Berliner Projektion von Krzysztof Wodiczko

Als Lenin Streifenshirt und Aldi-Tüte trug

Im Sommer 1990 verwandelte der Künstler Krzysztof Wodiczko das Lenin-Denkmal in Ost-Berlin in einen polnischen Shopper - damals ein Skandal. In der NgbK wird gerade an die Projektion erinnert, die uns immer noch viel zu sagen hat

"Dit is alles 'ne absolute Sauerei!" Es ist der Abend des 1. September 1990, kurz nach 21 Uhr. Eine Frau steht vor dem Lenin-Denkmal in Ost-Berlin. Der Revolutionär trägt einen gestreiften Hoodie in Rot-Weiß – den polnischen Nationalfarben. Auf einem Einkaufswagen stapeln sich eine Aldi-Tüte und Kartons von Sony, Goldstar, Aiwa. Die 19 Meter hohe Granitskulptur ist zum Shopper geworden.

"Die wollen sich jetzt auch noch über unsern Lenin lustig machen", empört sich ein weiterer Passant. Der Künstler Krzysztof Wodiczko hatte mit seiner Dia-Projektion einen Nerv getroffen. Bei keiner anderen seiner über 100 Interventionen weltweit hat er je derart heftige Reaktionen erlebt.

Im April 1970, drei Tage vor dem 100. Geburtstag Lenins, wurde das Denkmal enthüllt. Entworfen von Nikolai Wassiljewitsch Tomski (1900-1984) sollte es die deutsch-sowjetische Freundschaft und den Sieg des Sozialismus über den Imperialismus symbolisieren und wurde gemeinsam von sowjetischen und Berliner Bauarbeitern errichtet. Seit 1979 stand es auf der Denkmalliste der DDR und war als Dauerbriefmarke auch außerhalb Ost-Berlins präsent. Kurz nach der Maueröffnung im November 1989 hatte der Hausmeister der hinter der Statue stehenden Hochhäuser die Beleuchtung abgeschaltet.

Der Industriedesigner und Künstler Krzysztof Wodiczko brachte im Sommer 1990 wieder Licht ins Dunkel: An zwei Abenden setzte er den Menschen aus Polen ein temporäres Denkmal, die im Frühjahr 1990 nach Berlin reisten, um Waren zu exportieren. Für Wodiczko waren das die neuen Philosophen auf den Ruinen des staatlichen Sozialismus, beziehungsweise Kommunismus, auch im Sinne einer zweifelhaften Freiheit in der damals noch nicht vereinten Stadt.

Die Nahtstelle der Systeme

Die Entstehungsumstände sind einzigartig: Die Projektion war Teil des Ausstellungsprojektes "Die Endlichkeit der Freiheit"; initiiert von Rebecca Horn, Heiner Müller und Jannis Kounellis, umgesetzt von Wulf Herzogenrath, Christoph Tannert und Joachim Satorius. Elf internationale Künstlerinnen und Künstler installierten zweiteilige Werke im Ost- und Westteil der Stadt, kommentierten die Nahtstelle der Systeme im noch nicht wiedervereinten Berlin. Der von Müller formulierte doppeldeutige Titel spiegelte die Ambivalenz der Zeit, vermischte Euphorie mit Skepsis: "Endlich Freiheit" implizierte die Freude über den politischen Umbruch; "Endlichkeit" reflektierte zugleich deren zeitliche Beschränktheit. 

Es war das einzige Kunstprojekt dieser Größenordnung, das 1990 von BRD und DDR gemeinsam finanziert und realisiert wurde. Der "Spiegel" nannte es die "wichtigste Ausstellung des Jahres". Hans Haacke verfremdete einen Wachturm im Todesstreifen mit einem Mercedes-Stern. Rebecca Horn wählte einen noch wenige Monate zuvor für Bürgerinnen und Bürger der DDR unerreichbaren Ort inmitten der Grenzanlage. Christian Boltanski schuf "The Missing House" in Mitte, das sich als einziges Werk erhalten hat und 2025 in die Sammlung des Hamburger Bahnhofs überging. 

Krzysztof Wodiczko, geboren 1943 in Warschau, arbeitet seit 1980 mit Dia-Projektionen, mit denen er Denkmäler und Gebäude zu politisch aufgeladenen Bildern verfremdet. 1985 positionierte er etwa ein Hakenkreuz auf dem Gebäude der südafrikanischen Botschaft am Londoner Trafalgar Square. Am 22. Mai 1990 kam er zum ersten Mal nach Ost-Berlin.

Kathrina Düttmann, die ihm als Studierende der Hochschule der Künste assistierte, holte ihn am Flughafen Tegel ab. Noch am selben Tag liefen sie durch Kreuzberg, waren am Potsdamer Platz und auch am Lenin-Denkmal. In einem Fax vom 26. Juli 1990 konkretisierte Wodiczko seine Idee: Er wolle Lenin in "ein Monument der Shopper aus Polen, Rumänien und der Sowjetunion oder Ostdeutschland" verwandeln, die Berlin besuchten, um Videorekorder, Tonaufnahmegeräte, transportable Radios, TVs und Computer zu kaufen.

Intelligenzija und Arbeiterklasse beim Shoppen

Tatsächlich reisten im Frühjahr 1990 viele Menschen aus Polen nach West-Berlin, da fast alle ohne bürokratischen Aufwand einen Reisepass bekamen. Schon frühmorgens strömen Hunderte meist junger polnischer Touristen mit Rucksäcken, Reisetaschen und Wägelchen die Charlottenburger Kantstraße hinauf, um Unterhaltungselektronik, Geschenkartikel, Telefone, Spielzeug und Feuerzeuge zu kaufen. Ein "Radio Pol-Shop" lockte mit Tiefstpreisen für Fernsehgeräte. Wodiczko erinnert sich an diesen Laden, vor dem er selbst in der Schlange stand: "Hinter mir waren Arbeiter, Arbeitslose, alles Männer, bunt gemischt, Intelligenzija und Arbeiterklasse."

Bereits im Juli 1990 waren Szenen wie diese historisch geworden. Polens Zollbeamte begannen konsequent, Paragrafen aus dem Wirtschaftsrecht anzuwenden, und polnische Reisebusse verschwanden aus dem Berliner Stadtbild. 

Für seinen Beitrag zum Ausstellungsprojekt bekam Lenin von Wodiczko einen gestreiften Hoodie in den polnischen Nationalfarben übergezogen. "Ich musste ihm etwas anziehen, um klarzumachen, dass es der neue Lenin ist", erklärt Wodiczko. "Ich brauchte ein starkes Muster." Der Kopf der Skulptur war nicht Teil der angestrahlten Fläche. Der Künstler entpersonalisierte seinen polnischen Shopper. Das Lenin-Denkmal als Symbolfigur des Kommunismus wird abgelöst von der Realität des Kapitalismus.

Supermärkte als Touri-Ziel

Auf den Paketen sind die Namen Aiwa, Goldstar und Sony zu erkennen – Wodiczko hatte diese in Berlin gekauft und das Großdia im Studio produziert. Neben den drei internationalen Marken steht die Aldi-Tüte stellvertretend für den künstlerischen Kapitalismus der BRD: Das blau-weiße Diagonalmuster wurde vom Maler Günter Fruhtrunk (1923-1982) gestaltet

Im Jahr 1990 war der Supermarkt ein beliebtes Touri-Ziel in West-Berlin und Symbol des westlichen Wohlstands. Aldi gehörte zudem zu den Ketten, die 1990 in die DDR expandierten. Am 8. August 1990 eröffnete in Brandenburg das erste Geschäft im Osten.

Die zeitgenössische Presse sah in der angestrahlten Figur wahlweise "einen westlichen Konsumenten mit buntem Hemd und vollbeladenem Einkaufswagen", einen "Aldi-behüteten Konsum-Touristen" oder eine tatsächliche Verfremdung des "Revolutionshelden aus rotem Granit" – nach dem Motto: "Lenin geht einkaufen!" 

"Daimler-Bonz" am Potsdamer Platz 

Das Ausstellungsprojekt "Die Endlichkeit der Freiheit" sah vor, dass die Künstlerinnen und Künstler je zwei Werke umsetzten – eins in jedem Teil der Stadt. Als westliche Projektionsfläche wählte Wodiczko die Brandmauer des Weinhauses Huth am Potsdamer Platz. Ein Gebäude, das nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Bomben- und Grenzbrache verblieben war und mit der Maueröffnung wieder im Berliner Zentrum stand. 

Wodiczko verfremdete das Haus zu einem Geldtresor, aus dem ein (Bundes-)Adler gen Osten geflogen kam – ein weiterer kritischer Kommentar zum Tagesgeschehen: Am 16. Juli 1990 kaufte Daimler-Benz ein Grundstück am Potsdamer Platz für ein Zehntel des geschätzten Wertes und konnte sich so - genau wie der Elektronikkonzern Sony - die attraktivsten Geländeteile sichern. 

Angesichts von 1505 Mark pro Quadratmeter hieß es, der Senat habe "Grund und Boden mehr oder weniger verschenkt". 1990 wurde das Vorgehen öffentlich kritisiert, und es wurde auch vor Ort protestiert: Rund 20 Menschen hausten seit Anfang Mai 1990 in Hütten und Zelten. Ein Transparent proklamierte: "Widerstand gegen Daimler-Bonz".

"Die Mauer war in mir"

Krzysztof Wodiczko erzählte 2019, dass er 1990 skeptisch gegenüber der Wiedervereinigung gewesen sei. Nicht, weil diese nicht passieren sollte, sondern angesichts des Tempos. Es hätte ihm zufolge eine Übergangszeit gebraucht: für ein Kennenlernen beider Seiten und das Ausarbeiten eines gemeinsamen Plans.

Insbesondere aufgrund seiner Erfahrung in Polen habe er Sorge gehabt, dass unterschiedliche Verständnisse von Freiheit aufeinandertreffen: "In autoritären Systemen haben Menschen die Freiheit von etwas. In anderen Systemen haben sie die Freiheit, etwas zu tun. Viele werden Opfer der kapitalistischen Maschine und kommen von einer Sklavenschaft in eine andere." 

Er als ein Mensch, der auf beiden Seiten der Mauer gelebt hat, wisse, wie viel Zeit und Kraft es ihn gekostet habe, auf der anderen Seite heimisch zu werden und zugleich eine analytische und kritische Haltung auszuformulieren. Wodiczko war 1977 nach Kanada emigriert: "Als die Mauer fiel, blieb die Mauer unsichtbar stehen. Diese Mauer war in mir. Emigranten überqueren permanent die Mauer, die in ihnen ist."

Umgang mit Denkmälern aus der DDR

Indirekt leistete Krzysztof Wodiczko mit seiner Projektion auch einen Beitrag zur im Sommer 1990 bereits geführten Debatte zum Umgang mit Denkmälern aus der DDR: Nach der Maueröffnung 1989 wurden in Ost-Berlin viele Monumente, die die Ideologie der DDR verkörperten, entfernt. Unter dem Titel "Erhalten, zerstören, verändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin" fand parallel zu "Die Endlichkeit der Freiheit" eine Ausstellung in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (nGbK) statt. Katalogtitel und Werbeplakat nutzten das Lenin-Denkmal als Motiv. Aktuell ist die Dokumentation von Wodiczkos Projekt wieder als Teil des Ausstellungsprojekts "EastUnBloc" in der NGbK zu sehen.

Die Ausstellungsverantwortlichen plädierten 1990 im Vorwort ihres Katalogs für eine "kurzfristige Sicherung" von Denkmälern aus der DDR. Denn die Erfahrung nach 1945 habe gezeigt, dass ihre "Entfernung und Verdrängung eine Lücke hinterlassen, die historische Analysen unmöglich macht und gefährlichen Mythen Raum schafft."

Im Handbuch zum Ausstellungsprojekt "Die Endlichkeit der Freiheit" äußerte sich Autor Heinz Werner Lawo zum künftigen Umgang mit Denkmälern aus der DDR: Es sei zu befürchten, "daß jetzt nach der Revolution in der DDR, so es denn eine war, wieder einmal ein Beschluß über die Denkmäler der Republik ergehen wird".

Ein noch größerer Helmut Kohl?

Die Rückbenennung von Karl-Marx-Stadt in Chemnitz hatte schon stattgefunden, und damit zeichnete sich die Zukunft ab: "Die Leninallee und der Leninplatz in Berlin werden wohl auch wieder in den nominellen Zustand vor 1933 zurückversetzt und das Lenin-Denkmal vielleicht durch ein noch größeres für Helmut Kohl ersetzt", so Lawo. "Wieder einmal wird Geschichte geglättet statt aufgearbeitet, und nur wenige werden bereit sein zum Verzicht auf die Anstrengung, dumm zu bleiben."

Lawo spricht sich gegen eine Beseitigung und für eine Form des Umgangs mit den Denkmälern der DDR aus, denn das "Falsche an ihnen wird uns sonst wieder einholen". Er verweist darauf, dass das Bildnis durch ein Graffito auf der Rückseite bereits verfremdet worden war: "Deutschland einig, stark und groß: die Scheiße geht von vorne los."

"Die Diaprojektion, […] spricht nicht so sehr, wie sie sprechen macht" stellten Thomas Schröder und Detlef Kuhlbrodt 1990 in der "Taz" fest. Bereits bei den Proben und am ersten Abend der Projektion hatten sich kleine diskutierende und schimpfende Gruppen gebildet.

Das ging dann doch zu weit

Dass die Beleuchtung des Monuments abgeschaltet wurde, so hieß es, hätten die Anwohner noch klaglos hingenommen. Den Revolutionär nun aber als Shopper aus dem Osten mit Ringelpulli und Einkaufswagen zu sehen, das ging vielen doch zu weit: "Nein, meinten sie, das hätte er trotz alledem nicht verdient." Eine Frau sei traurig gewesen, weil sie zuerst dachte, das Lenin-Denkmal wäre bemalt worden. Andere sehen das Denkmal als "geschändet". Die Reaktionen zeugten von Misstrauen und Unverständnis. "Als Gag finde ich es gut, als Kunst ist es Scheiße", kommentierte ein junger Anwohner.                                             

Sabine Vogel und Mike Steiner produzierten einen 22-minütigen Film zu den Reaktionen auf die Projektionen. Im Film werden die "Ossis" als die Empörten dargestellt, die keinerlei Verständnis für die künstlerische Aktion zeigen, diese als Angriff auf ihre Identität verstehen und zugleich ihrem Ärger über politische Missstände Luft machen. 

Eine Frau ärgerte, dass der Künstler, den sie als "Schweinehund" bezeichnet, selbst nicht anwesend war. Für sie ist Lenin ein "schönes Denkmal". Dass es nun "vermarktet" würde, sei eine "Schweinerei". Von ihr stammt auch die titelgebende Aussage: "Für mich ist jedes Denkmal 'n Mensch." Und Lenin sei ein Mensch gewesen, der etwas gewollt habe, "was für alle Menschen gut" sei. Die "Wessis" hingehen zeigen sich humorvoll und interessiert. Der Film dokumentiert eine Diskussion zwischen Krzysztof Wodiczko und einem jungen Mann, moderiert und übersetzt von Koordinatorin Brigitte Hammer, die 1990 vor der Lenin-Statue stattfand. 


Kurator Wulf Herzogenrath notierte 1990: "Künstler konzentriert die Gedanken der Bürger, die vorbeigehen – dabei Leute verstehen." Die starke Resonanz der Leninplatz-Projektion verdeutlicht bis heute eindrücklich, wie Kunst im öffentlichen Raum aktuelle Ereignisse nicht nur kommentieren, sondern auch emotionale Reaktionen hervorrufen kann, die mehr erzählen als jede Umfrage.

Am 27. August 1991 stellte die CDU-Fraktion der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain einen Dringlichkeitsantrag zur umgehenden Entfernung des Lenin-Denkmals. Am 19. September stimmte die Versammlung dem Antrag zu. Bis zum 8. November 1991, einen Tag vor dem zweiten Jahrestag der Maueröffnung, sollte das Denkmal beseitigt werden. Klagen und Proteste konnten den Abbau verzögern, aber nicht verhindern. 

Die Demontage des 3,9 Tonnen schweren Kopfes am 11. November 1991 sorgte für weltweites Medieninteresse und war Vorlage für eine legendäre Szene im Film "Goodbye Lenin". Die über 129 Granit- und Betonsegmente wurden in eine ehemalige Kiesgrube im Müggelheimer Forst gebracht. Viele Schaulustige pilgerten seitdem zum Lagerplatz und versuchten, den "Mauerspechten" gleich, ein Souvenir zu ergattern. Das zeigen Fehlstellen am Kopf, unter anderem am Ohr und Bart des Revolutionärs.

"Letzte Ruhe" im Museum

Um diesem Vandalismus entgegenzuwirken, ließ der Senat die Fragmente im September 1992 mit Kies und Erde zuschütten. Der Kopf der Statue ist seit April 2016 in der Dauerausstellung "Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler" in der Zitadelle Spandau zu sehen. Präsentiert wird er hier bewusst auf der Seite lagernd: als Stein, nicht als Denkmal. 

Die Umbenennung des Leninplatzes in Platz der Vereinten Nationen erfolgte am 13. März 1992. An der Stelle des Denkmals steht heute ein Brunnen, entworfen von Adalbert-Maria Klees, Mitarbeiter des Grünflächenamtes. Fünf der 14 hier platzierten Findlinge stehen stellvertretend für die fünf Kontinente und sind mit kleinen Schildchen gekennzeichnet.

Unsere Autorin Sarah Alberti hat zum Ausstellungsprojekt "Die Endlichkeit der Freiheit Berlin 1990" promoviert und Krzysztof Wodiczko mehrfach in New York getroffen.