Museumschef Hartwig Fischer im Porträt

Leiser Intellektueller und Workaholic für die Kunst

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Dem Sog der Kunstgeschichte erlag er schon als Schüler. Als Kurator pflegt Hartwig Fischer vor allem Gegenwartskunst. Nach dem Museum Folkwang Essen und den Dresdner Kunstsammlungen lockt nun Großbritannien

Der Kunsthistoriker Hartwig Fischer gehört zum Kreis der wichtigsten Museumschefs in Deutschland. Schon mit dem binnen drei Jahren realisierten Neubau des Folkwang Museums Essen stieg seine Reputation, als Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) baute der gebürtige Hamburger sie weiter aus. Nun soll er eines der Flaggschiffe der britischen Kultur übernehmen: als Direktor des British Museum.

Fischer, Jahrgang 1962, wuchs in der Hansestadt auf, sein Vater stammte aus Mecklenburg. Schon als Kind war er in Dresden - zu Besuch bei Verwandten und in der Gemäldegalerie. Später studierte er in Bonn, Rom, Paris und Berlin. 1994 promovierte Fischer über den Dresdner Maler und Bildhauer Hermann Prell (1854-1922), danach begann im Kunstmuseum Bonn seine Karriere. 1993 wechselte er ins Kunstmuseum Basel, ab 2001 war er Kurator der Sammlung 19. Jahrhundert und Klassische Moderne.

2006 wurde Fischer Direktor des Museums Folkwang. Dort realisierte er den Museumsneubau und die Renovierung des Altbaus; und er führte 20 Institutionen als RuhrKunstMuseen in der Kulturhauptstadt Europas zusammen. Mit Hilfe bedeutender Mäzene baute er die Sammlungen zeitgenössischer Kunst aus, initiierte vielbeachtete Ausstellungen zur Klassischen Moderne und Gegenwartskunst, erweiterte die internationale Kooperation und schärfte das Forschungsprofil.

Mit dem Wechsel an die Elbe 2012 wurde Fischer Herr über 14 Museen und alte historische Sammlungen. Er rang um mehr Aufmerksamkeit für Gegenwartskunst, forcierte Forschung und Internationalität der SKD und warb für die Ethnologie. Zudem sorgte er für mehr Weiblichkeit in der Direktorenrunde - und besetzte vakante Posten stets mit Frauen. In London wartet nun mit dem British Museum eines der wichtigsten Museen des Königreichs, das mit rund 6,7 Millionen Besuchern 2014 die beliebteste Touristenattraktion Großbritanniens war.

Hütete Fischer in Dresden die königliche Schatzkammer, werden ihm in London nun ebenso berühmte Ausstellungsstücke wie der ägyptische Rosetta-Stein anvertraut, der eine zentrale Rolle beim Entziffern der Hieroglyphen gespielt hat. Aber auch Teile aus dem griechischen Parthenon-Fries, die Athen seit langem zurückfordert, gehören zum Bestand.

Bartträger Fischer gilt als überlegter Entscheider und wird für seine ausgleichende Mentalität und Fähigkeit geschätzt, zu vermitteln und Kompromisse zu finden. Dabei nimmt er sein Gegenüber in die Pflicht. In intelligenten Tischgesellschaften fühlt sich der mehrsprachige Museumsmann wohler als auf Partys, er liebt Frankreich und Paris, wo seine Frau, eine Psychotherapeutin, lebt. Mit dem neuen Domizil London verkürzt sich nun die Entfernung für den Pendler.

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