Die Ausstellung "Balagan!!!" zeigt post-sowjetische Gegenwartskunst

Laut, lustig, unverschämt

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Wie ein Wort, das eigentlich "Jahrmarkt" bedeutet, Karriere macht: Eine Ausstellung an drei Orten in Berlin zeigt Kunst aus Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken

Auf Russisch gibt es ein Wort dafür: Wenn die Schauspieler auf der Theaterbühne nicht mehr machen, was der Regisseur von ihnen will, dann ist das Balagan. Wenn Politiker zu Witzfiguren werden, ist das Balagan. Auch wenn man sich verkleidet: Balagan. Eigentlich ist Balagan ein ziemlich altes Wort, das es auf Russisch, Polnisch und Jiddisch gibt. Ursprünglich bezeichnet es Jahrmarktsbuden und Puppentheater, irgendwann den ganzen Jahrmarkt. Wenn man es laut ruft, heißt das soviel wie "So ein Chaos!"

"Balagan!!!" ist auch der Titel einer Ausstellung, die im Rahmen des sechsten Nordwind Festivals an drei Orten in Berlin stattfindet. Über dieses Chaos kann man sich auch freuen. Dann steht es unter Verdacht politisch zu sein. Diesen Eindruck vermittelt die Schau: Wenn das befreiende Lachen nur laut genug ist, wenn die Kunst bunt und unverschämt ist, dann stört es die Mächtigen. Zum Beispiel die ZIP-Group richtet Zonen des zivilen Ungehorsams ein. Dafür haben die vier Künstler aus Krasnodar um das Kühlhaus in Berlin kleine Verschläge gebaut, in denen genau eine Person Platz hat und sicher vor den Angriffen der Polizei ist. Das erinnert an die Agitprop-Züge der frühen Sowjetzeit, oder an die Proklamationen der Situationisten. Und es erinnert daran, dass Ausstellungshäuser genau der Ort für diese Art von Protest sind. 

Eine Lieblingsfigur für Balagan ist der Trickster. Kleine, schlaue, manchmal bösartige Anarchisten. So wie Gremlins im Film oder Kobolde im Märchen. Mit diesen Figuren beschäftigt sich Leonid Tishkov schon seit mehr als zwei Jahrzehnten. Seine Trickster-Variante nennt er "Dabloids", rote plüschige Wesen. Davon sind ein paar in der Ausstellung zu sehen. Es ist sicher kein Zufall, dass diese Wesen ausgerechnet Anfang der 90er auftauchen. 

Es scheint so, als hätten nirgendwo die Verhältnisse so getanzt, wie nach 1990 in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Wobei, viele der ausgestellten Künstler sind zu jung, um sich an die Wende zu erinnern. Sie sind aufgewachsen während des Booms der 90er. Die ehemaligen Sowjetrepubliken waren eine neoliberale Spielwiese, dann kam die Krise von 2008. Aber: Die großen Ideologien haben abgedankt, und es gibt niemanden mehr, der Verantwortung übernimmt. Balagan im echten Leben, sagt der Kurator David Elliot. Die bestehende Ordnung auf den Kopf stellen und alles in ein befreiendes Lachen münden lassen, das ist natürlich weder spezifisch für die Gegenwartskunst, noch spezifisch russisch. Aber Balagan ist eine Art des Humors und der Subversion, die in der russischen Avantgarde eine lange Tradition hat. 

Manchmal wird auch der Künstler selbst zum Trickster. Zwar ist der polnische Künstler Artur Żmijewski nicht gerade für die Subtilität bekannt. Aber irgendwie passt seine Videoarbeit "KR WP" doch ganz gut in diesen Kontext. Denn in dem Video exerziert die polnische Ehrengarde in einem Ballettstudio. Einmal in voller Uniform und mit Waffen und danach nackt, ebenfalls mit Waffen. 

Ballett ist ein gutes Stichwort: Arsen Savadov hat arbeitslose Bergarbeiter aus Donetsk in Tutus fotografiert. Die Serie "Donbass Chocolate" ist aus den 90ern, als die Erinnerung an die heldenhaften, hypermaskulinen Arbeiter der Sowjetpropaganda noch lebendig war. Gender ist ohnehin ein Thema bei vielen der Arbeiten. Zum Beispiel bei Vladislav Mamyshev-Monroe, der sich so nannte, weil er gerne mal in Drag als Marilyn auftrat. So hat er sich fotografieren lassen. Aber nicht nur deswegen ist der 2013 verstorbene Künstler eine Legende in der russischen Kunstszene. Er war auch Mitglied der Gruppe "Pirate TV", die Ende der 80er von St Petersburg aus ihr parodistisches Piratenfernsehen auf VHS-Kassetten verteilt haben.

Ein anderes großes Thema ist Dissidenz. Denn Balagan bedeutet auch, sich über Politiker lustig zu machen. Da gibt es derzeit eine ganze Reihe von Kandidaten, von Donald Trump bis Wladimir Putin. Die ungarische Künstlerin Kriszta Nagy hat eine Serie gemalt, Titel: Viktor Orbán. Das sind Portraits des ungarischen Ministerpräsidenten. Da kommt es auf die Lesart an, ob sie den Politiker als Führerfigur feiert oder ihn parodiert. So oder so: Die Frau des Präsidenten hat eines der Porträts gekauft. 

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