Hofmaler Pierre-Albert Delalandre (Lars Eidinger) ist genervt. Eigentlich will er den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (Edgar Selge) nur schnell auf die Leinwand bringen. Es fehlt lediglich das Gesicht, Perücke und Landschaft sind bereits vorgearbeitet.
Aber Leibniz ist störrisch. Er bezweifelt, dass Delalandre mit einem Porträt die Seele des Menschen erfassen kann. Und die sollte im Gemälde enthalten sein, schließlich ist es von keiner Geringeren als der preußischen Königin Sophie Charlotte in Auftrag gegeben, die ihren geistigen Mentor Leibniz mit tränennassen Augen vermisst.
Es geht also wild her im neuen Film der 92-jährigen Regiegröße Edgar Reitz, bekannt für seine monumentale "Heimat"-Trilogie (1981–2012). Bei Amazon Prime ist sein aktuelles Werk nun als Stream verfügbar, ab dem 30. Januar ist auch die DVD dazu erhältlich. Der im Jahr 1705 angesiedelte Plot rund um die komplizierte Porträtmalerei ist ein kunstfertiges Kammerspiel voll geschliffener Dialoge. Kunst und Philosophie treten in Wettstreit, wobei am Ende die Frage steht: Wird es ein Porträt von Leibniz geben, und wenn ja, mit oder ohne Nervenzusammenbruch?
Aus dem Dunkel ins Licht
Früh wird es dem von Lars Eidinger mit alberner Eitelkeit gespielten Maler Delalandre zu viel. Auf ein intellektuelles Duell ist er nicht vorbereitet. Wütend wirft er seinen Pinsel zur Seite. Erst seine Nachfolgerin, die niederländische Malerin Aaltje van de Meer (Aenne Schwarz) kann es mit Leibniz aufnehmen.
Nachdem sie eine von Männern dominierte Akademie überstanden hat, will sie sich von einem alten Philosophen nicht die Wahrheit mansplainen lassen. Seine Skepsis gegenüber dem dunklen Urgrund des Seins kontert sie mit den Worten: "Was ich nicht weiß, kann ich malen."
Van de Meers künstlerische Wahrheit stößt in Bereiche vor, die dem frühen Aufklärer nur fremd sein können. Bald spricht sie von den Dämonen, die sie heimsuchen. Ihre Malerei, genannt Chiaroscuro, beginnt auf schwarzer Leinwand und arbeitet sich dann ins Helle vor. Ihr Vorbild ist kein anderer als der Leidenskünstler Caravaggio. So düster wie sein Werk nimmt sich der Film nicht aus, braucht sich mit seinen satt ausgeleuchteten, prachtvoll ausgestatteten Räumen aber auch nicht hinter dessen Szenerien zu verstecken.
Flotte Gedanken, flotte Inszenierung
Leibniz kontert die Melancholie der Malerin mit frechem Charme. Aaltje van de Meer ist bald beeindruckt vom Universalgenie, das neben Gedankengebäuden auch einen klappbaren Reisestuhl und eine Rechenmaschine geschaffen hat. Trotzdem widerspricht sie ihm weiter. Auch das langsam entstehende Bild soll er nicht sehen. Längst hat es das doppelte Format angenommen, während die Künstlerin bald mit Augenklappe arbeitet, um den Raum noch wahrhaftiger fassen zu können. Philosoph und Malerin halten sich konstant neugierig.
Ebenso sind es die Zuschauenden, die keine trockene Philosophiestunde fürchten müssen, sondern einen dynamischen Schlagabtausch erleben. "Leibniz" ist auch eine Komödie, eine geistreiche auf jeden Fall. Selbst wenn die Kulissen kaum wechseln, tut es der dynamische Schnitt, tun es die Figuren, die einander permanent mit neuen Ideen konfrontieren.
Allzu sehr wird am Ende aber nicht herausgefordert. Wer die Dekonstruktion eines alten weißen Aufklärers durch eine kreative junge Frau erwartet, wird enttäuscht. "Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes" ist eine muntere, bisweilen melancholische Reise ins Herz von Philosophie und Kunst. Und das von einem Regisseur, der auch mit über 90 Jahren nicht müde wird, die Welt auf Wahrhaftigkeit zu befragen.