Kulturhauptstadt Oulu

Restlicht im Norden

Die finnische Stadt Oulu ist Europas Kulturhauptstadt 2026. Zwischen Aalto-Industriebauten, leerstehenden Einkaufszentren und arktischem Winter zeigt sich im hohen Norden eine überraschend vitale Kunstszene. Ein Besuch

Dass immer mehr kleine Städte für ein Jahr den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" tragen, hat viele Vorteile. Es verändert den Charakter der Veranstaltung total. Die Organisation wird weniger professionell, Kunst und Kultur gelangen in dieser Form in alle Winkel des Kontinents. Städte mit 200.000 Einwohnern oder weniger müssen sich als "Europäische Kulturhauptstadt" etwas Besonderes ausdenken, um sich nicht als Provinz lächerlich zu machen.

Oulu gehört nicht zu den vier größten Städten Finnlands, und selbst diese könnten im übrigen Europa wohl nur wenige benennen. Aber aus dem Defizit der Unbekanntheit macht Oulu einen Vorteil: Für die Mehrheit der kunstinteressierten Reisenden ist die Studentenstadt am Bottnischen Meerbusen ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. 

Das beste Beispiel für den kulturellen Erfindungsreichtum in Oulu ist eine riesige Betonruine am Rande der Stadt, das sogenannte Aalto-Silo. Den Abriss verhinderte der Kauf des 1930er-Jahre-Kolosses für den symbolischen Preis von genau 6.251 Euro an die Factum Foundation von Adam Lowe aus London und Madrid. Das Silo für Holzspäne entwarf das finnische Architektenpaar Alvar und Aino Aalto als Teil der Toppila-Zellulosemühle, die 1985 ihren Betrieb einstellen musste.

Von Aaltos organischer, menschenfreundlicher Architektur, mit der er später weltberühmt werden sollte, ist bei diesem Werk noch nichts zu spüren. Der britische Unternehmer Joseph Dixon hatte mit dem Werk einst die Versorgung seiner Fabriken für Zeitungspapier in Großbritannien gesichert. Als er seine Grimsby Paper Mill 1973 schließen musste, wurden alle 320 Mitarbeiter in Oulu entlassen. Viele Fabrikgebäude wurden Ende der 1980er-Jahre abgerissen. Aber eines der verbliebenen Gebäude ist das Holzspäne-Silo, das nun zum aufregendsten Kunstort in Nord-Finnland umgewidmet wurde. 

Der Schweizer Fotokünstler Bernd Nicolaisen zeigt in dem nackten Silo derzeit seine Ausstellung "Restlicht": "Fundstücke der Erdgeschichte", die er in unberührten Gletscherspalten in Island aufgespürt hat. Zusammen mit einem Glaziologen untersucht er in seinem Werk die Stollen und dabei die einzigartige "Wechselwirkung von Licht in und auf Wasser und Eis", wie der Künstler es nennt. Seine Fotos heißen "Sichten der Schichten". Das magische Eis-Blau rührt von der Lichtbrechung im sauerstoffarmen Eis her. 

Das Aalto-Silo ist nicht beheizbar; und im Ouluer Winter sinken die Temperaturen im Inneren bis auf minus 20 Grad. Die Fotos von Gletschern entfalten so in dem herben Interieur ihre besondere Wirkung. Nicolaisen begann seine Fotoserie im Großbildformat 8x10 Zoll. Als Lightbox wirken sie in der Silo-Ruine besonders gut. Die abstrakten Naturformen zeigen den Wandel in der Natur und passen so zum – unglücklich gewählten – Slogan des Kulturhauptstadtjahrs in Oulu: "Cultural Climate Change". 

Im Vergleich zu "Restlicht" wirkt die Ausstellung "Play", die das Fotografiska Tallinn zum Kulturhauptstadtprogramm in Oulu beisteuert, deutlich austauschbarer. Die Gruppenausstellung mit 17 Künstlern erkundet das Thema "Spiel als Quelle der Freude und Ablenkung", "als nonverbale Sprache", ein weitgefasstes Thema also. In Erinnerung bleiben in der von Jorven Viilik kuratierten Schau vor allem die traurigen Serien von Karolina Wojtas und Deanna Dikeman. Unterlegt ist die Ausstellung von einem eigens arrangierten "Sounddesign" von Erki Pärnoja. Das 2010 in Stockholm gegründete Museum für zeitgenössische Fotografie mit weiteren Standorten in Berlin und Shanghai zeigt seine Ausstellung ausgerechnet in einer tristen, leerstehenden Shoppingmall. 

Nicht inszeniert, aber manipuliert sind die Fotos des aus Boston stammenden Fotokünstlers Pelle Cass. Zu seinen "Still-Time-Raps" der "Crowded Fields" gehört das eindrückliche Foto aus Hongkong, das schlicht "Choi Hung Estate Basketball" heißt. Über zwei Tage hinweg hat Cass dafür 23.800 Fotos aufgenommen und mehr als tausend davon für die Bearbeitung ausgewählt. Er fotografierte nicht nur die Basketballspieler, sondern auch alle Details der Umgebung wie beispielsweise Nachbarn, die ihre Wäsche aus den Fenstern der umgebenden Hochhäuser hängen. Cass hält Ereignisse aus verschiedenen Augenblicken in einem einzigen Bild fest. Seine "Still-Zeitrafferbilder" verwischen die Grenzen von Zeit und Raum. Indem Cass Hunderte von Fotos zu einem Bild kombiniert, hebt er alle Abfolgen auf. Cass verändert dabei kein einziges Pixel. Er wählt lediglich aus, alle Elemente bleiben an ihren ursprünglichen Plätzen im Bild.

Choi Hung Estate "Day Two", 2023
Foto: Pelle Cass

Choi Hung Estate "Day Two", 2023

Ein "Spiel" der makaberen Art zeigen Aufnahmen wie "Snack Time", ein Foto aus dem Jahr 2014, das der in Südafrika lebende US-amerikanische Fotografens Roger Ballen inszeniert hat. Seine surrealen, verstörenden Bilder zeigen eine komplexe Beziehung zwischen Mensch und Tier, "verwischen die Grenzen zwischen Realität und Drama und spiegeln das Absurde wider" wie er es nennt. 

Um Mensch-Tier-Hybride geht es auch in einer Ausstellung im Rathaus der Stadt Oulu. In der "Ohrwurm" genannten Schau hat das Kiasma Museum aus Helsinki Videoarbeiten mit Musik und Klang aus verschiedenen Dekaden zusammengestellt, unter anderem mit Musikvideos von Pipilotti Rist und einem frühen Schwarz-Weiß-Clip von Mika Taanila. Die beiden Musikvideos zeigen, wie schnell der Wandel der Technologie in der digitalen Medien-Kultur ist. Die Kuratorin der Ausstellung, Saara Karhunen, hat Taanila ausgewählt, weil er "kurze und lange, erzählende und abstrakte Filme und Videos geschaffen hat", die diesen Wandel illustrieren. Seit 1989 realisierte er als Regisseur mehr als 20 Kurz- und Dokumentarfilme. In dem Musikvideo der finnischen Rock-Pop-Band 22-Pistepirkko von 1993 zeigt er einen "Birdman". Die Band galt damals als "Finnlands Antwort auf Velvet Underground". Auf Youtube ist das Video jederzeit und an jedem Ort abrufbar, aber in der "Ohrwurm"-Ausstellung wird es präsentiert wie man es zur Drehzeit in den frühen 1990er-Jahren gemacht hätte: auf einem kastenförmigen schwarzen Röhren-Monitor einer berühmten japanischen Marke – ein Accessoire, das in keiner Kunstausstellung der 1990er-Jahre fehlen durfte.

Das Kulturprogramm für Oulu 2026 umfasst die ganze Region Nord-Österbotten, die bis zur russischen Grenze reicht und flächenmäßig größer als Belgien ist. Viele Finnen nennen diesen Landesteil spöttisch "die Landmasse zwischen Helsinki und Lappland". Die Veranstalter des europäischen Kulturhauptstadtjahres erhoffen sich, dass nicht nur ein kulturelles Strohfeuer abgebrannt wird, sondern in Oulu "neue Kompetenzen verankert und die Aktivitäten auch nach 2026 fortgeführt werden", wie die Veranstalter schreiben. Ihr "Ziel ist ein Wandel im Leben der Stadt", der zu einem "reichhaltigeren Kulturangebot" führt.