Überdimensionale Make-up-Paletten, glänzend wie frisch lackierte Autokarosserien: Die Arbeiten von Sylvie Fleury sind auf der diesjährigen Art Genève omnipräsent. Bei Karma International etwa, wo ihre Kosmetikdöschen wie ins Monumentale aufgeblasene Alltagsobjekte an der Wand hängen. Die goldschimmernde Arbeit "Soleil Contouring Compact Bask" (2022), eine knapp zwei mal zwei Meter große Contouring-Palette, wirkt gleichzeitig wie Schminkprodukt, Minimal-Relief und Pop-Art-Trophäe. Ihr gegenüber gibt es am Stand der Zürcher Galerie schwere Bronzeplastiken von Hans Josephsohn und frühe Zeichnungen von Meret Oppenheim zu sehen ("Granatapfelblüte", 1932; "Steinbeeren," 1943).
Karma International ist einer von 81 Ausstellern, die in diesem Jahr im Palexpo in Genf dabei sind. Die Schweizer Messe bleibt bewusst übersichtlich und setzt weiter auf Auswahl statt Expansion.
Neben internationalen Schwergewichten wie Hauser & Wirth, Pace, Mennour, Galerie Lelong und Eva Presenhuber ist die Schweizer Szene stark präsent. Galerien wie Fabienne Levy oder Peter Kilchmann haben hier fast ein Heimspiel. Neu dazu kommen unter anderem Louis & Sack aus Paris, Seventeen aus London und Danysz mit Standorten in Paris, Shanghai und London. Die Art Genève bleibt damit eine Schnittstelle zwischen französischem Markt, Schweizer Sammlerszene und internationalem Austausch.
Vertraute Gesichter und neue Varianten davon
Bei Peter Kilchmann trifft man auf vertraute Gesichter – und neue Varianten davon. Der Schweizer Tobias Spichtig zeigt mit "Me in the Studio (Bronze 1)" (2025) erstmals eine seiner ikonischen Figuren als Bronzeguss. Die schlanke, verhüllte Gestalt steht auf Taucherflossen, die Oberfläche bewahrt jede Falte der ursprünglichen Kleidung.
Daneben hängt sein Gemälde "Andy Warhol Crying" (2025), ein Porträt zwischen Ikone und Müdigkeit. Ergänzt wird der Stand der Galerie mit Sitz in Zürich und Paris unter anderem durch Hernan Bas und Monica Bonvicini. Bas’ Gemälde "The grand finale" (2025) zeigt einen Moment nach dem Höhepunkt: Feuerwerk im Hintergrund, ein junger Mann am Geländer, ein unberührtes Champagnerglas. Bonvicinis "Fleurs du Mal (big bubble)" von 2022 variiert Duchamps Flaschentrockner mit hängenden Glasformen und liest sich als ziemlich direkte (und witzige) Studie männlicher Symbolik.
Eva Presenhuber: Matthew Angelo Harrison "Prey", 2024
Bei Eva Presenhuber verschiebt sich das Tempo. Der Stand ist ruhiger angelegt, aber visuell dicht. Adam Pendleton zeigt zwei neue Leinwände aus dem Jahr 2025 – "Untitled (Composition)" und "Untitled (Days)". Die Arbeiten entstanden aus fotografierten Zeichnungen, die er im Siebdruck wieder auf die Fläche übertrug.
Schwarzes Gesso, Raster, abgeschnittene Linien, fragmentierte Textreste. Die Bilder sind keine expressive Malerei, sondern eher Systeme, die sich Schicht für Schicht aufbauen. Daneben steht die Skulptur "Prey" (2024) des US-Künstlers Matthew Angelo Harrison. Eine geschnitzte afrikanische Holzfigur ist in transparentem Kunstharz eingeschlossen, maschinell bearbeitet, fast klinisch präsentiert. Harrison nutzt industrielle Fertigungstechniken wie CNC-Fräsen oder Acrylguss, um Objekte aus kolonialen Zusammenhängen und ihre Zirkulationsgeschichten sichtbar zu machen. Das Resultat ist weder nostalgisch noch dekorativ. Die Skulptur wirkt wie ein eingefangenes Spannungsfeld zwischen Sammlung, Gewalt und Museumsvitrine.
Eine dieser typischen Messe-Entdeckungen hängt ein paar Gänge weiter bei der Pariser Galerie Anne-Sarah Bénichou: ein einziges Gemälde von Mireille Blanc, und das reicht völlig. Die 1985 geborene Französin arbeitet fast ausschließlich nach Fotografien aus ihrem Alltag. Zu sehen ist ein extrem enger Ausschnitt: ein Stück Kuchen, ein Messer, ein langer, lackierter Fingernagel. Blanc übersetzt solche beiläufigen Szenen in schwere, pastose Ölfarbe. Nichts ist glatt, alles bleibt sichtbar gemalt. Haut wird Fläche, Glasur wird Material, der lila Nagellack ist fast ein eigenes Farbfeld. Aus der Nähe zerfällt das Bild in dicke Schichten, aus der Distanz setzt es sich wieder zusammen. Blanc interessiert weniger das Motiv als der Moment, in dem Fotografie wieder Körper bekommt. Ihre Malerei knüpft an die Tradition des Stilllebens an, verschiebt sie aber in eine Gegenwart, die näher, direkter und irgendwie ein bisschen unangenehm ist.
Prix Solo geht an Reginald Sylvester II
30 kuratierte Solopräsentationen konkurrieren auf der Messe um den Prix Solo Art Genève, der mit einem Ankauf für das Genfer Museum MAMCO verbunden ist. Gewonnen hat in diesem Jahr die Koje des Künstlers Reginald Sylvester II bei der Londoner Galerie Maximillian William. An seinem Stand zeigt der US-Amerikaner neue Arbeiten aus der Serie "Offering". Die großformatigen Abstraktionen entstehen auf industriellem Gummi statt auf Leinwand. Farbe wird gewaschen, geschichtet, wieder abgetragen, die Trägerstruktur bleibt sichtbar. Sylvester verbindet Malerei und Skulptur, indem er Materialien nutzt, die Gewicht und Widerstand mitbringen. Zwei Werke gehen direkt in die Sammlung des Museums.
Der Prix Mobilière wiederum richtet sich an junge Positionen aus der Schweiz und ging an Cassidy Toner. Die in Basel lebende Künstlerin arbeitet mit satirischen Skulpturen und Installationen, die Erfolg, Wert und den Kunstbetrieb kommentieren. Cartoonhafte Keramiken, Markenreferenzen, falsche Versprechen – Toner nutzt Humor als scharfes Werkzeug, um Mechanismen von Anerkennung sichtbar zu machen, ohne dabei ins Moralisierende zu kippen.
Parallel zur Messe verschiebt sich das Geschehen ab Freitagabend aus dem Palexpo in die Stadt. Art Genève / Musique, das Musikprogramm der Messe, bespielt den brutalistischen Temple de la Servette, einen Kirchenbau von 1970, der im kommenden Frühjahr abgerissen werden soll. Unter dem Titel "Before Demolition" entsteht dort ein Performance-Zyklus mit Monica Bonvicini, Alicia Frankovich sowie Hanne Lippard mit Renato Grieco. Der Abend endet mit einem Live-Set der französischen Musikerin Bonnie Banane und einem DJ-Programm. Wenn das mal nicht der perfekte Moment ist, um zu einer der überdimensionalen Make-up-Paletten von Sylvie Fleury zu greifen.
Karma International: Sylvie Fleury "Soleil Contouring Compact Bask", 2022