Künstlerin Josefine Reisch

Arielle und die Politik der schönen Dinge

Zum Berliner Gallery Weekend präsentiert Josefine Reisch bei Noah Klink neue Werke. In ihren Gemälden bringt die Künstlerin Meerjungfrauen und Eurokisten zusammen – und fragt nach Schönheit, Wert und Macht. Unsere Autorin hat Reisch in ihrem Studio besucht

Dass den letzten Winter über aus dem Zimmer ihrer Kinder ständig das Hörbuch "Arielle, die Meerjungfrau" dröhnte, ging Josefine Reisch erstmal nur auf die Nerven. Bis ihr dieser Satz auffiel: "Ich sehe nicht ein, dass eine Welt, die so wunderbare Dinge hat, schlecht sein kann!" Das sagt Arielle, während sie die Gabeln, Kerzenständer und den anderen Dekokram betrachtet, den sie gesammelt hat. Schön sind diese Dinge. Aber gemacht von Menschen, die Fische töten.

An einem lauen Frühlingsabend sitzt die Künstlerin in ihrem hellen Studio in einem Backsteingebäude in Berlin-Neukölln. Im ruhigen Hinterhof sprießt das erste Grün. "Der Twist liegt für mich in der Gleichsetzung in der amerikanischen, kapitalisierten Version des Märchens von Schönesachenmachen und moralisch gut sein", sagt Reisch. Auf dem Arbeitstisch liegen Bücher über Meerjungfrauen und Galionsfiguren, daneben San Pellegrino in 0,25-Literflaschen. Die drei Gemälde für "Poxy Proxy", die Duo-Ausstellung mit Miriam Umiń in ihrer Galerie Noah Klink, sind fertig. Abgeholt werden sie erst nächste Woche. Ein guter Moment also für einen Atelierbesuch.

Das größte der drei Bilder ginge auch als Requisit oder Bühnen-Prop durch. Es zeigt – oder ist, weil leinwandfüllend gemalt – die blaue Stahltür eines Schiffscontainers, flankiert von zwei dunkelgrünen, geflügelten Galionsfiguren mit Meerjungfrauenschwanz. Auf den anderen beiden Gemälden ist jeweils eine Eurokiste auf silbernem Grund zu sehen, zerlegt wie ein Bastelbogen oder eine Ikea-Anleitung. Schiffscontainer, Eurokisten und Meerjungfrauen – wie passt das zusammen? Das Stichwort ist Standardisierung.
 

Josefine Reisch "High Cube (Der goldne Topf)", 2026
Foto: Josefine Reisch

Josefine Reisch "High Cube (Der goldne Topf)", 2026 (Studio-Ansicht)

"Eurokisten sind so banal, aber genau wie Schiffscontainer symbolisieren sie wirtschaftlichen Fortschritt, Expansion und Globalisierung", sagt Reisch. "Die Objekte sind standardisiert, um Handel zu optimieren. Im derzeitigen Weltgeschehen ist Handel ja ein großer Antrieb, unglaubliche Dinge zu tun." Sie erzählt weiter, dass die Maße der Eurokiste, wie wir sie heute kennen – ebenso wie die Europalette –, 1948 festgelegt worden seien. "In einem Nachkriegsmoment, in dem sich die Weltordnung neu formierte." Davor gab es zwar auch Kisten und Container, aber national statt international genormt. Diese grauen Behältnisse, in denen Güter um die Welt verschippert werden, gehören zur Infrastruktur des globalen Kapitalismus.

Versace trifft Omas DDR-Gardine

Reisch interessiert sich für solche Motive: Objekte, Geschichten und Formen, die wir als gegeben hinnehmen und hinter denen ein ganzes System an Machtstrukturen steckt. Immer wieder geht es ihr darum, wie ein fast identisches Motiv Teil einer anderen historischen Wirklichkeit sein kann. Die Eurokiste ist dafür ein gutes Beispiel: In minimal anderer Ausführung war die gleiche graue Kiste jeweils eingebunden in eine andere Weltordnung, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg.

In "Good Taste", einer Leinwand, die 2023 in der Ausstellung "Dowry" bei Noah Klink zu sehen war, kombinierte Reisch die floralen Muster von Versace-Stoffen mit einem schlichteren Blumenmotiv. Letzteres basiert auf ihren Kindheitserinnerungen an die Vorhänge ihrer Großmutter zu DDR-Zeiten. Auch hier schieben sich verschiedene Zeiten ineinander: Ein Motiv wiederholt sich, aber in einem anderen System, mit anderem Begehren, anderem Wert, anderer Geschichte.
 

Stilisierte Blüten unten, barocke Ranken oben; golden auf hellem Grund mit Zickzacknähten
Foto: Hans-Georg Gaul

Josefine Reisch "Good Taste", 2023

 

Reisch nimmt solche historisch aufgeladenen Phänomene auseinander und übersetzt sie in Bilder. Über ihre Arbeitsweise sagt sie: "Das ist so eine Mischung aus Analyse und Intuition." Sie gehe gern in abgelegene ländliche Museen, die lokales Kunsthandwerk zeigen, und lese viel, am liebsten abends im Bett, wenn es eigentlich schon längst Schlafenszeit ist. Heute Morgen habe sie noch das Schnittmuster für ein historisches Kleid ausgeschnitten. "Der Wandel vom Zwei- ins Dreidimensionale bringt mir so eine Freude."

Und auch andersherum: Die Bastelbögenbilder als Übersetzungen vom Tiefen ins Flache malt Reisch schon seit 13 Jahren – darunter auch Dinge, die eindeutiger als Machtobjekte erkennbar sind, etwa das Fabergé-Ei des russischen Zaren oder die Birkin-Bag von Hermès.
 

Gerahmtes abstraktes Bild auf grauem Raster; farbige Rechtecke, Stäbe, tastenartige Form, Streifen.
Foto: Hans-Georg Gaul

Josefine Reisch "Cardi’s Birkin", 2025


Eigentlich wollte Reisch, 1987 in Ostberlin geboren, Bühnen- und Kostümbildnerin werden. Schon als Schülerin arbeitete sie im Theater und wurde dafür regelmäßig vom Unterricht freigestellt. Die Nähe zu Bühne, Kostüm und Requisite merkt man ihren Arbeiten bis heute an: Viele wirken, als könnten sie auch Kulisse, Objekt oder Ausstattung sein.

Nach dem Abitur bewarb sie sich in der Klasse des Bühnen- und Kostümbildners Karl Kneidl in Düsseldorf, merkte dann aber, dass ihr die mangelnde Vernetzung des Studiengangs nicht zusagte – und wechselte in die Malerei. "Ich habe mir gedacht, Mama hat ja auch Malerei studiert, dann kann ich das jetzt auch machen", sagt sie und lacht. 

Hat geklappt. Zuletzt waren Textilarbeiten von Reisch in der Gruppenausstellung "Im Gespräch mit Geistern" im Spreepark Art Space in Berlin zu sehen, das KW Institute for Contemporary Art zeigte 2024 ihre Arbeiten in einer Gruppenausstellung, und 2016 widmete ihr das Kunsthaus NRW eine Soloschau.

 

Installationsansicht: freistehende Holztafeln auf Sockeln mit zwei pink‑roten, quadratischen Werken.
Foto: Julian Blum

Josefine Reisch "It’s hard to keep the line between the past and the present", Ausstellungsansicht, Spreepark Art Space, 2025

Reisch trägt ihre braunen Haare in zwei Zöpfen als Kranz um den Kopf geflochten – eine Frisur, die in Kombination mit weißer Hose, weinroten Asics-Turnschuhen und grün-weißem Shirt mit 90er-Jahre-Tribalmuster auf zeitgenössische Art altmodisch wirkt. Diesem Nebeneinander von Historischem und Gegenwärtigen begegnet man auch in ihren Arbeiten. 

Schreibend denken

2013 machte sie ihren Abschluss an der Kunstakademie Düsseldorf als Meisterschülerin von Lucy McKenzie, zwei Jahre später begann sie ihren Master an der Goldsmiths in London. Fünf Jahre verbrachte sie dort. Eine wichtige Zeit, sagt sie, weil sie dort gelernt habe, ihre Werke "besser zu kontextualisieren" – diese Mischung aus Analyse und Intuition als legitime Form anzuerkennen und sprachlich zu fassen. Bis heute schreibt Reisch regelmäßig, am liebsten auf Englisch. "Deutsch ist mir einfach zu kompliziert."

Sie schreibt als Reflexion der eigenen Arbeit im Studio und als Teil von Performances, zum Beispiel für ihre Reihe "P.S. I love You", eine musikalische Lesung in Kollaboration mit Nora Hansen, mit der sie kürzlich auch vom Center for Literature auf Burg Hülshoff eingeladen wurde. 
 

Fotografie: Person sitzend auf Betonboden vor gekachelter Wand; Schatten, braune Jacke, neutrale Miene
Foto: Rosanna Graf

Mit geflochtenen Haaren: die Berliner Künstlerin Josefine Reisch

Dass Reisch ihre eigene Arbeit sprachlich so präzise durchdringt, merkt man den Werken an – weniger einzeln als in ihrem Verhältnis zueinander. Birkin-Bag, Eurokiste, Goldrahmen, Meerjungfrau: Die Motive scheinen auf den ersten Blick Haken zu schlagen, folgen aber einem ziemlich klaren Interesse. Immer geht es um Wert, Darstellung und die Systeme, die beides hervorbringen. Mit dieser Intuition verbindet sich bei Reisch eine Skepsis gegenüber der Frage, wie Wert überhaupt entsteht. "Wenn ich über Wert nachdenke, denke ich auch über Gültigkeit nach – wie wird dieser Wert erzeugt?", sagt sie. Mit Blick auf die DDR-Vergangenheit ihrer Familie fügt sie hinzu: "Im Moment würden manche Leute denken, das sei etwas Interessantes, während es kurz nach dem Mauerfall völlig uncool war. Niemanden hat das interessiert."

Das Aufwachsen in einer Familie, die den Systemwechsel erlebt hat, prägte diese Skepsis. Dieselben Personen lebten auf derselben Erde weiter – und wurden doch abrupt Teil eines anderen Wirtschaftssystems, das erst allmählich sichtbar wurde.

Was Rahmen rahmen 

So zeigt Reisch in ihren Arbeiten die Gelenke und Übergänge zwischen Zeiten und Systemen – und auch deren Rahmungen. In ihrer Serie "Framings" malt sie seit 2020 in Einzelteile zerlegte Rahmen von Frauenporträts. Der Goldrahmen ist ein Symbol dafür, wie Kunstgeschichte Wert erzeugt: Was gerahmt ist, gilt als kanonisch und wichtig – über Jahrhunderte hinweg. 

Gleichzeitig steckt im englischen "to frame" eine andere Bedeutung: jemanden beschuldigen, zurichten, festlegen. Wer ein Porträt betrachtet, betrachtet nie nur ein Bild, sondern immer auch ein Machtverhältnis. Zwischen Auftraggeber und Maler, zwischen aktiven, malenden Männern und passiven, dargestellten Frauen. Über die Passivität der Meerjungfrau an Land sagt Reisch: "Sie sind so disabled – und trotzdem kann man daraus so eine begehrenswerte Frauenfigur machen." Trotzdem, oder vielleicht einfach genau deswegen.
 

Abstraktes Gemälde mit rissigem Grün; Rahmenleisten: drei vertikale, eine horizontale.
Foto: Hans-Georg Gaul

Josefine Reisch "ML Terrex", 2020


Auf den beiden Eurokisten-Bildern auf silbernem Grund tummeln sich einige kleine Disney-Arielle-Figuren. An weiblichen Figuren verdichten sich für Reisch Begehren, Ware, Traum und Geld besonders deutlich. Der Disney-Zeichentrickfilm "Arielle" kam in den USA 1989 in die Kinos, in Deutschland ein Jahr später, da war Reisch erst drei Jahre alt. Später hat sie den Film natürlich trotzdem gesehen, aber aufgewachsen ist sie auch mit dem Märchen von Hans Christian Andersen von 1837, auf dem die Verfilmung beruht. Sie deutet auf das Buch, das auf dem Arbeitstisch liegt. "Das ist die Ausgabe, die ich als Kind hatte, mit Zeichnungen einer tschechischen Illustratorin."
 

Josefine Reisch "Eurocrate (I just don’t see how a world that makes such wonderful things could be bad), 2026, Detail
Foto: Josefine Reisch

Josefine Reisch "Eurocrate (I just don’t see how a world that makes such wonderful things could be bad), 2026, Detail


Andersens Geschichte ist viel komplexer als die Disney-Version: "Da geht es eigentlich darum, dass die Meerjungfrau keine Seele hat und eine Seele will." Es ist eine moralische Erzählung: Die Meerjungfrau will etwas Gutes tun, während Disney daraus eine kapitalisierbare Liebesgeschichte mit Happy End gemacht hat. Statt zu heiraten, wird Andersens Meerjungfrau zu einem Schaumwesen und kann dann, solange sie über viele Jahre Gutes tut, eine Seele bekommen. Klar, dass Disney kein Schaumwesen zur Protagonistin des Films gemacht hat – wie sollte man so eine unförmige, unsexy Kreatur auf Shirts und Tassen drucken und verkaufen?

Keine Angst vorm Feind

Obwohl Reisch neben Malerei auch Installationen, Textilarbeiten und Performances macht, hatte sie für die Ausstellung Lust, sich der weißen Leinwand zu stellen. "Das ist so direkt", sagt sie. Man muss nirgendwo hin, und "in der Malerei kann man so viele Zeitlichkeiten und Ebenen zusammenbringen". Wenn Reisch in ihren Arbeiten zeigt, wie sich in einem Motiv verschiedene Zeiten und Ordnungen überlagern, ist die flache Leinwand dafür ein idealer Austragungsort. Goldrahmen, Meerjungfrauen, Birkin-Bags, Blumenmuster – alles irgendwie schön.

Die Frage ist nur, welche Ordnung dieses Schöne stabilisiert. "Es gibt diesen Moment, in dem man merkt, dass es wirklich gut ist, seinen Feind zu kennen", sagt Reisch. Angst vor der direkten Konfrontation mit dem Feind hat sie jedenfalls nicht.