Etwas ist anders in der Albertina in Wien. Im stuckverzierten Gang, der zur Pfeilerhalle im Erdgeschoss führt, stehen statt der üblichen klassizistischen Marmorfiguren kleine Frauen mit Vogelgesichtern oder Katzenohren auf den Sockeln, zusammen mit anderen seltsamen Wesen aus Bronze oder Keramik. So schummelt sich Leiko Ikemura schon vor dem Eingang ihrer Ausstellung geschickt in den männlich geprägten Museumskanon. Wohin ihre Antennen ausgerichtet sind, verrät der Titel der Schau: "Motherscapes" – ein Mischwort aus mother und landscape.
Landschaft, dafür steht gleich im ersten Saal das eindrucksvolle Triptychon "Genesis, Tokaido, Tokaido" von 2015. Im Vorfeld der Ausstellung war es als erster Ankauf des neuen Direktors Ralph Gleis mithilfe von Fundraising für die Albertina erworben worden. Ikemura transzendiert in dieser Bilderserie die Tradition der japanischen Malerei zu einer schwebend melancholischen, wie beseelt wirkenden Szenerie – und der Handelsweg Tokaido verwandelt sich wie bei einer Kippfigur in das Haar einer Schlafenden. In diesen motherscapes können Hügel jederzeit zu weiblichen Gesichtern werden, wachen Frauenköpfe mit nach innen gerichtetem Blick über Landschaften.
Mütterlichkeit ist hier kosmisch gemeint, wie die Gunst einer Schutzgöttin. Und so steht im Krypta-ähnlichen hinteren Raum der Ausstellung, dramatisch im Dunkel angeleuchtet, eine monumentale "Usagi"-Figur: ein Mischwesen aus Frau und Häsin mit ihrem großen, schützenden Rock, dessen Löcher ihn in ein Sternenzelt verwandeln. Es ist ein "Usagi Janus" mit zwei Gesichtern, einem weinenden vorn und einem unbewegten hinten. Diese Gestalt repräsentiert Trost und Empathie, aber auch den buddhistischen Gleichmut derer, die über den Dingen schweben.
Eine Flüchtende, eine Rachegöttin, ein weibliches Urwesen?
Doch Weiblichkeit ist beileibe nicht nur sanft in Ikemuras Werk. Die Frauenfigur mit dem wilden Haar in der großformatigen Malerei "Blue Magic" von 2022 ist nackt, ihr Gesicht kaum erkennbar, die Füße wirken fast wie Hufe. Sie hält ein Wesen in der Hand, das ein Tier sein könnte, oder ein Baby. Und ihr Geschlecht ist schmerzhaft rot markiert, wie aufgerissen – eine Flüchtende, eine Rachegöttin, ein weibliches Urwesen?
Auf vielen der jüngeren Porträts Ikemuras erscheint diese Markierung des weiblichen Genitals, ein harter Akzent, wie eine Wunde in den transparenten, zerlaufenden, immer im Werden befindlichen Figuren. Aber da ist auch eine Zeichnung aus den 1990er-Jahren, die fast comichaft rau erscheint. Auf dieser fasst sich ein schwarzhaariges Mädchen mit einer Hand zwischen die Beine und mit der anderen in den Mund. Sie schließt sich selbst kurz, in einer eher trotzigen als erotischen Geste. Eine kleine Demonstration weiblicher Selbstbehauptung, vielleicht adressiert an die arrogante Szene der "Jungen Wilden" in Köln, in der sich Ikemura damals bewegte.
Die in Japan geborene Künstlerin kam zum Studium nach Europa, zunächst nach Spanien, dann in die Schweiz. Sie etablierte sich später in Köln und ging Anfang der 1990er-Jahre als Professorin an die Universität der Künste in Berlin. Das Ende ihrer Lehrtätigkeit entfachte ihre Kreativität neu – oder aber, die Welt war nun bereit für ihre besondere Sensibilität, die die Verbundenheit von Mensch und Natur spürbar macht wie einen Schauer entlang der Wirbelsäule. Bereit für eine Spiritualität, die Aufbegehren und Selbstbehauptung nicht dämpft, sondern nährt.
Diese Kunst atmet, schwingt, vibriert
Zu den Qualitäten der Ausstellung gehört, dass hier auch die frühen Zeichnungen zu sehen sind, die so anders wirken als die heutigen, vielschichtigen Malereien auf Nessel, mit denen Ikemura inzwischen international erfolgreich ist. Doch führen Linien von diesen älteren Arbeiten bis in die Gegenwart: Selbstbefragung des Körpers, Tierwesen, das Einswerden mit der Natur waren schon lange da.
Dass man in "Motherscapes" so tief in eine eigene Welt eintaucht, liegt auch an der Ausstellungsarchitektur von Ikemuras Mann Philipp von Matt. Mit farbigen Wänden, starken Lichtakzenten im Halbdunkel und geschwungenen Skulptureninseln verwandelt er selbst den White Cube in eine Landschaft. Auf einer Videoprojektion hinter der spektakulären "Usagi"-Figur wandert die Kamera durch Ikemuras Malereien und macht das Fluide der transparenten Farbverläufe sichtbar. Diese Kunst atmet, schwingt, vibriert – und wer seine Antennen ausfährt, wird von ihr tief berührt.