Das Musée du Luxembourg ist das älteste öffentliche Museum Frankreichs, doch zählte ein Besuch angesichts der großen Konkurrenz nicht zu den zwingenden To-Dos – bis jetzt. Denn die vom Museum konzipierte Retrospektive zu Leonora Carrington ist unbedingt sehenswert.
Die Künstlerin, 1917 in England geboren und 2011 in Mexiko gestorben, nahm schon 1938 an jener epochalen Surrealismus-Ausstellung in Paris teil, die André Breton organisiert hatte. Im kunsthistorischen Gedächtnis blieben danach allerdings vor allem die Männer: Salvador Dalí, Max Ernst, Man Ray, Marcel Duchamp.
Erst seit einigen Jahren richtet sich der Blick stärker auf die Surrealistinnen: zunächst mit der Ausstellung "Fantastische Frauen" in der Schirn 2020, dann mit der Biennale von Venedig 2022, die sich bei Carrington den Titel "The Milk of Dreams" borgte, und parallel dazu auch auf dem Kunstmarkt. 2023 prophezeite das "Wall Street Journal", Carrington werde die "nächste Frida Kahlo".
Zeichnungen einer Schülerin
Ihr Leben lang arbeitete Carrington kontinuierlich; ihr Werk ist umfangreich und stringent. Darum wirkt es zunächst etwas seltsam, dass die Ausstellung mit Carringtons Kinderzeichnungen beginnt: Fantasiewesen, "Animals of a Different Planit", mit akribischen Beschreibungen ihrer Fähigkeiten und ihres Speiseplans, in Schulheften gezeichnet. Kuratorisch ist das ein Wagnis. Allzu schnell hat man dabei applaudierende Verwandte vor Augen, die "eine wahre Künstlerin!" rufen, obwohl der Beweis längst erbracht ist.
Hier funktioniert dieser Einstieg. Nicht, weil die Schau nachträglich beweisen müsste, dass aus Carrington "einmal etwas wurde". Sondern weil sich in diesen frühen Blättern bereits Entscheidendes zeigt: der enorme innere Bilderreichtum, das zeichnerische und malerische Talent – und die Überzeugung, dass sich die Imagination mit derselben Ernsthaftigkeit vermessen lässt wie die Realität.
Leonora Carrington "Double Portrait (Self-Portrait with Max Ernst)", 1938
Carrington wächst in einem gotischen Herrenhaus in Leicester auf, verziert mit unheilvollen Vögeln. Sie hört die gruseligen keltischen Märchen ihrer irischen Nanny und erfindet mit ihren drei Brüdern fantastische Universen. Ihre Eltern sind wohlhabende Fabrikanten und schicken sie mit 15 Jahren nach Florenz. Dort sieht sie Fra Angelico sowie andere Meister der Renaissance und beginnt noch vor Ort ihre Serie "Sisters of the Moon": Frauenfiguren mit wilden Haaren und wallenden Gewändern, umgeben von Spuk- und Fabelwesen. Diese schönen Rebellinnen wirken verblüffend gegenwärtig.
Bemalte Türen und Fenster
Trotz aller Privilegien hatte Carrington kein einfaches Leben. Sie litt und kämpfte, aber ihre Kunst blieb eine erstaunliche Konstante. Die Ausstellung versammelt mehr als 120 Gemälde und Zeichnungen, auch von ihr bemalte Türen und Fenster aus ihrem ersten Haus im französischen Saint-Martin-d’Ardèche. Sie bezog es mit ihrem Liebhaber, dem 26 Jahre älteren Max Ernst, und lebte dort mit ihm zusammen, bis er als feindlicher Ausländer interniert wurde.
Über ihre Flucht vor den Nationalsozialisten nach Spanien will Carrington in einem Dokumentarfilm viele Jahrzehnte später selbst als alte Frau nicht sprechen. Sie wurde vergewaltigt, litt unter psychischen Problemen, und ihre Eltern ließen sie gegen ihren Willen in eine Anstalt einweisen. Ihr Bericht "Unten", 1981 erschienen, schildert den Abstieg in den Wahn und ihre Anstrengungen, sich daraus wieder zu befreien.
1941 begegnet sie Max Ernst in Portugal noch einmal, der inzwischen an der Seite von Peggy Guggenheim ist. Später emigriert Carrington nach Mexiko. Dort verbringt sie den größten Teil ihres Lebens und wird in ihrer Wahlheimat zu einer geschätzten Künstlerin, die auch viele öffentliche Aufträge erhält.
Stabil instabil
Spannend ist, wie stabil ihre Kunst über all diese Brüche und Schicksalschläge hinweg bleibt – oder, genauer gesagt: wie gleichbleibend instabil. Ihre Bilder sind bevölkert von Chimären und rituellen Zusammenkünften, ihre Denkhorizonte sind grenzenlos. In fast jedem Werk überschreitet Carrington Trennlinien: zwischen den Geschlechtern, zwischen Traum und Wachzustand, zwischen archaischem Mythos und Alltag.
Traumwesen, magischer Realismus, Symbole und Zauber, ausgeführt in minutiöser Malweise: Das gefällt heute nicht allen. Mal wird ihr eine zu düstere Darstellung von Frauen vorgeworfen, mal die Akribie ihrer Technik – als wäre gerade diese Präzision nicht auch ein Grund dafür, dass die Werke vieler männlicher Surrealisten bis heute so hoch geschätzt werden. Was wäre Salvador Dalís Kunst ohne seine penible Malerei?
Ob Carrington "gefällt", ist letztlich nebensächlich. Gefallen war nie eine kunsthistorische Kategorie. Entscheidend ist etwas anderes: Leonora Carrington war eine außerordentliche Künstlerin, und diese Ausstellung zeigt mit aller Klarheit, wie bedeutend ihr Werk ist.