Künstler als Kuratoren

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Wozu noch Kuratoren? Künstler wie Julian Schnabel kuratieren ihre Ausstellungen selbst und schaffen dabei ihren eigenen kunsthistorischen Kontext. Ein Kommentar von Sebastian Frenzel

Julian Schnabel hat unsere Welt verlassen. Er ist über die Grenze geklettert, die kein Museumbesucher, kein gewöhnlicher Mensch überschreiten darf, ohne Alarm auszulösen. In einen Raum, den er sich nicht mit uns teilt, sondern mit der Kunstgeschichte. Julian Schnabel steht neben van Gogh. Mit dem gleichen Bart und grimmiger Mimik, auf Augenhöhe. So jedenfalls hat er sich für eine Ausstellung im Pariser Musée d'Orsay fotografieren lassen.

Das Museum hat dem US-Künstler Carte Blanche gegeben, seine eigenen Werke mit Sammlungsstücken zu mischen, und Schnabel hat sich für die Größten der Großen entschieden: Für van Gogh (dem auch sein jüngster Kinofilm "At Eternity's Gate" gewidmet ist), Gauguin, Cézanne, Manet (bis 13. Januar 2019). Dass Kunststars und Celebrities Ausstellungen kuratieren, ist nicht neu. Das Kunsthistorische Museum in Wien rief dazu schon 2012 eine eigene Reihe ins Leben, die mit dem Künstler Ed Ruscha eröffnete und aktuell mit dem Regisseur Wes Anderson fortgesetzt wird. Luc Tuymans in Dresden, Grayson Perry in London, Urs Fischer in San Francisco – viele Künstler haben Museumsausstellungen gehängt.

Jetzt aber scheint es so, als hätten diese Gastkuratoren nur die Blaupause für eine neue Entwicklung geliefert: Künstler kuratieren nicht die Werke anderer Künstler, sondern ihre eigenen. Wenige Tage, nachdem in Paris die Schau "Orsay through the eyes of Julian Schnabel" eröffnete, lud das Kunstmuseum Aarhus zur Vernissage einer großen Schnabel-Retrospektive: Werke aus den vergangenen 30 Jahren, gehängt vom Künstler selbst. Julian Schnabel durch die Augen von Julian Schnabel.

Mit der Werkschau als Nabelschau steht Schnabel nicht allein da. Sein alter Kumpel Albert Oehlen hat in der Beiruter Aishti Foundation gerade eine Ausstellung mit eigenen Arbeiten und Werken aus seiner Privatsammlung zusammengestellt. Kai Althoff setzte 2016 für eine Werkschau im New Yorker Museum of Modern Art durch, dass er selbst Hand anlegen durfte – Leihgeber mussten sogar auf den Versicherungsschutz bei möglichen Beschädigungen verzichten. Und auch Jeff Koons wird 2019 kuratieren: eine Jeff-Koons-Ausstellung.

Die Entwicklung passt in eine Zeit, in der die Profession des Kurators mehr denn je in Frage gestellt wird. "Ob Documenta oder Biennale, überall herrschen Ausstellungsmacher und schaden der Kunst und den Künstlern", schrieb "Die Zeit" im vergangenen Jahr und forderte: "Schafft die Kuratoren ab!" Auch die "NZZ" rief zur "Entmachtung der abgehobenen und intellektuell verstiegenen Kuratoren-Kaste" auf. Der Kurator erscheint nicht mehr als Vermittler zwischen Künstler und Publikum, sondern als Hindernis, das einem unverfälschten Blick auf die Kunst im Wege steht.

Der Wunsch, die Dinge nicht länger durch die Brille des Kurators, sondern mit den Augen eines Künstlergenies zu sehen, entspricht einer neuen Sehnsucht nach dem Ungefilterten, Rauen, Kompromisslosen. Interessanterweise schlägt Schnabel in seiner Schau einen Bogen zurück zu seinen Anfängen in den 80er-Jahren, als er mit anderen jungen Wilden (Clemente, Oehlen etc.) gegen die Konzeptkunst rebellierte – zwei Textzitate (eins von Schnabel, eins von einem befreundeten Autor) aus jener Ära stehen am Anfang und Ende seiner Ausstellung.

So wie damals gegen die verkopfte Konzeptkunst gewettert wurde, stehen heute die "intellektuell-verstiegenen" Kuratoren am Pranger. Der Künstlerkurator braucht sie alle nicht, er schafft seinen eigenen Kontext, seine eigenen Bewertungskriterien, er agiert jenseits von Wissenschaft oder Kritik. Der alte, neue Zeitgeist will solche Machttypen, die sich von demokratischen Institutionen (Museum, Finanzamt, Parlament) nicht länger bevormunden lassen, die sich breitbeinig gegen Mainstream und Political Correctness stemmen. Wo das Manspreading in der U-Bahn verboten ist, soll es wenigstens im White Cube noch erlaubt sein.

Dabei waren es gerade Künstler, die gezeigt haben, dass man auf verschiedene Arten außerhalb der Norm stehen kann: subversiv, minoritär, selbstironisch. Oder als autoritärer Malerfürst, der mit der Gesellschaft möglichst wenig zu tun haben will. Kai Althoff ramschte sein millionenschweres Oeuvre im MoMA zu einer flohmarktartigen Installation aus Kindheitszeichnungen, Lampen und Töpferei zusammen, und unterlief damit die Konventionen des Museums wie des Kunstmarktes. Julian Schnabels neueste Werke sind bis zu sieben Meter hoch, zu groß für die Augen eines Sterblichen, aber ganz sicher im Dialog mit der Kunstgeschichte.

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