Finanzierung offen

Kunsthalle Mainz vor dem Aus?

Die Zukunft der Kunsthalle Mainz ist ungewiss: Direktorin Stefanie Böttcher verlässt das Haus, ihre Stelle ist nicht neu ausgeschrieben, und auch die Finanzierung ist ungeklärt. Ein Gastbeitrag

Mainz, die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz, assoziieren viele mit dem ZDF, den Mainzelmännchen und Fastnacht. Die Stadt ist bekannt für Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks und ist Sitz einer der forschungsstärksten Universitäten Deutschlands. Doch klammheimlich droht einem der wichtigsten kulturellen Leuchttürme des Landes das Licht auszugehen: Die Kunsthalle Mainz steht vor der Schließung zum Jahresende.

Die Mainzer Stadtwerke haben angekündigt, ihr Engagement für die Stiftung Kunsthalle Mainz zum Jahresende zu beenden. Die Stelle der Direktorin Stefanie Böttcher, die an die Kunsthalle Kiel wechselt, wird nicht neu ausgeschrieben. Was über Jahre aufgebaut wurde, könnte damit in wenigen Monaten abgewickelt werden.

Es ist ein Bild von fast überdeutiger Symbolik: Im Mainzer Zollhafen, wo einst Güter am Rhein umgeschlagen wurden, ragt der grün schimmernde, um sieben Grad geneigte Turm der Kunsthalle in den Himmel – ein ehemaliges Kessel- und Maschinenhaus, das sich seit dem Umbau durch das Berliner Architekturbüro Zamp Kelp im Jahr 2006 von einem regional verwurzelten Haus zu einer Institution für zeitgenössische Kunst mit internationaler Strahlkraft entwickelt hat. Auch das umliegende Hafengelände hat sich gewandelt: Wo einst Brachland das Bild prägte, ist ein lebendiges neues Stadtviertel entstanden. Nun scheint es, als müsse dieses Viertel künftig auf sein intellektuelles Zentrum verzichten.

Mehr als ein Kunstort

Dabei ist die Kunsthalle weit mehr als ein Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst. Sie ist tief in der Stadtgesellschaft verankert – in der angrenzenden Mainzer Neustadt ebenso wie in Schulen, Hochschulen und sozialen Einrichtungen der Region. Mit ihrer integrierten Jugendkunstschule und engen Schulkooperationen ist sie ein Ort kultureller Bildung, der den Nachwuchs früh an zeitgenössische Kunst heranführt. Sie öffnet sich ihrer Umgebung mit Stadtrundgängen, bietet mehrsprachige Führungen, darunter auch in Gebärdensprache, an und richtet ihr Programm gezielt auch an Menschen mit Demenz. Auch zur Mainzer Kunsthochschule und der Universität bestehen enge Verbindungen. Kunst wird hier tatsächlich in die Lebenswirklichkeit der Menschen übersetzt.

Dass die Kunsthalle diesen Anspruch nicht auf Kosten ihres kuratorischen Profils einlöst, beweist einmal mehr die aktuelle Ausstellung. Seit Januar 2026 hat die erste große Einzelausstellung von Britta Marakatt-Labba bereits 5000 Besucherinnen und Besucher in den Zollhafen gelockt. Die Sámi-Künstlerin, Gründungsmitglied der aktivistischen Máze-Gruppe, verwebt in ihren Textilarbeiten Kosmologie mit politischem Widerstand. Es ist eine Schau, die zeigt, was die Kunsthalle Mainz unter der künstlerischen Leitung von Stefanie Böttcher – und ihren Vorgängerinnen – immer ausgezeichnet hat: ein feines Gespür für globale Diskurse, spartenoffen und mutig.

 

Britta Marakatt-Labba "Stitched Tracks", Ausstellungsansicht, Kunsthalle Mainz, 2026
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026 Foto: Norbert Miguletz

Britta Marakatt-Labba "Stitched Tracks", Ausstellungsansicht, Kunsthalle Mainz, 2026
 

Seit ihrer Gründung blickt die Kunsthalle auf bedeutende Einzel- und Gruppenausstellungen von Walid Raad, Camille Henrot, Forensic Architecture, Melanie Bonajo, Lara Favaretto, Daniel Buren, Matt Mullican, Lois Weinberger, Ed Atkins, Monica Bonvicini, Danh Vo und Rabih Mroué zurück.

Schweigen aus dem Rathaus

Man könnte meinen, dass in einer Landeshauptstadt, die Teil des wirtschaftsstarken Rhein-Main-Gebiets ist, die Politik sofort reagiert, die Zivilgesellschaft aufbegehrt und ein Rettungsschirm aufgespannt wird. Doch statt einer Vision herrscht derzeit vor allem eines: gähnende Ideenlosigkeit und politisches Schweigen. Aus dem Rathaus wäre jetzt ein klares Signal nötig. Bislang bleibt es aus.

Wenn eine Landeshauptstadt wie Mainz es nicht schafft, eine international renommierte Institution zu erhalten, ist das mehr als ein Versagen lokaler Förderpolitik. Es geht darum, ob Kultur als essenzieller Teil städtischer Identität begriffen wird – oder als dekoratives Beiwerk, das man sich leistet, solange es keine Kompromisse verlangt. Der Turm am Zollhafen bleibt. Ob er auch künftig ein Ort der Kunst sein wird, entscheidet sich in den kommenden Wochen. Die Schließung wäre jedenfalls eine kulturpolitische Bankrotterklärung.