"Fantasiemuskel"-Podcast #79

Kunst entlasten – mit Lambert Wiesing

Podcastgrafik 'Fantasie Muskel'; links Schriftzug im schwarzen Kreis, rechts Mann mit Brille.

In der neuen Folge des "Fantasiemuskel"-Podcasts diskutiert der Philosoph Lambert Wiesing darüber, warum der Begriff "Kunst" leer ist und wie ästhetische Erfahrung jenseits von Markt und Zuschreibung neu erlebt werden kann

Es klingt wie eine Frage, die man besser nicht stellt, weil die Antwort entweder banal oder endlos ausfällt. Lambert Wiesing, Professor für Bildtheorie und Phänomenologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, stellt sie dennoch: Was ist eigentlich Kunst – und brauchen wir den Begriff überhaupt?

In der aktuellen Folge des "Fantasiemuskel"-Podcasts sprechen Torsten Fremer und Friedrich von Borries mit dem Philosophen über das provokante Kernargument seines Essays "Statt Kunst": Der Begriff "Kunst" sei, so Wiesing, leer. Nicht wertlos, aber inhaltsleer. Wer sagt, er habe am Wochenende eine Kunstausstellung besucht, hat damit noch nichts gesagt. Das Wort funktioniere heute ähnlich wie der Verweis auf den göttlichen Willen: Es verleiht Dingen eine Aura der Unantastbarkeit, ohne sie zu erklären. Sobald etwas bemerkenswert erscheint, wird es zur Kunst erklärt – und entzieht sich damit weiterer Beschreibung.

Wiesings Vorschlag lautet daher, die ästhetische Erfahrung vom Begriff der Kunst zu entlasten. Schließlich bietet auch die Natur Bilder von unmittelbarer, großer Schönheit.

Lernen, selbst zu urteilen, statt Urteile zu übernehmen

Dabei geht es ihm nicht ums Zerstören, sondern ums Entlasten. Der Kunstbegriff sei zutiefst exklusiv: Er teilt die Welt in Eingeweihte und Ausgeschlossene – in jene, die wissen, was Kunst ist, und jene, die es nicht wissen. Wer hingegen von Malerei, Musik, Theater oder Literatur spricht, spricht über Konkretes, das sich an eigener Qualität messen lässt. Das mache ästhetische Erfahrung demokratischer, zugänglicher und offener. Wiesing argumentiert damit im Sinne der Aufklärung: selbst urteilen zu lernen, statt Urteile zu übernehmen.

Zugleich plädiert er für mehr Präzision im Umgang mit dem, was wir sehen, hören und erleben. Die von ihm vertretene Phänomenologie versteht sich als eine Art Wahrnehmungstraining: innehalten, Zuschreibungen zurückstellen und zunächst betrachten, was tatsächlich da ist – bevor die Deutungsmaschine aus Katalogtexten, Kuratorenprosa und Kunstmarktlogik anspringt.

Sein Gedankenexperiment ist so einfach wie irritierend: Alles, was sich über Kunst sagen lässt, gilt ebenso für Geschenke. Auch sie sind Interpretationsprodukte; sie können banal oder großartig sein und werden erst durch Zuschreibung zu dem, was sie sind. Dennoch käme niemand auf die Idee, ein Geschenkemuseum zu eröffnen.

Wiesings Diagnose betrifft die gesamte symbolische Ökonomie

Das Gespräch reicht dabei weit über die Kunstwelt hinaus. Wenn Turnschuhe durch einen Schriftzug plötzlich hundertmal teurer werden oder Marken identische Produkte symbolisch aufladen, zeigt sich derselbe Prozess, den wir aus dem Kunstmarkt kennen. Wiesings Diagnose betrifft damit die gesamte symbolische Ökonomie unserer Gesellschaft. Sein Plädoyer, zu den Dingen selbst zurückzukehren, ist nicht zuletzt eines für mehr Bescheidenheit.

Sie können "Fantasiemuskel", den Monopol-Podcast über Kunst, Wirtschaft und gesellschaftliche Transformation, auf allen bekannten Plattformen hören – oder die neue Folge direkt hier: