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Berliner Nachtleben

Der unverschämte Zauber des Grill Royal

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Zehn Jahre Mitte-Alarm, Angeberei – und immer wieder Heimatgefühle: Ein neuer Band feiert das Restaurant Grill Royal als zentrale Institution des Berliner Nachtlebens. Was genau den Charme des "Grill" ausmacht, erklärt der Autor Adriano Sack

Wir sprechen hier nicht von einem guten Restaurant. Wir sprechen hier nicht über die Qualität der Steaks. Wir sprechen auch nicht über die erlesene Weinkarte, die Kenner für sehr fair kalkuliert halten. Und schon gar nicht über die geschickte Beleuchtung. Oder die geschmackvollen Toiletten mit Verweilqualität. 

Wir sprechen über die unverschämten Kunstwerke, den highly fuckable staff, die einzigartige Mischung aus Arroganz und Selbstironie der Besitzer. Wir sprechen also über den Grill Royal, der seltsamerweise von nicht wenigen Stammgästen "das Grill" genannt wird. 

So oder so ist und bleibt der Name eine Frechheit. Ernst kann man ihn nicht nehmen. Oder aber als Zeichen verstehen, dass die Welt als solche, und alle auf ihr stattfindenden Äußerungen, nicht ernst zu nehmen sind. "Ja, wir sind (oder haben) die Größten. Und wissen, dass man das eigentlich nicht sagt. Tun wir aber trotzdem", verkündet einem der Name Grill Royal mit einem charmanten Grinsen. Es handelt sich also um durch Sichtbarmachung der eigenen Strategie erträglich gemachte Angeberei. Wie die meisten interessanten Dinge: total eins zu eins und gleichzeitig total meta. 

Wenn man hier aber noch kurz hängen bleibt, by the way eine Tätigkeit, für die der Grill Royal wie geschaffen ist, verrät er noch ein bisschen mehr. Er beschwört Erinnerungen an "Gelée Royale" herauf, jenes Gemisch aus den Sekreten der Futtersaftdrüse und der Oberkieferdrüse der Arbeiterbienen, das vielleicht erste Superfood, das das Massenpublikum elektrisierte, auch wenn es bis heute den Beigeschmack von Halbseidenheit und Scharlatanerie nicht ganz loswerden konnte.

Und natürlich verweist er auf die Serie Kir Royal von Helmut Dietl, in der Franz Xaver Kroetz einen Münchner Klatschreporter spielt und in dieser Funktion entscheidet, wer "drin ist" – also in seiner Klatschkolumne und damit Teil der sogenannten Schickeria. In der ersten Folge spielt Mario Adorf den erfolgreichen Mittelständler Heinrich Haffenloher, Herr über ein Klebstoffimperium. Dieser Mann kommt nach München und sehnt sich nach gesellschaftlicher Bestätigung. Als der Klatschreporter sich ihm trotz intensiven Werbens verweigert, setzt Haffenloher mit der Unbeirrbarkeit eines deutschen Panzers seine wirtschaftliche Potenz ein und lässt Baby Schimmerlos an den Pool des Hotels Bayerischer Hof bestellen. "Ich scheiß dich zu mit meinem Geld", droht der Industrielle im Bademantel dem Reporter. Und der knickt natürlich ein. Hier wird mit Brecht'scher Kälte - schließlich handelt es sich um Helmut Dietl auf der Höhe seines Schaffens - der Gesellschaftsreporter vom Zeremonienmeister zum Dienstleister degradiert. Und der Unternehmer als rücksichtsloses Tier gefeiert, mit kleinbürgerlichen Träumen und einer Faust aus Stahl. 

Das Berlin des neuen Jahrtausends ist ein anderes Biotop als das München der achtziger Jahre. Statusdenken, Wohlstand und Hedonismus machen sich breit. Ein Tisch in einem Szenerestaurant ist nun Zeichen sozialen Erfolgs. Aber aufgrund der Sozial- und Geistesgeschichte von Berlin ist dessen Inszenierung nur in ironischer Halbaffirmation möglich. Deswegen das Zitat, das Distanz und Liebeserklärung zugleich ist, deswegen also "Grill Royal". 

Das Gründertrio bestand aus dem Galeristen Thilo Wermke, einem spitzzüngigen Intellektuellen, der in Rafael Horzons Bestseller "Das weiße Buch" aus unerfindlichen Gründen als "Baron zu Wermke" auftritt, dem Rahmenbauer Stephan Landwehr, der seine ersten Schritte in der Berliner Gastronomie im legendären "Exil" von Oswald und Ingrid Wiener gemacht hatte, und dem DJ und Hobbykoch Boris Radczun, der höchst erfolgreich durch das Berliner Nachtleben irrlichterte. Der Nukleus für den Grill war ein kleines illegales Restaurant, das Boris ab 2002 in einem nicht genutzten Nebenraum des Clubs Cookies veranstaltete. Der völlig willkürlich erweiterte Freundeskreis erhielt im Laufe des Vormittags ein Codewort, mithilfe dessen man durch den am Frühabend noch leeren Club eine Treppe hochstieg und an einer Geheimtür eingelassen wurde. Die Speisekarte war überschaubar und schon für damalige Verhältnisse auf eine aus der Zeit gefallene Art fleischlastig. Und wer lang genug sitzen blieb, bekam von Boris noch ein Stück kurz gebratene Filetspitze auf den Teller geschnitten. 

Die Location, die Landwehr, Radczun und Wermke sich für den Grill Royal aussuchten, zeugt von Vorstellungskraft und exzellentem Geschmack. Denn auf den ersten Blick scheint die Wahl abwegig. Das Souterrain von einem der scheußlichsten Hotels in Berlin-Mitte mit in Relation zur Größe des Hauptraums niedrigen Decken. Und dann auch noch der blöde Schiffbauerdamm mit seiner Eventgastronomie gleich gegenüber. Wer ausnahmsweise mal nicht mit dem Taxi oder der Limousine (oder dem Wassertaxi, wie die Sammlerin Julia Stoschek zu ihrer eigenen Geburtstagsfeier) zum Restaurant kommt, sondern sich zu Fuß über die Weidendammer Brücke nähert, sieht schon von Weitem die roten Markisen, die ein bisschen zu tiefen und gemütlichen Sessel mit den tweedartigen Bezügen, die keck auf der Mauer lungernden Raucher mit ihren Weißweingläsern, das einladende Leuchten aus der 24 Meter langen Fassade.

Wer ein Herz für die Verführungen des großstädtischen Lebens hat, dem beschleunigt dieser Anblick den Puls. Und wer ein paar Mal hier war und die Herzlichkeit, Ruppigkeit und Energie dieses Ladens schätzt, der fühlt das Beste, was ein Restaurant wie dieses bieten kann: Heimatgefühle.

Der Abstieg die 31 Stufen runter auf das Restaurantlevel wird meist von zwei roten Samtkordeln so gebremst, dass man beim besten Willen nicht die Treppe runter und auf den ersten Terrassentisch stürzen kann. Sie erzwingen eine theatralisch langsame Annäherung. Der Abstieg, der ja in Wirklichkeit ein Aufstieg ist, vermittelt das Gefühl einer Showtreppe, die traditionell nur Stars hinunterschweben - insofern ist der Grill Royal überaschenderweise ein großer Demokratisierer und Gleichmacher. Hier aber schreitet man nicht frontal, sondern von der Seite herunter, schleicht sich also quasi an. "Capitalism Kills Love" verkündet die Lichtinstallation von Claire Fontaine über dem Eingang, und wem diese Geste an dieser Stelle keine gute Laune macht, der hat hier vermutlich nichts verloren. 

Es gibt eine Form des guten Geschmacks, die erdrückt und erstickt. Der gute Geschmack der Richtigmacher. Und es gibt den anderen, der befreit und berauscht. Den Tyrannosaurus Rex aus Bronze auf dem Tresen. Der Vorhang aus obszön dickem Gummi am Eingang zum Raucherraum. Die nutzlose Riva-Yacht am Ende des Restaurants, wo normale Gastronomen eine VIP-Nische vorgesehen hätten. Die kleine Gestalt im Anorak, die wie ein obdachloses Kind auf dem Boden sitzt, eine Skulptur von Iris Kettner. Die vielen schicken Lampen. Das alles ist fantastisch ausgesucht und arrangiert. Ist aber auch geprägt von Maßlosigkeit und Humor. 

In den Tresen sind Plaketten mit den Namen Stucki, Uslar und Fetisch eingelassen, eine Hommage von drei Kulturschaffenden an den Schauspieler Otto Sander, dessen Tresenplatz in der Paris Bar mit einer solchen Plakette markiert war. Eine Zeitlang stand auf der Karte des Grill Royal das "Hendl with care" - ein Brathähnchen, das man in Kombination mit "Das weiße Buch" erwerben konnte. Man kann sich an der latenten Ich-Sucht von solchen Witzen reiben. Oder sich freuen, dass man nicht selbst auf die Idee kommen musste. 

Erfolgreiche Entertainer verstehen, dass sie ihrem Publikum eine Mischung aus Erneuerung und Überraschung bieten müssen. Aber auch ihre größten Hits. Im Grill sind das, je nach Veranlagung, die gebratenen Garnelen mit Knoblauch, die frittierten Süßkartoffelschnitze oder das Tomahawk-Steak für mindestens zwei Leute. Oder der ganze grüne Salatkopf, der mit einer Vinaigrette serviert wird. An einem Detail lässt sich manchmal die Welt erklären. Oder in diesem Fall, die Philosophie eines erfolgreichen Restaurants. Der grüne Salat ist ein aus der Mode gekommener Klassiker. Andere Sorten sind robuster, allen voran der schmerzfreie Eisbergsalat. Oder vermeintlich charaktervoller, wie der zum Allgemeinplatz verkommene Rucola. Der Kopfsalat dagegen wird schnell welk oder kriegt braune Stellen, schmeckt nach wenig außer vage nach grün. 

So weit ich weiß, steht er seit Tag eins auf der Karte des Grill Royal. Er wird seitdem in einer verlässlichen Perfektion serviert. Er ist immer noch so schwer zu essen wie am ersten Tag, vor allem, wenn man der alten Schulweisheit anhängt, dass man die Blätter nicht schneiden, sondern nur mit dem Besteck falten darf. Der Kopfsalat im Grill Royal ist der Beweis, dass die zwei Herren vom Grill (der dritte hat sich bald in aller Freundschaft verabschiedet) zu Zärtlichkeit, Treue und Demut fähig sind. 

Und darüber hinaus Meister darin sind, das Schwere leicht aussehen zu lassen. Gleich der erste Abend war programmatisch: viel zu viele Gäste, überforderte Gastgeber, die schließlich zur nahe gelegenen Currywurstbude vom Bahnhof Friedrichstraße rannten, um Kunstsammlern die Wartezeiten auf die Steaks zu verkürzen. Ich habe noch nie gehört, dass irgendjemand den ersten Abend bereut hätte. 

Seitdem hat sich die riesige Vergnügungsmaschine, die der Grill Royal ist, eingespielt und läuft meist reibungslos wie ein Kreuzfahrtschiff. Selbst die Klofrau, vermutlich die bestverdienende der Stadt, wirkt inzwischen wie ein alter Hase. Was sich aber seit der ersten Nacht nicht geändert hat: Strudel und Kick, wie sie das Nachtleben bieten sollte. Man weiß nie genau, was oder wer einen erwartet. Oder in welchem Zustand, und mit wem man nach Hause geht. 

George Clooney am Nebentisch. Leyla Piedayesh auf dem Tisch. Yung Hurn nackt am Tisch. Johann König mit grünem Slime im Haar. Gerhard Schröder im Gespräch mit einer teuren Flasche Rotwein. Rammstein beim Grölen am Tresen. Oder so. 

Ein Großteil der anständigen Berliner würde keinen Fuß in diesen Laden setzen. Aber das kann man über das Berghain oder die Philharmonie auch sagen.

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