"Und da waren wirklich lauter handgeschriebene Liebesbriefe und EINE GANZE TÜTE VOLLER BUTT-PLUGS!???" Möchte man fast rufen, weil das neue Album von Lilly Allen einfach so sehr nach Bar-Abend mit der besten Freundin klingt. Das gerade erschienene "West End Girl" ist Lily Allens musikalisch und textlich schärfstes Album seit Jahren – ein 14-Track-Protokoll davon, wie eine Ehe platzt, Würde bleibt und Popmusik dabei keinen einzigen metaphorischen Schleier mehr nötig hat.
Der Plot ist bekannt: Allen heiratete 2020 den Schauspieler David Harbour – für viele der gutherzige Kleinstadt-Cop Hopper aus der Netflix-Serie "Stranger Things", für die britische Sängerin offenbar jemand mit einer komplexeren Doppelnatur. Sie ziehen nach Brooklyn, stimmen sich auf ein gemeinsames Leben inklusive Sorgerecht für seine Kinder ein, teilen sich ein Brownstone mit Kamin und Teppichdecken – kurz: Es läuft. Bis es dann eben nicht mehr läuft.
Der Titelsong "West End Girl" klingt zuerst wie eine verspielte Bestandsaufnahme des neuen Lebens: New York, Kinder, Karrierepläne. Doch nach knapp drei Minuten kippt der Ton. Ein Telefonat, das eigentlich eine Rücksprache über die nächsten Wochen sein sollte, wird zum emotionalen Wendepunkt: Ihr Mann schlägt eine offene Ehe vor, sie will "cool" bleiben, aber so richtig klappt das nicht. "Uhm okay ... I mean, it doesn't make me feel great ... But I just want you to be happy."
Der Track "Pussy Palace" ist das Herzstück des Albums. In einem Apartment, das sie jahrelang für ein Trainingsstudio gehalten hatte, findet Allen plötzlich eine Tüte aus der Drogerie Duane Reade: Kondome, Gleitgel, Butt-Plugs, handgeschriebene Briefe von Frauen, die ihren Mann offenbar besser kennen als sie selbst. Dazu singt sie so trocken, dass man kurz auflacht: "I always thought it was a dojo". Danach antwortet sie der Frau aus den Briefen in einem eigenen Song: "But you’re not a stranger, Madeline."
Die eigentliche Stärke dieses Albums liegt aber nicht darin, dass Lily Allen uns intime Details ihres Privatlebens zumutet, sondern darin, wie die Musikerin sie verarbeitet. Es ist kein larmoyantes Scheidungsdrama, sondern eine präzise, klug erzählte Bestandsaufnahme. Sie singt mit kühlem Abstand, aber ohne Abwehr – nie verbittert, nie pathetisch. Und der Sound? Überraschend leicht, manchmal fast beiläufig – als würde sie beweisen wollen, dass man sich nicht in Moll hüllen muss, nur weil das Leben in den letzten Jahren durcheinander geraten ist.
Die letzten Songs zeigen, wie konsequent Allen das durchzieht: "Let You W/In" wirkt wie ein nüchterner Dialog mit dem eigenen Schweigen, eine Erinnerung daran, dass Reden eine Waffe sein kann, wenn man sie nicht mehr gegen sich selbst richtet. Und "Fruityloop" schließt das Album nicht mit irgendeinem kathartischen Crescendo ab, sondern mit einem Satz, der fast nebenbei die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt: "It’s not me, it’s you." Das ist dann eigentlich auch genau der Satz, den man der Freundin in der Bar entgegenschleudern will: Es liegt nicht an dir, ES LIEGT AN IHM!!!!!!!!!
Dass dieses Album gerade jetzt überall besprochen wird, hat aber nicht nur mit Allens ungeschützter Direktheit zu tun, sondern auch mit dem Cover – einem Gemälde der spanischen Künstlerin Nieves González, geboren 1996 in der Hafenstadt Huelva, ausgebildet an der Universität von Sevilla, und aktuell einer der spannendsten Namen der jungen figurativen Malerei.
González malt in Öl, in einem Stil, der die Bildsprache des Barock ins Jetzt katapultiert: dunkler Grund, klare Hell-Dunkel-Modulation, Figuren, die frontal posieren, aber Kleidung tragen, die an Fashionistas denken lassen. Für das Cover von "West End Girl" malte sie Lily Allen in einer gepunkteten Daunenjacke von Miu Miu, mit leicht geöffneten Händen, ruhigem Blick und einem Ausdruck, der deutlich macht: Ich erzähle das hier nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern um die Kontrolle zurückzuerobern.
González sagte dem "W Magazine", sie sei von Art Director Leith Clark beauftragt worden, die "Klarheit und Konsequenz dieses Albums in ein einziges Bild zu übersetzen". Sie habe die neue Musik noch nicht gehört, als sie malte – stattdessen ließ sie sich von Allens Blick, ihrer Geschichte und der Idee der "modernen Heldin" leiten. "Ich wollte eine Figur, die Präsenz hat, ohne zu posieren", so die Malerin. "Eine Frau, die spricht, auch wenn sie gerade still hält."
Der Kleidungsstil in González’ Bildern ist dabei immer mehr als ein modisches Detail: "Zeitgenössische Kleidung kann in einem Gemälde so monumental wirken wie eine Rüstung in der Renaissance", sagt sie. "Sie erzählt, wie Menschen leben, wie sie sich schützen – oder sich zeigen wollen." Und zur Jacke: "Sie ist warm, praktisch, und sie ist auch ein Symbol für Isolation, für das Sich-Einspinnen, bevor man sich wieder zeigt."
Dass das Bild viral ging, ist für González ein Nebeneffekt: "Wenn man mitten in der Arbeit steckt, denkt man nicht über Reaktionen nach. Aber jetzt? Ja, es ist surreal." Spotify-Streams des Albums haben sich seit dem Release verdoppelt, meldete der Hollywood Reporter, und in sozialen Medien kursieren bereits Vergleiche mit legendären Musikergemälden – von Warhols Velvet-Underground-Cover bis zu George Condos Kanye-Porträt.
Und die Butt-Plugs? Die bleiben als Running Gag – aber auch als kulturhistorische Pointe: Sollte irgendeine europäische Stadt demnächst wieder auf die Idee kommen, Paul McCarthy einen "kunstvollen Weihnachtsbaum" in den Stadtraum setzen zu lassen, könnte er unter Umständen den Pop-Platzhirsch ablösen. 2014 in Paris und 2018 in Oslo haben McCarthys überdimensionalen Plug-Skulpturen zumindest zuverlässig das konservative Bürgertum in Rage versetzt – was David Harbour zumindest für eine Weile den Dienst erweisen würde, nicht länger der bekannteste Butt-Plug-Besitzer Europas zu sein.