Kunststandort in Gefahr

Was wird aus dem Kölner Ebertplatz?

Veranstaltung der Initiative Unser Ebertplatz in Köln
Foto: Courtesy Unser Ebertplatz

Veranstaltung der Initiative Unser Ebertplatz in Köln

Im Kölner Wahlkampf taucht der Ebertplatz vor allem als Problemort auf - dabei ist hier eine lebendige Kunst- und Kulturszene gewachsen, die nun um ihre Existenz fürchtet. Ein Ortsbesuch

Es ist Anfang September, Menschen quetschen sich aus der Kölner U-Bahn und an der Baustelle der Ostpassage vorbei. In der Unterführung passieren sie die von roten Fliesen umrahmten Vitrinen von Islands of Contemporary Arteiner der Kunstinitiativen am Ebertplatz. 

Nach einigen Schritten steht man in der Mitte der Anlage: Leute lassen hier entspannt den Mittwochabend ausklingen – auf Liegestühlen, Bänken und am Container-Café mit Blick auf den zentralen Brunnen: die "Wasserkinetische Plastik" des Bildhauers Wolfgang Göddertz. 

Als es noch heiß war, haben Kinder öfter im Wasser geplanscht. Hier ist es grün, der tiefergelegte Platz ist geschützt vom umliegenden Autoverkehr. Die Kunsträume in der Westpassage bereiten sich an diesem Abend auf das Festival DC Open vor. Eine Frau pflegt das von Anwohnerinnen und Anwohnern angelegte Blumenbeet, jemand döst im Gras. Eine Gruppe spielt Fußball. Oft sind hier Polizei oder Ordnungsamt präsent, heute ist es aber ruhig. Bei diesem Anblick ist es schwer vorstellbar, dass dieser Ort als sozialer Brennpunkt gelten soll.

Villa-Aurora-Stipendiatinnen neben Newcomern

Der Kölner Ebertplatz ist weit über die Stadt hinaus für seine Kunstinitiativen bekannt. Er feiert 2025 sogar in zweifacher Hinsicht Jubiläum: Vor 20 Jahren gründeten Kulturakteurinnen und -akteure das Atelier- und spätere Ausstellungszentrum Labor, und damit den ersten Kunstort des Platzes. Seit 2010 gibt es in der Westpassage durchgängig vier Kunsträume. 

Villa Aurora-Stipendiatinnen werden neben Newcomern gezeigt. Hier haben schon Künstlerinnen und Künstler wie Anna Ehrenstein, Mikołaj Sobczak, Mischa Kuball oder Julia Scher ihre Arbeiten präsentiert. Für einige ist der Ebertplatz eine wichtige Station auf ihrem Weg: Raumbetreiberin Meryem Erkus von Gold+Beton zeigte 2017 Henrike Naumann mit ihrer ersten Einzelausstellung in Westdeutschland – 2026 wird die Künstlerin zusammen mit Sung Tieu den deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale bespielen

Andere Künstlerinnen und Künstler bringen internationales Prestige in die Stadt, so wie Selin Davasse, die 2022 eine der Vertreterinnen im luxemburgischen Pavillon auf der Biennale war. In diesem Sommer war sie mit einer Einzelausstellung bei Mouches Volantes zu sehen.

Sicherheit gilt nicht für die Kultur

Statt diese Meilensteine der eigenen Kunstlandschaft zu feiern, legt die grün-schwarz regierte Stadt ihr jedoch immer wieder Steine in den Weg: Kurz vor den Kommunalwahlen in Nordrhein Westfalen wird der Ebertplatz erneut zum Spielball in der Debatte über Bau- und Sicherheitspolitik. Markus Greitemann, Oberbürgermeisterkandidat der CDU und aktuell Dezernent für Planen und Bauen, wählte den Ebertplatz zum persönlichen "Problemkind", um sich als Bekämpfer von Drogenkriminalität zu profilieren. Sein Slogan: "Vom Arbeitsplatz zum Ebertplatz: für Sicherheit sorgen".

Die im Wahlkampf beschworene Sicherheit scheint jedoch nicht für die Kölner Kultur zu gelten. Es sieht aus, als hätte die Stadt ein besonderes "Gespür" dafür, Kunstorte zum Einstampfen zu finden. 2002 riss sie die Josef-Haubrich-Kunsthalle ab, die Szene reagierte mit einem neuen Projekt: der European Kunsthalle, einer nomadischen Institution, die von 2008 bis 2009 auch am Ebertplatz angesiedelt war. Gründungsmitglieder der Initiative waren unter anderem die prominenten Kuratoren Nicolas Schafhausen, Hans-Ulrich Obrist und Yilmaz Dziewior sowie der Galerist Christian Nagel. 

Auch die Kunst- und Museumsbibliothek war kürzlich im Visier der Sparpolitik, hat sich durch eine große Unterstützungs-Kampagne (unter anderem mit Gerhard Richter) und viel Protest aus der Szene jedoch vorerst retten können. Ob das am Ebertplatz auch gelingen wird? NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) meldete sich im März wiederholt zu Wort und bezeichnete den Ebertplatz als "größtes Drogenkaufhaus von NRW". Reuls Vorschlag? "Wenn es nach mir ginge, würde ich den Platz einfach zuschütten." Auch die Kölner CDU übernimmt im Wahlprogramm das Bild des Ebertplatzes als Gefahrenort, der verschwinden müsse.

Irreversible Veränderungen an Architektur und Gebäudestruktur

Die Fraktion der Christdemokraten veröffentlichte im Mai ein Positionspapier: Angestrebt wird demnach "eine komplette Zerschlagung der offenen Drogenkonsumszene in Köln" mit einer Kombination aus "präventiven und repressiven Maßnahmen". Die neueste Idee aus der Feder von Baudezernent und Polizeipräsident: die Schließung mehrerer Zugänge des Ebertplatzes. Das CDU-Wahlprogramm suggeriert, dass diese sogar schon geschehen sei: "Die Schließung der Westpassage war ein erster Schritt."

Im "Kölner Stadtanzeiger" und auf Anfrage von Monopol begründet die Stadt die Abriegelung damit, dass so Dealern die Flucht bei Kontrollen erschwert werden soll. Die Betreiberinnen und Betreiber der Räume in diesem Bereich befürchten jedoch irreversible Veränderungen an Architektur und Gebäudestruktur, die von der wirklichen Lösung der Probleme weit entfernt liegen. Eine bei der Stadt angefragte Beurteilung aus Sicht der Sozialarbeiter vor Ort blieb jedoch aus.

Deren Leistung betont Marion Mallmann vom Kunstraum Labor: "Konsumenten haben durch die Sozialarbeit vor Ort direkte Ansprechpartner bei Problemen bezüglich Wohnungslosigkeit oder Suchtberatung." Ob alles wirklich so schlimm sei wie die Wahlkampagne behauptet? "Im Gegenteil. Die Menschen aus den umliegenden Vierteln und darüber hinaus nehmen den Ebertplatz immer positiver wahr. Es gibt jeden Tag unterschiedliche Angebote für alle: Konzerte, Workshops, Theater, Tanz, Gesang und vieles mehr." Meryem Erkus fügt hinzu: "Problematisch wird es vor allem dann, wenn Polizeibeamte herkommen, die nicht mit dem Platz und den Leuten vertraut sind." 

Der Ebertplatz war nicht immer ein sogenannter sozialer Brennpunkt. Bis Anfang der 2000er war er ein Aufenthaltsort wie jeder andere, bis im Zuge des stadtweiten Sparprogramms Brunnen, Rolltreppen und Lampen abgestellt sowie die Reinigungsintervalle ausgedünnt wurden. Diese erste Welle der Vernachlässigung führte zur wachsenden Unattraktivität des Platzes.

"Eine Situation, die ich nicht akzeptieren wollte" 

Aus dieser entstanden jedoch auch die ersten Kunsträume am Ebertplatz. Einer nach dem anderen belebte das Areal. Spätestens 2012 – nach Alex Wissels "Single Club"-Aktion – war ein Hotspot geboren. Die Leute kamen in Massen. Nachdem 2013 der Verein Brunnen e.V. ins Leben gerufen wurde, hat sich auch der Zusammenhalt zwischen den Kunsträumen gestärkt: "Als ich hier angefangen habe, gab es Nachholbedarf", erzählt Meryem Erkus, die dem Verein vorsitzt. "Teils hat der Austausch untereinander gefehlt. Eine Situation, die ich damals einfach nicht akzeptieren wollte!" 

2018 haben Aktive vor Ort gemeinsam mit der Stadt Köln die Initiative Unser Ebertplatz ausgearbeitet – offiziell als "Zwischennutzung"Seitdem hat sich viel getan. Neben den gemeinsamen Kunstfesten und Eröffnungen gibt es kostenlose Outdoor-Konzerte und ein vielseitiges soziokulturelles Programm. Auf der Platzmitte eröffnet ein Container-Café, es werden Sitzpodeste und Sportmöglichkeiten gebaut. 

Auch der Brunnen – die "Wasserkinetische Plastik" des Bildhauers Wolfgang Göddertz – ist wieder in Betrieb. Vieles hier läuft auf ehrenamtlicher Basis, Gewinne und Spenden werden in die Weiterentwicklung investiert. "Es ist ein Ort, der verschiedene Subkulturen unterstützt, daher bleibt er für den Mainstream weniger sichtbar und verständlich", erklärt Maria Wildeis, die den Kunstraum Gemeinde Köln leitet. Dieses Jahr hat sie das Open-Air-Passagen-Kino eingerichtet. Das Filmprogramm wird von internationalen Kuratorinnen und Kuratoren ausgewählt und zieht auch namhafte Künstler und Filmemacherinnen wie Kamal Aljafari, Jonathan Omer Mizrahi und Black Power Naps an.

Kampagnen und Petitionen hatten Erfolg

Während vielen die Architektur des Platzes ein Dorn im Auge ist, sieht Wildeis eindeutige Standortvorteile, die solche Events wie das Filmfestival überhaupt erst ermöglichen: "Der Ebertplatz ist wie ein Amphitheater aufgebaut, er hat eine tolle Akustik. Wir haben hier Möglichkeiten, die andere Plätze physisch einfach nicht hergeben." Auch Erkus betont die Vorteile: "Er bietet wettergeschützten Raum für sehr viele Menschen, man muss nichts absperren, da er autofrei ist. Man kann hier auch überall sitzen, was sonst fast nirgendwo in Köln der Fall ist: Stadtweit werden Sitzbänke abgeschafft oder der öffentliche Raum privatisiert. Dass der Ebertplatz ein Ort für Viele bleibt, an dem Kunst und Kultur ohne Kaufzwang angeboten wird, ist uns sehr wichtig."

Erkus führt auch die Kölner Silvesternacht 2015 als Zäsur an: "Die verstärkte Polizeipräsenz auf der Domplatte führte nicht zur erhofften Auflösung der Dealerszene, sondern in erster Linie zu ihrer Verschiebung auf den Ebertplatz." Nach mehreren Eskalationen unter Dealern wollte der damalige Stadtdirektor die gesamte Passage zumauern, den Kunsträumen wurden Kündigungen ausgesprochen. 

Dass es letzten Endes nicht dazu gekommen ist, haben die vielen Kampagnen und Petitionen von Anwohnerinnen und lokalen Initiativen erreicht. Die Kommunikation zwischen den Verteidigern des Ebertplatzes und der Stadt Köln war laut Erkus über viele Jahre direkt, transparent und auf Augenhöhe. Dann wurden jedoch die städtischen Personalressourcen immer weiter heruntergefahren und die Betreuung an ein externes Büro ausgelagert, das sämtliche Kommunikation organisiert. 

"Wir werden gerade eingekesselt"

Ein gut funktionierendes System, das direkten Austausch, Transparenz und Kooperation ermöglichte, wurde aus der Sicht von Erkus dadurch enorm geschwächt: "Wir mussten richtig dafür kämpfen, dass Vertreter:innen von uns im Auswahlgremium für das Büro sitzen durften." Das seit Anfang 2024 zuständige Büro Startklar A+b bekam den Auftrag, das Projekt zu betreuen, die bisherigen Daten zusammenzufassen und den Ebertplatz zu evaluieren. 

Für die Zukunft des Ortes aber ist die sogenannte "Vorqualifikation des Planungsverfahrens" richtungsweisend: Nach Abschluss des zweijährigen Auftrags wird das Büro der Politik Modelle für drei unterschiedliche Planungsvarianten vorlegen: Umbau im Bestand, Teil-Umbau oder Abriss und vollständiger Neubau. Letzteres würde das Aus für die Kunsträume bedeuten. 

Diese Entscheidung ist für Ende 2025 oder Anfang 2026 angesetzt und stellt die Grundlage der europaweiten Ausschreibung zur langfristigen Umgestaltung dar. Jedoch: Der Beschluss aus dem März dieses Jahres, einen Großteil der Zugänge zu schließen, ist für die Engagierten am Platz eine Verzerrung des Bestands. Denn, so Erkus, "eine Bestandsvariante schließt nicht nur uns Aktive mit ein, sondern richtet sich insbesondere natürlich auf die Architektur. Wenn dann in einer Kurzschlussreaktion für 200.000 Euro die Treppenabgänge dauerhaft zerstört werden, widerspricht das dem politischen Beschluss und nimmt Entscheidungen sowohl in der Bestands- als auch in der Teilumbauvariante vorweg." Dass zeitgleich auch in der Ostpassage ein Zugang zur Straßenbahn erneuert wird, wird die Arbeit der Aktiven laut Erkus erheblich beeinträchtigen: "Wir werden gerade eingekesselt."

"Wir zahlen aus eigener Tasche drauf"

In besagter Ostpassage betreibt Patrick C. Haas die Vitrinen der Initiative Islands of Contemporary Art. Er beobachtet die Entwicklungen besorgt: "Die Stadt Köln ist nicht in der Lage, das eigentliche Problem anzugehen", stattdessen würden die Initiativen, die sich mit aller Kraft für den Platz einsetzen, kollateral bestraft. Auch Ihsan Alisan von Mouches Volantes kritisiert die Baupläne: "Während die Sanierung der Oper in Köln mittlerweile Kosten von über 1,5 Milliarden Euro erreicht, arbeiten wir nicht nur ehrenamtlich und mit minimalen Mitteln, sondern zahlen oft sogar noch aus eigener Tasche drauf."

Auch der Lunchcube - Kunst am Mittagstisch stellt sich gegen die empfundene soziale Kälte der Politik. Das Projekt bietet fünf Mal die Woche Mittagessen auf Spendenbasis an und präsentiert dabei kleine Ausstellungen. Die offene Siebdruckwerkstatt stellt Support-Motive her, ein neues Artist-in-Residence Programm lädt Künstlerinnen und Künstler mit dem Schwerpunkt artistic research ein, es wird an einem Archiv und einer Publikation gearbeitet. 

Mit "Open 24/7" startet außerdem ab September eine Kampagne, die für die Bestandsvariante werben soll. Aktive vor Ort haben über das vergangene Jahr Konzepte erarbeitet, wie so ein Szenario aussehen könnte. Bereits im Frühjahr und im Sommer haben sie mit Aktionen auf den Erhalt des Ortes aufmerksam gemacht. Im Herbst soll am Ebertplatz ein neuer Verein gegründet werden, der den vielen hier vereinten, unterschiedlichsten Menschen auch über die Kunst hinaus gerecht werden soll.

Was ist aber mit der Kunst und Kultur hier?

Wie es am Ebertplatz weitergeht, hängt auch davon ab, wer die Stadt Köln in Zukunft regieren wird. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des "Kölner Stadt-Anzeigers" ist der Ausgang der am 14. September anstehenden Kommunalwahl noch recht offen. Thorsten Burmester (SPD) führt aktuell mit 15 Prozent, Berivan Aymaz (Grüne) erreicht 13 Prozent. Markus Greitemann (CDU) ist mit 11 Prozent Drittplatzierter. 

Die finale Entscheidung und Durchführung des neuen Planungsverfahrens am Ebertplatz werden bei der neuen Regierung liegen, doch scheinen bisher in jeder Partei innovative Ansätze zu fehlen. Im Juli stellte die FDP-Fraktion ihre "Initiativen für mehr Parken im Veedel" vor – der Ebertplatz solle zur Tiefgarage umgebaut werden. Eine Idee, deren Umsetzbarkeit die Fraktion schon Anfang der 2010er Jahre prüfte – im Wahlprogramm wiederum kein Wort zu dem Thema

Auch AfD und Linke umgehen das "E-Wort" komplett. Im Wahlprogramm der SPD taucht der Ebertplatz ähnlich zum wording der CDU nur als "zentraler Ort von Kriminalität und Verwahrlosung" auf; ähnlich bei Volt. Die Grünen-Fraktion (deren Hauptquartier sich am Ebertplatz befindet) wirbt im Wahlprorgamm vor allem für Sicherheit und eine autofreie Gestaltung des Abschnitts vom Ebertplatz zum Chlodwigplatz. Was ist aber mit der Kunst und Kultur hier? Dazu schweigt die Politik.