2. Projektionsbiennale

Über den Beamer in die Welt

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Das Prinzip ist altbekannt: Der griechische Maler Polygnot zeichnete den Schatten seiner scheidenden Liebe an die Wand, und von Dürer über Roy Lichtenstein bis zu Jürgen Stollhans wurde auch später die Projektion zum Zeichnen genutzt. Zur eigenen Kunstform machten sie erst László Moholy-Nagy, John Cage und Andy Warhol. Heute taucht sie wieder auf – als Projektionskunst mit High-End-Beamer. Und es ist wieder einen Zeit der Umbrüche in der Kunst: Die neue Bilderflut, die sich aus allseits verfügbaren Techniken speist und durch das Internet verbreitet, schwappt über den Beamer in die Welt hinaus. Eine überschaubare Zahl Künstler arbeitet daran, die letzten Entwicklungsschübe der Beamertechnik für originäre Lichtkunst zu nutzen. Ob figurativ, abstrakt, ikonografisch oder narrativ scheint keine wirkliche Rolle zu spielen in einer Bewegung, die auf Entdeckungen aus ist.
 
Nun bekommen sie eine Bühne, auf der sie sich regelmäßig ausbreiten können. Der ehemalige Documenta-Chef Manfred Schneckenburger verantwortet die ungewöhnliche Projektsionsbiennale "Lichtsicht", deren zweite Ausgabe am Wochenende eröffnet wurde. Schauplatz ist die größte Saline mit stützenfreier Gradierwand in Europa: Die Salzgewinnungsanlage Bad Rothenfelde bei Osnabrück bietet über 900 Meter Wandseiten, die 15 Meter hoch sind und über die Salzwasser rieselt. Eine riesige Projektionsfläche im Kurpark der Stadt.
 
Im Zentrum der zweiten Biennale stehen gleich drei Arbeiten, die eine über 400 Meter breite Wand der Gradierwerke nutzen: Xavier de Richemont löst Emotionen aus mit poetischen Bildern eines Ganges durch dunklen Wald. Ugo Dossi nutzt die Fläche für eine effektvolle Inszenierung der vier Elemente, die sich aller Möglichkeiten der Computertechnik bedient, um Farben von Feuer und Wasser sowie das Licht an sich zu zelebrieren.
 
Gegen diesen emotionalisierenden Farbrausch setzt Mischa Kuball 13 Projektoren, die über die gesamte Breite elementare Formen in Weiß blitzen lassen. Ein gewagter Ping-Pong-Wechsel. Katharina Veldhues und Gottfried Schumacher verschmähen selbstbewußt die angebotenen Wand, besetzen kurzerhand einen Teich neben der Fläche und projizieren dort Gesichter von Passanten in eine Fontäne. Auch Luzia-Maria Derks testet die Grenzen des Konzepts, indem sie die auf die Abendstunden festgelegte Schau mittels Katzenaugen, die das Sonnenlicht reflektieren, in den Tag hinein verlängert.
 
Zwei andere Projektionen loten die mühevolle Geschichte der Saline und zugleich die Beschaffenheit der Wand aus. Claudia Wissmann lässt Stützbalken zu Rudern einer Galeere werden. Ein technisch aufwendiges Spiel mit Projektion zwischen Geschichte, Architektur und Imagination. Die stillste Arbeit der Biennale spannt einen Bogen zur früheren Plackerei der Salzgewinnung mit hypnotisierenden Bildern von schuftenden Ameisen. Wer hier nicht bald weitergeht, wird festwachsen oder von Ameisen weggetragen.
 

Bis 10. Januar 2010, täglich von Sonnenuntergang bis 23 Uhr, Saline in Bad Rothenfelde. Mehr unter www.lichtsicht-biennale.de
 

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