Jahresrückblick 2017

Kunst ist kein Marketing-Instrument

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Kunst soll widerständig sein, Künstler aber verfügbar für alles. 2017 regte sich dagegen Widerstand. Ein Kommentar

Mit Gegenwartskunst in der Öffentlichkeit zu stehen, ist vor allem begehrt, weil in ihrer Nähe alle so gut aussehen: Unternehmen wirken weltoffen und großzügig, Privatleute intelligent und interessant. Bei dieser Traumhochzeit stören nur manchmal die Künstler. 2017 meldeten sich mehrere von ihnen zu Wort, die mit ihrer Vereinnahmung nicht mehr einverstanden waren.

Als der der Preis der Nationalgalerie verliehen wurde, kritisierten die vier nominierten Künstlerinnen in einem offenen Brief, dass nur über ihr Geschlecht und ihre Nationalitäten gesprochen wurde. Vier nichtdeutsche Frauen ausgewählt zu haben, hielten alle Geldgeber ausführlich der Rede wert. Die Künstlerinnen hatten derweil auf eine Auseinandersetzung mit ihren Werken gehofft.

"Wenn Diversität nur als Marketing-Instrument zur Selbstbeweihräucherung eingesetzt wird, verschleiert man damit die schwerwiegenden systematischen Ungleichheiten, die in unserem Bereich auf allen Ebenen weiterhin bestehen", schrieben die Künstlerinnen Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna und die Preisgewinnerin Agnieszka Polska nach den Feierlichkeiten. Und fragten, ob eine kompetitive Wettbewerbs-Choreografie, die aus der Unterhaltungsindustrie stammt, überhaupt angemessen ist für Künstler, die für Solidarität und Kollektivität einstehen.

In der öffentlichen Wahrnehmung soll Kunst vor allem für das Neue und Fortschrittliche stehen. So wie die Unternehmen, die solche Preise ermöglichen, gesehen werden möchten. Künstler sollen frei und widerständig sein, gleichzeitig als Aushängeschild funktionieren, Impulse geben, von denen alle profitieren, und Beraterfunktion erfüllen. Honorarfrei. Dass es da zu Reibungen kommt, kann nicht verwundern. Ja, es scheint inzwischen fest zur Aufgabe der Künstler zu gehören, die Strukturen ihrer Förderung zu analysieren und zu verstehen, sich dazu zu verhalten und sie zu reparieren. Umso erstaunlicher, dass einigen das sogar innerhalb ihres Werkes gelingt.

Als Candice Breitz zu einer australischen Biennale eingeladen wurde, bemerkte sie, dass der Sponsor Wilson, eine Sicherheitsfirma, die Misshandlung von Flüchtlingen verantwortet. Breitz veränderte den Titel des Werkes, in dem es um Flüchtlingsschicksale geht, und nannte die Videoarbeit "Wilson must go". Obwohl die Situation für sie untragbar war, zog sie sich nicht unter Protest zurück, sondern ging sie in die Offensive.

Einige Teilnehmer der großen Schau "Deutschland 8", in der deutsche Gegenwartskunst an sieben Spielstätten in China gezeigt wurde, stellten fest, dass die Ausstellung vom Rüstungskonzern Rheinmetall mitfinanziert wurde. Das hatten Künstler wie Hito Steyerl, eine der entschiedensten pazifistischen Stimmen in der Kunst, und Clemens von Wedemeyer anschließend auf einem Panel problematisiert.

Es ist zu einfach, Künstlern vorzuwerfen, dass sie sich erst beteiligen und dann beklagen. Künstler machen auch deshalb bei Dingen mit, von denen sie sich nicht vollends vertreten fühlen, weil sie wissen, dass der anschließende Diskurs wichtiger sein kann als ihre Verweigerung. Und wie eine neue Formel für gegenseitige Wertschätzung aussehen könnte, müsste dringend diskutiert werden, und zwar unbedingt mit den Künstlern.

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