Messe Art-o-Rama in Marseille

Gespräche mit einem Geist

1996 setzte Roger Pailhas Marseille auf die Landkarte der zeitgenössischen Kunst. 20 Jahre nach seinem Tod würdigte die dortige Messe Art-o-Rama ihren Ermöglicher. Und zeigte einmal mehr große Namen neben Entdeckungen

Roger Pailhas mochte keine halben Sachen. 1986 eröffnete er am Cours Julien seine Galerie, zeigte Daniel Buren, Bruce Nauman, Mario Merz, Jeff Wall – Künstler, die man damals nicht unbedingt in Marseille erwartete. Zehn Jahre später gründete er die Kunstmesse Art Dealers: acht Galerien, gleiche Bedingungen für alle: ein Experiment, das die Stadt auf die Landkarte der zeitgenössischen Kunstwelt setzte.

20 Jahre nach seinem Tod kehrte Pailhas jetzt zurück, zumindest als eine Art Geist. Acht Händler, die schon 1996 dabei waren, widmeten dem Messe-Gründer bei der diesjährigen Art-o-rama (so heißt die Veranstaltung seit 2007) einen gemeinsamen Stand: Air de Paris zeigte Brice Dellsperger, Kamel Mennour Papierarbeiten von Camille Henrot, Continua hatte Michelangelo Pistolettos Spiegelarbeit "Color and Light" (2023) dabei. Auch die Galerien Catherine Bastide (heute bekannt als La Traverse), Art Concept, Loevenbruck, Les Filles du Calvaire und Esther Schipper waren präsent. Das Ganze ist ein Archiv-Moment, aber nicht museal; eher wie ein Gespräch, das wieder aufgenommen wird.

Drumherum lieferte die 19. Ausgabe der Art-o-rama am Wochenende genau das, was Pailhas im Sinn hatte: junge Stimmen, kleine Budgets, einen offenen Blick. 65 Galerien und Verlage aus 14 Ländern waren dabei, untergebracht in den Hallen der Friche la Belle de Mai, einer ehemaligen Tabakfabrik mit Skatepark und Dachterrasse. 

Heute führen Jérôme Pantalacci und Gaïd Beaulieu die Messe weiter – beide arbeiteten schon in den 90ern an Pailhas’ Seite. Ihre Linie: bewusst klein halten, sorgfältig auswählen. Und: eine konzentrierte Bühne bieten, auf der neue Positionen neben etablierten Namen bestehen können.

 

Vacancy aus Shanghai war zum ersten Mal dabei und brachte mit "Things the Tide Choose Not to Take" drei Positionen nach Marseille, die alle an der Grenze von Erinnerung und Material arbeiten. Anna Gonzalez Noguchi nimmt unscheinbare Dinge wie Handtücher und macht daraus stille Reliquien, Kristian Touborg holt digitale Collagen zurück auf die Leinwand, wo ihre vibrierenden Oberflächen den Umweg über den Bildschirm noch spüren lassen. Jesse Zuo geht näher an den Körper: hyperrealistische Haarsträhnen, konserviert in fast dokumentarischer Genauigkeit, werden bei ihm zu Archivstücken der Zeit.

Romance × Iowa (Pittsburgh/Brooklyn) zeigte unter anderem die US-Amerikanerin Naomi Hawksley, Jahrgang 2000, deren fragile Zeichnungen junge Frauenfiguren in durchsichtige Boxen sperren. Safe spaces oder Käfige? Hawksley spielt mit dieser Ambivalenz – Rückzug als Schutz und Bedrohung zugleich, ein Raum zwischen Fürsorge und Isolation.

Die lokalen Stimmen waren nicht weniger stark. Sissi Club, gegründet 2019 in Marseille, zeigte Amalia Laurent und Marion Ellena: gebleichte Batikflächen, in denen sich Sonnenflecken zu Karten der Vergänglichkeit ordnen, und zerschnittene Fotografien, die wie beschädigte Clouds wirken. Double V, ebenfalls aus Marseille, kollaborierte mit den Londoner Galerien Xxijra Hii und Studio/Chapple. Zu sehen waren Arbeiten von Elvire Bonduelle, Julie Maurin, Louise Oates und David Michaud.

 

Aus Deutschland waren nur zwei Galerien mit einem ganzen Stand angereist – beide zum ersten Mal. Dittrich & Schlechtriem aus Berlin zeigte neue Arbeiten von Monty Richthofen, der Sprache direkt auf Oberfläche bringt: in diesem Fall schwarze Schriftzüge auf roten Leuchtkästen, deren glow an Dringlichkeit und Widerstand erinnert. Paw aus Karlsruhe setzte auf Malerei und Skulpturen von Miriam Schmitz, Matt Muir und Marc Botschen, die eher wie Versuchsaufbauten wirken – unperfekt, aber mit klarer Energie.

Ein eigener Ton kam aus der Sektion Design: Diese widmet sich ausschließlich Kunsthandwerk aus Marseille. Statt White-Cube-Inszenierung zeigten lokale Ateliers, wie man mit Keramik, Glas oder Textil arbeitet – nah an der Stadt, nah an den Materialien. Michel Bresson, ein Veteran der Szene, brachte seine Lampenserie "Patella Tiffanya" mit: Muscheln eingefasst in Tiffany-Technik, Schirme wie kleine Kristallkörper, das Licht irgendwo zwischen maritimer Erinnerung und Disco-Glam. Daneben experimentierten Studios wie Substance oder Atelier Mare mit Oberflächen, Farben und organischen Formen.

Dass hier neben internationalen Newcomern auch die eigene Szene gefeiert wird, macht den Unterschied. Marseille, das seit Jahren zwischen Unsichtbarkeit und Hype pendelt, bekommt mit der Messe einen verlässlichen Fixpunkt. Was einst mit Roger Pailhas' Idee begann, ist heute eine Plattform, die internationale Galerien anzieht und zugleich den heimischen Stimmen Raum gibt. Keine Messe-Megalomanie, sondern ein Format, das bewusst überschaubar bleibt – und gerade deshalb so eigenständig wirkt. 

Wer hier durch die Hallen läuft, merkt schnell: Marseille muss sich nicht vergleichen, es hat längst seinen eigenen Ton gefunden. Die Formel dafür hat das Rap-Kollektiv 13 Organisé mit ihrem Song "Bande organisée" bereits 2020 geliefert. Wer in Marseille länger als zwei Tage verbringt, stolpert unweigerlich über die drei Wörter, die längst zum Slogan der Stadt geworden sind: C’est Marseille, bébé.