Festival in Arles

Was Fotografie heute überhaupt sein kann

Von Ghanas Unabhängigkeit bis zu Bakterienbildern ohne Kamera: Die "Rencontres de la Photographie" vermessen Geschichte und Gegenwart der Fotografie in mehr als 40 Ausstellungen in ganz Arles

"Arles ist ein Festival für Nerds", scherzte Festivalleiter Christoph Wiesner, um sich gleich zu korrigieren: "für Enthusiasten." Ganz falsch liegt er damit nicht. Während der Eröffnungswoche der "Rencontres de la Photographie" war der am häufigsten gesichtete Schuh wohl eine Birkenstock-Sandale, das beliebteste Accessoire eine kleine, teure Leica.

Das 1970 gegründete Festival holt einige der bedeutendsten Fotografinnen und Fotografen der Welt in die kleine provenzalische Stadt. Mehr als 40 Ausstellungen erobern Kirchen, Kaufhäuser, Eisenbahnhallen und leerstehende Läden. Die diesjährige, 57. Ausgabe trägt den Titel "Des mondes à relire" (Welten neu lesen) und rückt Arbeiten aus dem subsaharischen Afrika und dem Mittelmeerraum in den Mittelpunkt. Sie blickt auf die Unabhängigkeitsgeschichten Ghanas, der Demokratischen Republik Kongo, Algeriens und Tunesiens und fragt, wie koloniale Herrschaft in Bildern fortwirkt. Ein weiterer Strang untersucht, was Fotografie heute überhaupt sein kann: mit kameralosen Cyanotypien, Bakterienkulturen und, natürlich, Künstlicher Intelligenz.

Für den ersten Strang hat Damarice Amao, Fotografiekuratorin am Centre Pompidou, in "Ghana! Dreaming Independence, 1957–1976" Fotobücher, historische Porträts und Musik zusammengeführt, um zu zeigen, wie Fotografie an der Identitätsbildung einer jungen Nation mitwirkte. Arbeiten von Paul Strand und James Barnor hängen neben weniger bekannten Namen wie Willis E. Bell, einem amerikanischen Fotografen, der den jungen Staat dokumentierte, und neben zeitgenössischen Stimmen wie dem 1997 geborenen Carlos Idun-Tawiah, dessen Bilder historische Momente neu inszenieren.

Koloniales Erbe

Sammy Baloji verwebt Familiengeschichten mit der größeren Geschichte der Demokratischen Republik Kongo. Seine großformatigen Farbfotografien dokumentieren Katanga, eine Region, die für ihre reichen Vorkommen an Kupfer, Kobalt und Uran bekannt ist. Ausgehend von dem Hotel seiner Familie, das während der Konflikte in Katanga zweimal beschlagnahmt wurde, ringt seine Arbeit mit dem komplexen und bis heute nachwirkenden kolonialen Erbe seines Heimatlandes.

Um Auslöschung und nachträgliche Einschreibung geht es in einer Zusammenarbeit zwischen dem renommierten senegalesischen Fotografen Omar Victor Diop und Lee Shulman. Diop hat sich digital in anonyme Vintage-Schnappschüsse aus Shulmans Sammlung montiert, die das Familienleben weißer US-Amerikaner und europäischer Bürger der 1950er- und 1960er-Jahre zeigen – eine Schwarze Figur in Szenen also, in denen Schwarze Menschen historisch abwesend waren. Die Arbeiten setzen das Interesse beider Künstler an Präsenz, Erinnerung und der Frage fort, wer überhaupt ins Bild gelangt.

Bilder ohne Kamera

Ein zweites kuratorisches Thema, "Forms of Life", also Lebensformen, versammelt experimentellere Ansätze. In diesem Rahmen zeigt die libanesische Künstlerin und Medizinbiologin Lara Tabet die Werkgruppe "Le corps vitré" (Glaskörper). Was zunächst wie Kirchenfenster wirkt – passend, angesichts des Kreuzgangs, in dem die Arbeiten hängen –, sind tatsächlich vergrößerte Darstellungen verästelter Bakterienkolonien. Sie wirken zugleich geologisch, mikroskopisch und malerisch. Keine einzige dieser Arbeiten ist mit einer Kamera entstanden.

Jede Tafel beginnt mit Wasser, das an unterschiedlichen Orten in und um Marseille gesammelt wurde. Flüsse, Kanäle, Brunnen, Flussmündungen und Pfützen am Straßenrand werden zu Probeentnahmestellen, jede mit ihren eigenen mikrobiellen Gemeinschaften. Diese werden kultiviert und auf fotografischen Gelatinefilm aufgetragen. Je nach Zusammensetzung der Kulturen im Wasser entstehen unterschiedliche Farben und Muster – eine Sichtbarmachung bakteriellen Lebens. Die mit Unterstützung des BMW-Art-Makers-Stipendiums entstandene Arbeit ist zugleich eine Auseinandersetzung mit ökologischer Fürsorge.
 

Abstrakte Komposition: Rot-Pink und Violett mit Sprenkeln, Blasen und verlaufenden Kanten.
Foto: Courtesy of the artist und BMW Art Makers

Lara Tabet "Vitreous Body, Arenc Méditerranées Train Station", 2026


In einem angrenzenden Raum tragen Meghann Riepenhoffs großformatige Cyanotypien – Ergebnisse einer kameralosen Technik, bei der lichtempfindlich beschichtetes Papier dem UV-Licht ausgesetzt wird – Spuren von Landschaften in sich. Riepenhoff taucht ihr sensibilisiertes Papier direkt am Ufer ins Meerwasser und lässt Wellen, Sand, Sediment und Licht auf die Emulsion einwirken.

Und in der Luma Foundation hat der legendäre deutsche Maler Gerhard Richter Fotografien in Malerei verwandelt: kleine 9×13-Abzüge banaler Intimität – Krankenzimmer, Urlaubssonnenuntergänge, Babyfotos – sind mit seinen charakteristischen abstrakten Farbbahnen übermalt. Das Ergebnis ist eindrücklich: Farbe und Fotografie überlagern, verdecken und verwandeln einander.

James Baldwin, Sun Ra und Grace Jones

Auch die lange gepflegte Beziehung der Fotografie zur Prominenz tritt hervor, allerdings mit unerwarteten Wendungen. Ming Smiths großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien entstanden zum Teil während der Tourneen mit ihrem damaligen Mann, dem amerikanischen Jazzmusiker David Murray. Sonnenblumenlandschaften wechseln sich ab mit Aufnahmen von James Baldwin und Sun Ra im Konzert; eine junge Grace Jones trägt hinter der Bühne ein Tutu.

In einem weiteren Kreuzgang hält Charlotte Gainsbourgs Ausstellung "5 Bis" das Pariser Zuhause ihres Vaters fest, kurz bevor es für die Öffentlichkeit zugänglich wurde. Wir sehen seine Zigarettenstummel, sein Bidet und seine Plattensammlung – Porträtfotografie ohne Modell.

Ein Bummel durch die aufgehitzten Gassen der kleinen provenzalischen Stadt fördert gewiss noch viele weitere Entdeckungen zutage – von Fotolegenden bis zu neuen Stimmen. Es ist ein erfrischend unaufgeregter Zugang zur Kunst, der den vielen Erscheinungsformen des Mediums Raum lässt und Einblick in die Arbeit einiger seiner ambitioniertesten Vertreterinnen und Vertreter gewährt.