Lilli Lake auf der Manifesta 16

Die Kirche als Klangkörper

Die Markuskirche in Essen soll bald entweiht und umgenutzt werden. Zur Manifesta 16 verwandelt die Künstlerin Lilli Lake den modernistische Bau zum klingenden Resonanzraum

Mit dem frei stehenden Glockenturm am offenen Kirchplatz verströmt die Markuskirche in Essen einen Hauch von Italien – erbaut Anfang der 1960er-Jahre von Wolfgang Müller-Zantop und Heinz Kalenborn. Noch in diesem Jahr soll sie entweiht und umfunktioniert werden. Das charakteristische, nur an den Ecken aufliegende Dach ist ganz aus Drei- und Vierecken zusammengesetzt. Für die Künstlerin Lilli Lake ist die modernistische Kirche ein großer Resonanzkörper, den sie mit Kontaktmikrofonen aufnimmt und dessen Klang sie über Lautsprecher unter der Decke wieder ausgibt.

Geboren 1995 in Mettingen, arbeitet Lake vorwiegend mit Sound und Skulptur und lebt seit mehr als einem Jahrzehnt in Düsseldorf. Auch das nahe Ruhrgebiet ist ihr vertraut – doch diese Kirche, zu der sie inzwischen den Schlüssel hat, war es zunächst nicht.

Der Bau ist in die Jahre gekommen. Von dem kupferverkleideten Zeltdach mit seiner über 60 Jahre gealterten Materialkombination aus Holz, Beton und Metall geht ein ständiges Ächzen und Knarren aus. Seit Längerem beschäftigt sich Lake mit Rhythmusanalyse – und weiß, dass es für einen Rhythmus nur zwei Töne braucht. Daher der Titel ihrer Intervention: "Rhythm Looks for Two". Auf abstrakte Weise bringt die Arbeit die Kirchenorgel zurück. Diese sollte ursprünglich auf einem Balkon installiert werden, der jedoch leer und unzugänglich blieb; stattdessen wurde eine fahrbare Orgel verwendet. Durch die turmartige Arbeit von Augustas Serapinas (siehe Text auf Seite 16) kommt man der Decke – und damit der Soundinstallation von Lilli Lake – näher, als es sonst möglich wäre.

In ihrer Soundarbeit sucht Lilli Lake nach dem Rhythmus der Kirche

Das mit Holz ausgekleidete Dach erinnert die Künstlerin an einen Schiffsrumpf – nicht zuletzt wegen der Geräusche, die es produziert. Nicht umsonst spricht man vom Kirchenschiff, auch wenn die modernistische Ruhrgebietskirche weit von der Gotik entfernt ist. Kirchenräume werden für Stimme und Klang gebaut, sagt Lake. Während der Manifesta 16 werden es nicht nur Gemeindemitglieder, sondern auch Biennalebesucher sein, die durch die Portaltüren eintreten und dabei in farbiges Licht getaucht werden.

Die Glasfenster, so erzählt Lake, stammen von der in Düsseldorf geborenen, in Mülheim lebenden Künstlerin Ursula Graeff-Hirsch (*1929). Sie tragen bei zu der Ambient-Art-Situation, die in der Kirche entsteht und in der sich Innen und Außen, Symbolik und reale Architektur durchdringen.

Ein knarrendes Kirchenschiff ist wie eine Arche Noah der Kunst. Tatsächlich, sagt Lake, kam das Material Kupfer, mit dem das Dach verkleidet ist, früher auch als Schutzschicht auf Schiffsrümpfen zum Einsatz. Wegen seiner Formbarkeit und Korrosionsbeständigkeit wird es – etwa in Form von Messinglegierungen – auch in Musikinstrumenten verwendet.

Die komplexe, fragil-präzise Konstruktion von Instrumenten beschäftigt Lilli Lake schon lange und führt sie immer wieder in Werkstätten von Instrumentenbauern. Und auch aus der Markuskirche macht sie ein großes Instrument. Ihre Arbeit in der Markuskirche bringt das Dach nicht zum Singen – oder Sprechen –, aber sie erspürt seinen Rhythmus. 

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