Im Kunsthafen von Acciaroli

Wegen der Mafia und gegen die Mafia

In einem kleinen Ort in Süditalien wird Kunst im Hafen und am Strand gezeigt, beispielsweise von Francesco Clemente. Die Hintergründe liegen in der traditionellen italienischen Verbindung zur Welt - und in einem Mord der Camorra

Auf den ersten Blick sieht alles ganz einfach aus. Da wehen an acht Fahnenmasten meterhohe Textilbilder leicht in der sanften Meeresbrise; manche unten mit Zickzack-Spitzen, wie sie bei religiösen Prozessionen zu sehen sind, manche abgerundet und eine in Rautenform. Darauf sind naiv anmutende Malereien von Menschen zu entdecken, die alle kopfüber ins Bodenlose stürzen.

Auf den zweiten Blick sieht das dann aber doch zu einfach aus. Nicht nur, weil der Boden der Wirklichkeit hier aus saftigem Gras besteht. Wer fällt denn hier, und wo sind wir überhaupt? An einer italienischen Küste südlich von Neapel, in einer Landschaft, die süßlicher kaum sein könnte. 

Unten streichelt das Meer die Felsen und oben zirpen die Grillen, es riecht nach Sommer. Der Ort heißt Acciaroli, und das tiefgrüne Gras vor dem tiefblauen Meer gehört zu einer Strandanlage, bei der man sich nie sandige Füße holen würde. Edel die Holzbauten, Lounge-artig die Einrichtung. Der Lido heißt Torre Caleo - und zum Turm kommen wir später.

Wer fällt, sitzt nicht

Am Eingang zur Anlage steht ein kleines Erklär-Plakat: Wir stehen vor einer Installation mit dem Titel "Sottencoppa" - auf den Kopf gestellt. Die hier hängenden Bilder hat alle der bekannte Künstler Francesco Clemente aus Neapel gemalt. 

Dasss hier einiges doppelbödig ist, hätten wir schon am bunten Banner über dem Eingang merken können. Denn der lateinische Text darauf ergibt einen zweifachen Sinn: einen von links, einen von rechts gelesen. "SI SEDES NON IS". Wenn du sitzt, gehst du nicht. "SI NON SEDES IS." Wenn du nicht sitzt, gehst du. Auch wenn du fällst, gehst du. Die da auf den Bildern stürzen, gehen ebenso, wenn auch in einen anderen Zustand ihrer Existenz. Überhaupt spüren Menschen ihre Existenz am deutlichsten, wenn sie straucheln. Der Reiter, der da auf einem Bild mit dem Kopf zuerst vom Pferd fällt, sitzt jedenfalls nicht mehr. Und er wird zum Einstieg in die allegorische oder mindestens assoziative Welt dieser Fahnenkunst, in der der Mensch die Natur nicht mehr beherrscht und von ihr abgeworfen wird, weil er dachte, sie sei sein Spielzeug. Nur hat er sie kaputt gespielt.

"If you think you are god, you’re not, you’re not", singt die neapolitanische Band Almamegretta in ihrem Lied "Toy" und zitieren im Falsett-Gesang den Schöpfer, der dem Menschen einst sagte, als er ihm die Welt schenkte: "Das ist alles Deins - doch pass' mal gut drauf auf! Spiele nicht zu hart damit, denn sonst machst Du am Ende nur Dich selbst kaputt."

Sturz aus dem Paradies

Eine Fahne zeigt die Apfelszene aus dem Paradies. Kein Häretiker, wer vor diesen acht Masten meint, dass mit der Schöpfung der Menschheit gleichzeitig ihr Untergang besiegelt wurde. Herabfallende Menschen, alle kopfüber, in unterschiedlichen Situationen. Eine Welt im Absturz.

Der 73-jährige Francesco Clemente gehört mit Domenico Palladino und Riccardo Dalisi zu den bekanntesten Vertretern der italienischen Transavantgarde. Palladino hat nebenbei vor zwei Jahrzehnten für Almamegretta zwei Plattencover entworfen - und im vergangenen Jahr am Strand eine Installation hingebaut, die an die Osterinseln denken ließ. Dass die Künstler ihre Werke hier zeigen, hat zwei einfache Gründe. Der erste: Der Strandbesitzer ist ein Freund des Kurators Eduardo Cicelyn, der in Neapel das Museo d’Arte Contemporanea Donna Regina, kurz "Madre", mit erdacht und gegründet hat. 

Cicelyn am Strand zusammen mit Clemente, der extra zur Vernissage aus New York nach Acciaroli anreiste: Das war keine Kleinigkeit im vergangenen Juli, aber es war eine Wirklichkeit, die zum Kunsthafen von Acciaroli gehört. Den gibt es seit zehn Jahren, und er beruht wiederum auf einer ganz anderen, grässlichen, Realität: einem Camorra-Mord. Am 5. September jährt sich der Schock zum 15. Mal. Der oder die Täter sind noch nicht gefasst, und der Verdacht besteht, dass sie von der örtlichen Polizei gedeckt wurden. Jedenfalls sind wichtige Beweise verschwunden.

Der erste Kunsthafen Italiens

Das Opfer war Angelo Vassallo, der damalige sogenannte Fischer-Bürgermeister von Acciaroli, der sich für Umweltschutz, einen sanften Tourismus und für rechtmäßige Verhältnisse eingesetzt hatte. Er war außerdem Präsident des Cilento-Nationalparks, einer der schönsten und am wenigsten von Bauwerken und Korruption zerstörten Regionen Süditaliens. 

Vassallo liebte das Meer und den Hafen seines Ortes, und er wollte den dort beginnenden Drogenhandel nicht decken. Ihm zu Ehren wurde der Ort vor zehn Jahren zum ersten und bislang einzigen Kunsthafen Italiens ernannt - der Lido von Torre Caleo ist sozusagen seine Außenstelle. 

Auch an der Mole wird Kunst gezeigt, ausschließlich moderne Werke, wie der Bürgermeister Acciarolis, Stefano Pisani, betont: "Wir möchten diese Art von Kunst vermitteln, weil normale Bürger oft nicht empfänglich für neue Kunstformen sind. Viele Italiener konzentrieren sich mehr auf Traditionelles und haben Schwierigkeiten, die moderne Kunst anzuerkennen."

Der Hafen als Tourismusmagnet

Hafen und Küste sind als Orte bewusst gewählt, so Pisani: "Die Menschen, die mit ihren Schiffen in der griechischen und römischen Antike hierherkamen, haben uns mit ganz verschiedenen Lebensweisen und Einflüssen verbunden. Sie haben uns und den Mittelmeerraum grundlegend geprägt. Der Kunsthafen will fortführen, was damals sozusagen das erste Internet für die Menschen war."

Ganz konkret ist die Bedeutung des Kunsthafens für die Einwohnerinnen und Einwohner von Acciaroli. Lange hatten sie nach dem Mord an ihrem Bürgermeister Angst. Auch die Touristen wurden weniger. Das hat sich mittlerweile geändert, obwohl das Verbrechen noch unaufgeklärt ist. 

Für den Sohn des Bürgermeisters, den Fischer und Gastronomen Antonio Vassallo, hat sich zumindest die touristische Situation verändert, auch Dank des Kunsthafens: "Wir sollten weiter in dieser Richtung arbeiten und im Laufe der Zeit versuchen, neue Anziehungspunkte für Touristen zu schaffen und damit mehr anzubieten als nur die Küste."

Vassallo spricht offen über den Mord an seinem Vater, dem nicht nur mit Kunst begegnet wird. Seine Onkel kämpfen seit Jahren für schnellere Ermittlungen und haben selbst recherchiert, damit das Verbrechen endlich aufgeklärt wird. "Wir haben ein viel genaueres Bild als im vergangenen Jahr um diese Zeit. Jetzt versuchen wir, die Ermittlungen und das Verfahren gegen diese Personen voranzutreiben. Wir hoffen, dass sie so schnell wie möglich für alles bezahlen, was sie unserer Familie, meinem Vater und der gesamten Gemeinschaft in unserer Region im Cilento angetan haben."

Zeitgemäßer geht es nicht

Der Turm mit dem fallenden Menschen auf einem der Bilder von Francesco Clemente ist nicht der hiesige Torre Caleo, sondern eine Anspielung auf die Tarotkarte mit diesem Bild. Sie steht für unerwartete Veränderungen, für Chaos und Zerstörung, für Trauma und Verlust, für Tragödie, Enthüllung, Verwirrung, Schmerz und Scheidung, für Missbrauch und Gewalt, für Bankrott oder Naturkatastrophen.

Zeitgemäßer geht es nicht, auch wenn man an diesem Ort daran überhaupt nicht denken mag. Zumindest nicht zuallererst.