarzer spiele nicht in der höchsten Liga mit, sein Agieren in der Kunstszene sei zu zerstörerisch.
Zum problematischen "Kosmos Schwarzer" zählten vier große Ateliers, die der Künstler in Düsseldorf unterhielt, insgesamt 5000 Quadratmeter Fläche. Im Film, der in einem Zeitraum von fünf Jahren entstand, wird ein Atelier nach dem anderen geschlossen, weil die Arbeitsräume nicht mehr zu finanzieren sind. Um die Studios zu halten, nimmt Schwarzer vorher Malaufträge an und bringt Sujets auf die Leinwand, die mit seinem "Europawerk" wenig zu tun haben. So sind Marilyn-Monroe-Porträts entstanden, Bilder zum Thema Rassismus und zur "Black-Lives-Matter"-Bewegung in Amerika oder Bildnisse des russischen Potentaten Wladimir Putin.
Gegen Ende des Films kommt es zu einem für den Künstler sehr unangenehmen Termin im Osthaus-Museum in Hagen, in dessen Sammlung sich viele Schwarzer-Werke befinden. Im Beisein des Insolvenz-Anwalts Rüdiger Weiss kommen Schwarzers Finanzprobleme und sein mangelhaftes Standing auf dem Kunstmarkt auf den Tisch. "Ich bin nicht insolvent", beteuert Schwarzer mit zunehmend schriller Stimme. Tayfun Belgin, damals Direktor des Osthaus-Museums, spricht vom "strukturellen Problem" einer verschwenderischen Lebensführung – monatliche Aufwendungen von 50.000 Euro für Steuerberater, Anwälte, Personal, Mieten und persönliche Ausgaben. Schlimmer noch: Schwarzer bringe sich durch schwache Werke, die nichts mit seinem Lebensthema zu tun haben, ins kunsthistorische Abseits. Das böse Wort "Kitsch" fällt.
Andere haben das Sagen über die eigene Kunst
"Ich habe den Warhol in Gelb und Blau gemalt und bringe ihn damit in den europäischen Kontext", erklärt Schwarzer im Hinblick auf die Monroe-Bilder. Noch schwächer sind seine Argumente hinsichtlich der Putin-Porträts – die Versuche, die Bilder des Kriegstreibers als legitimen Teil seiner Europa-Thematik darzustellen, entlarven ihn als politisch reichlich naiv. Der anwesende russische Verleger Josef Kiblitsky, der mehrere Schwarzer-Kataloge herausgegeben hat, fällt ein vernichtendes Urteil: "Du hast keine Chance in der europäischen Kunstszene. Ein wichtiger Künstler verkauft keinen Kitsch", wettert Kiblitzky und wirft Schwarzer vor, ein "ganzes Imperium" zu brauchen, wo andere Künstler mit "zwei, drei Assistenten" auskämen.
Am Schluss muss Schwarzer auch sein letztes Atelier in der Düsseldorfer Hüttenstraße räumen. Sein Lieblingsraum, in dem er 45 Jahre verbracht habe, wie er unter Tränen erklärt. Erst jetzt räumt er ein, den Überblick verloren zu haben.
Der Film schließt mit der Erkenntnis, dass die Kunst – wenn sie sich entfalten soll – ihren Urheber nicht unbedingt verträgt. Und dass Expertise wie Urteilsvermögen eines Künstlers am Ende nicht unbedingt gefragt sind. Ein toter Künstler – so könnte man zynisch überspitzen – ist womöglich der bessere Künstler. Zumindest Bernd Schwarzer muss auf schmerzhafte Weise erfahren, dass sein Mitspracherecht in eigener Sache begrenzt ist. Und dass andere über seine Kunst das Sagen haben.