Essl-Kurator Hoffer über eine von Facebook-Fans kuratierte Ausstellung

"Es ist ein Wagnis"

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Herr Hoffer, sind Sie bei Facebook angemeldet?
Nein, aber meine Kollegen aus Marketing und Presse, die soziale Netzwerke bei uns betreuen. Wir sprechen ständig darüber, wie wir gemeinsam Projekte starten können, die nicht nur Feigenblatt-Charakter haben, sondern einen partizipatorischen Zugang ermöglichen.

Ist das bislang gelungen?
Ich bin zufrieden, seitdem wir zwei neue Kollegen haben, die sich stark dafür engagieren. Das größte Problem sind Menschen wie ich, die soziale Netzwerke spannend finden, aber letztendlich gar nicht so viel Zeit dafür haben. Social Media muss betreut werden, sonst gibt es keine Kommunikation – und darum geht es.

Welches Konzept steht hinter der Ausstellung "Like It"?
Aus einem Pool von 100 Arbeiten aus insgesamt 7000 Sammlungswerken wird zehn Tage lang gevotet. Da 7000 Stücke zu viel gewesen wären, haben wir gesagt: Werke von Künstlern unter 40 Jahren, die in den letzten Jahren eingekauft worden sind. Am Schluss werden die Favoriten der Facebook-Fans im Essl Museum ausgestellt.

Kann man sich auf die Kunstexpertise eines Facebook-Fans verlassen?
Nein. Das ist ein Wagnis.

Warum sollten Besucher Ihren Job machen?
Es ist spannend, auch einmal auf die andere Seite zu schauen. Ich kenne das aus meiner mehrjährigen Praxis als Kunstvermittler. Ich habe immer über die Kuratoren geschimpft. Wenn man jetzt aber selber Kurator ist, sieht man, welche Grenzen entstehen können. Und das kann dazu führen, dass man Ausstellungen ein bisschen differenzierter anschauen kann.

Warum möchten Sie einen anderen Weg gehen?
Manchmal dienen Kunstdiskurse dazu, Leute auszuschließen und Eliten zu halten. Ich möchte mehr Menschen zeigen, wie wichtig auch ihre Sicht und ihre Stimmen sind. Für mich sind Neugier und Respekt im Umgang mit Besuchern ganz wesentlich.

Befördern Sie durch dieses Verfahren nicht, dass Kunstwerke oberflächlich beurteilt werden?
Vielleicht entspinnt sich eine Diskussion darüber, vielleicht führt es auch dazu, dass sich jemand informiert. Und wenn nicht, dann ist das eine Erfahrung, die wir dabei machen.

Was ist mit Skulpturen und Installationen, die im Raum erfahren werden müssen?
Wir haben das relative Glück, dass wir nur Fotografien, Malerei und ein paar Videos in der Auswahl haben. Bei den Videos werden wir kurze Sequenzen reinstellen, damit wir wenigstens einen kleinen Ausschnitt zeigen können.

Könnten Sie sich vorstellen, dass sich dieses Konzept durchsetzt und immer mehr Museen ihre Besucher mitentscheiden lassen?
Das würde ich nicht unbedingt wollen. Wir schauen versuchsweise, wie so etwas durch dieses Medium wahrgenommen wird. Eine kleine Fragestellung am Rande, die durchaus ihre Berechtigung hat. Aber es ist kein x-mal anwendbares Konzept. Da sollte man sich vielleicht doch andere Fragestellungen überlegen.

Wäre für das Essl Museum als private Institution denkbar, auch über die Ankaufspolitik per Abstimmung entscheiden zu lassen?
Niemals. Und zwar deswegen, weil die Sammler sich von keiner außenstehenden Person vorschreiben lassen würden, was in ihre Auswahl kommt. Dadurch bekommt sie ihren sehr subjektiven, sehr individuellen Charakter - das A und O einer Privatsammlung. Wenn sie von außen gebaut würde, wäre sie doch vollkommen auswechselbar.

Andreas Hoffer wurde 1956 in Bremen geboren. Ab 1989 war er als freiberuflicher Kunstvermittler tätig. Seit 1999 ist er Kurator und Leiter der Kunstvermittlung im Essl Museum

Die Ausstellung "Like It!" startet am 23. Oktober. Hier kann man demnächst abstimmen: Essl Museum auf Facebook

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