Wozu es führen kann, wenn man im Theater etwas Kunst nennt, hat der Fall Volksbad gerade erst erneut bewiesen. Als der neue Intendant der Berliner Volksbühne, Matthias Lilienthal, ein Schwimmbecken vor das Theater stellte, um zwei Monate Renovierungspause im Haus zu überbrücken und der überlasteten Stadt mit ihren viel zu vollen Schwimmbädern etwas Gutes und Volksnahes zu tun, ging der Shitstorm los. Da sei Geld, das andern fehle! Wenn all die andern Theater immer ungefähr das Gleiche machen, hört man lustigerweise selten, das sei Geld, das andern fehle.
Richtig los ging die Empörung, als Lilienthal die größte Theaterprovokation auspackte und sagte, das Volksbad sei auch: Kunst. Dass die Sache vollends eskalierte, als rechte Medien von "Rassismus gegen Weiße" sprachen, weil an einem einzigen Nachmittag das Bad Schwarzen Kindern vorbehalten sein sollte, hat mit Kunst allerdings nichts mehr zu tun, mit Intelligenz oder Mitgefühl allerdings auch nicht mehr, jenen Dingen also, die im Theater trainiert werden könnten. Dazu müsste man allerdings hingehen, statt nur zu kommentieren.
Unlimitierte Genre-Erweiterungen
Kunst geht im Theater traditionell nur als Titel eines Boulevardstückes, das sich über Kunst lustig macht wie ein beliebiger Fernsehfilm, in dem eine neurotische Galeristin oder ein pittoresk verrückter Künstler auftritt. Zumindest vielen älteren Kritikern treibt das K-Wort die Zornesröte ins Gesicht, spätestens, seit der gelernte Kurator Chris Dercon vor neun Jahren als Intendant der Volksbühne tatsächlich scheiterte und bereits im Vorfeld von einem entfesselten und von einigen Feuilletons unerbittlich angefeuerten Theatermob auch zum Scheitern gebracht wurde. Kunst, das ist doch Eventkram und Berlin-Mitte-Mist. Fürs kritische Denken ist noch immer das Theater zuständig! Wo sich dieser intellektuelle Glanz vergangener und imaginierter Größe heute noch zeigt, bleibt oft Theaterbetriebsgeheimnis.
Doch nun reibt man sich die Augen beim Blick auf die anstehenden Saisonstarts, besonders in Berlin, besonders bei den neuen Intendanzen. Und zwar nicht nur im Schauspiel. Der Schweizer Aviel Cahn übernimmt die Deutsche Oper und übergibt das Eröffnungswochenende einfach so einem Künstler! Rirkrit Tiravanija öffnet das ganze Haus am 29. August ab 12 Uhr für 30 Stunden lang nonstop. Künstlerinnen und Künstler aus Berlin bespielen jeden erdenklichen Raum, es wird also nicht einfach nur gekocht, wie man bei Tiravanija denken könnte (aber schon auch gekocht, keine Sorge). Unter Cahn gibt es für solche und andere Genre-Erweiterungen gleich eine eigene Sparte, die Unlimited heißt und von der Dramaturgin Elisa Erkelenz vollumfänglich betreut wird – als neue Säule des Hauses, nicht bloß als ihr Stuck.
Auch in der ersten großen Premiere an der Deutschen Oper spielt die Kunst entscheidend mit. Karlheinz Stockhausens "Mittwoch aus Licht" wurde 1992 in Birmingham aufgeführt und seither nie mehr als Ganzes. Stockhausen ist womöglich selbst schon mehr bildende Kunst als Oper, dann kommt noch die Regisseurin Susanne Kennedy dazu, deren in psychedelischen Zwischenreichen schwebenden Räume an Installationen erinnern. Zum Ende der Saison kehrt ein weiterer Künstler auf die Bühne zurück, allerdings eher als Bühnenbildner: Wolfang Tillmans für eine Neueinstudierung von Benjamin Brittens "War Requiem".
Kein neoliberales Art Washing
Schauspiel-Puristen halten dieses Kunst-Ding gerne a priori für Avantgarde, wie Jazzhasser alles für Freejazz halten, was nicht nach Dixieland klingt. Noch schlimmer als Avantgarde: hip, also irgendwie jung und angesagt, damit meint man in der Theaterkritik eigentlich doof. Im Gorki Theater unter der neuen Intendanz von Çağla Ilk ließe sich dieses Zerrbild in einem Intensivkurs korrigieren. Ilk studierte ursprünglich Architektur, wurde Kuratorin, arbeite bereits am Gorki bis 2020 und war verantwortlich für den deutschen Pavillon bei der Venedig-Biennale vor zwei Jahren mit Yael Bartana und Ersan Mondtag. Und in der ersten Hälfte ihrer Intendanz sieht man erst einmal das Gegenteil von junger, hipper Kunst, es geht nämlich mit Positionen jenseits der 80 Jahre los.
Der türkische Konzeptkünstler Sarkis (87) beschäftigt sich mit dem polnischen Theatermacher Tadeusz Kantor in einer Art Installation. Und die studierte Künstlerin und spätere Filmemacherin Ulrike Ottinger (84) kann man zwar getrost eine Avantgardistin nennen, aber mit neoliberalem Art Washing bringt man Ottinger, die schon früh in ihrer Laufbahn Stücke von Elfriede Jelinek inszeniert hatte, partout nicht in Verbindung. Im Dezember verantwortet sie die erste reguläre Schauspielpremiere auf der großen Bühne des Gorki, und zwar mit "The Hearing Trumpet" der Surrealistin Leonora Carrington. Und Kurator at large sowie Monopol-Kolumnist Udo Kittelmann wird im Kronprinzenpalais eine Ausstellung zu Samuel Beckett und seinen Horror im Anblick der nationalsozialistischen Kulturpolitik anlässlich der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 machen.
Aber was sind das nun schon wieder für weirde Porträts, mit denen die Schaubühne ihr Ensemble vorstellt, zunächst im Spielzeitheft und bald auf einer Plakatserie in halb Berlin? Schauspieler vor bonbonfarbigen Hintergründen, verkehrt rum auf dem Pferd, in Aluminiumanzügen, mit einer Möhre quer durch den Kopf wie ein Knochen, mit versteinerten Muscheln am Ohr aus dem Meer ragend, oder vervielfacht als Heliumballons? Fast wähnt man sich in einem Stück von Carrington, aber die ist ja im Gorki, oder in einem Wes Anderson Film, wenn der etwas mehr Drogen nehmen würde. Aber die Bilder sind von "Toiletpaper", dahinter stehen, aufgepasst: der Künstler und Monopol-September-Coverboy Maurizio Cattelan und der Fotograf Pierpaolo Ferrari.
Yves Klein und Schalke 04
Gut, das ist alles in Berlin, jener Stadt, die im Rest der Republik oft für Kommentarsalven im Internet sorgt, weil hier alle spinnen und 80 Millionen Deutsche die Lage der Hauptstadt aus der Distanz viel besser einschätzen können. Als hauptstädtische (aber leider nicht mehr so junge und hippe) Kunstsnobs können wir vermelden, dass im MIR, im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen am 19. September die Oper "Blau" nach dem Werk des französischen Künstlers Yves Klein und des Architekten Werner Ruhnau Premiere feiert, bearbeitet und inszeniert von der Gruppe Kommando Himmelfahrt. Aber Achtung Fans vom VfL Bochum, von Borussia Dortmund oder gar von Rot-Weiß Essen: Das berühmte Blau von Yves Klein in Ehren, aber die meinen damit bestimmt auch die Farbe von Schalke 04! Würde niemanden wundern, wenn die zur Premiere ein Fass Veltins anzapfen. Wäre das auch Kunst? Bochumerinnen und Bochumer aus der Heimat des Moritz-Fiege-Pils würden sagen: Is Kunst, weil wer die Plörre runter kriecht, muss wat können.
Zurück in der Hauptstadt, bräuchten die Leute in der Volksbühne eher Zaubertrank als Pils, um die Legionen von Römern vor den Toren loszuwerden, die am liebsten jetzt schon das Haus attackieren würden. Hat schon jemand gesagt, Matthias Lilienthal habe eine entfernte Ähnlichkeit mit Obelix? Zumindest wäre das von der Kunstfreiheit gedeckt.
Ein Blick ins Programm zeigt allerdings, dass in der Volksbühne fast gar nichts nach bildender Kunst aussieht. Stattdessen wird man sich hier auf der neu eröffneten Praterbühne die Dramatisierung des besten Berlin-Romans der letzten Jahre ansehen können: "Perfection" von Vincenco Latronico, inszeniert von Anta Recke, einer Schwarzen deutschen Regisseurin. Es gibt nicht nur in Berlin Leute, die selbst letzteres für neumodische Avantgarde halten. Und dass da jemand einer weißen Regisseurin den Platz wegnimmt, ist wahrscheinlich Rassismus, oder?