In London steht eine der wichtigsten Modeinstitutionen der Welt: die Central Saint Martins. Die Kunst- und Designhochschule ist berühmt für Absolventen wie Alexander McQueen, John Galliano oder Phoebe Philo – Namen, die die Modewelt geprägt, wenn nicht gar revolutioniert haben. Wer hier studiert, tut das an einem Ort, an dem Modegeschichte geschrieben wurde.
Wobei natürlich auch McQueen, Galliano und Philo einmal klein angefangen haben. Sie haben ihre Entwürfe vor prüfenden Blicken präsentiert und um Aufmerksamkeit gerungen. Genau an diesem Punkt stehen jedes Jahr die Master-Absolventinnen und -Absolventen der Hochschule. Für einige ist die London Fashion Week der erste große Auftritt – und im besten Fall der Beginn einer internationalen Laufbahn. Allerdings wird der Weg dorthin immer schwieriger.
Er hatte auf der London Fashion Week seinen ersten großen Auftritt: Grey Buscemi
Der Kampf ums Überleben
Junge Designerinnen und Designer, die noch lange nicht zu Luxuskonglomeraten wie Kering oder LVMH gehören, kämpfen oft ums Überleben. Die richtige PR-Agentur zu engagieren – die Kontakte zu all den großen Namen herstellt, die in der ersten Reihe sitzen müssen, damit eine Show überhaupt Aufmerksamkeit bekommt – führt nicht selten zu Verschuldung.
Auch um reines Talent geht es kaum noch. Eine Marketingstrategie, die richtigen Influencer, ausufernde Show-Konzepte und am besten ein Promi, der in einem der Looks gesichtet wird: All das entscheidet heute oft schneller über den Erfolg eines Labels als die Kollektion selbst. Dazu kommt der immer intensivere Einsatz von künstlicher Intelligenz, der vielen Nachwuchsdesignern zusätzlich zusetzt. Wenn die eigene Kreativität nicht mehr gefragt ist – wo ist dann der Sinn in diesem Beruf?
Mit diesen Fragen setzen sich die 23 Absolventinnen und Absolventen der Central Saint Martins auseinander, aber auch mit ganz persönlichen Themen. In einem offiziellen Statement der Hochschule heißt es, die kollektive Stimmung sei nicht von Perfektion besessen, sondern neige zu einer Haltung, die bewusst und offen im Fluss ist. "Es gibt einen erneuerten Fokus auf Handwerk, Handarbeit und Lesen als Wege, sich in einer Branche zu orientieren, die zunehmend über ihre eigene Position verunsichert ist."
Kondomverpackungen und nahtlose Übergange
Den begehrten L’Oréal-Preis gewann dieses Jahr unter anderem Ennis Finnerty Mackay. Seine Kollektion "Perpetual Motion" setzte sich mit Sucht als wiederkehrendem menschlichen Muster auseinander – und durchlief vier Phasen: Kontrolle, Euphorie, Hysterie und Melancholie.
Korsetts standen für Disziplin, Latex für den Rauschzustand, mit flüssigem Latex behandelte Wolle erinnerte an die rutschfesten Socken, die man in Entzugseinrichtungen trägt. Zugleich widmete sich Mackay konsequent der adaptiven Material-Wiederverwertung und verarbeitete unter anderem abgelaufene Kondomverpackungen zu neuen Textilien.
Sie wurde zwar nicht nominiert, dürfte aber besonders im Gedächtnis bleiben: die Kollektion "In Air Off Air" des US-Amerikaners Grey Buscemi. Nicht eine Naht war an seinen cremefarbenen, hellgelben und zartgrünen Designs zu finden. Schmale Streifen aus verklebtem Kaliko – ein wenig wie die Lamellen einer Jalousie – bildeten die Grundlage. Auch dünnes, plissiertes Papier kam zum Einsatz, etwa bei Shift-Kleidern, über die Knie reichenden Röcken und hochgeschnittenen Tops.
Grey Buscemi auf der Londoner Modewoche
Buscemi begann seine technische Recherche bei der Entdeckung des Fliegens zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er verbrachte Monate damit, historische Flugzeugsammlungen und Ingenieursarchive zu studieren. Für Prototypen und fertige Modelle verwendete er Materialien, die in der frühen Luftfahrt eingesetzt wurden: Kaliko, Papier, dünnes Sperrholz.
In seinem vorangegangenen Ökonomie-Studium argumentierte er in der Abschlussarbeit, dass Nähen kein Beschäftigungswachstum erzielen könne. Und so umging er es konsequent. Ein anti-industrieller Ansatz, der ihm ein Alleinstellungsmerkmal verschaffte. Besonders heraus stach eine Konstruktion aus dünnem Sperrholz, die an eine auseinander genommene und neu zusammengesetzte Holzkiste erinnerte: Um den Oberkörper gelegt, standen die Holzflächen steif vom Körper ab, ovale Eingriffslöcher funktionierten wie die Taschen eines Mantels.
Mode als politisches Archiv
Ein Central-Saint-Martins-Absolvent, dem der Durchbruch gelungen ist und der weiterhin in London zeigt, ist Connor Ives. Der Name des US-amerikanischen Designers fiel im vergangenen Jahr recht häufig, und das nicht zuletzt aufgrund seines Statement-Shirts mit "Protect the Dolls"-Schriftzug, mit dem er seinen Support für die Trans-Community deutlich machte. Mit der jetzigen Herbst-Winter-Kollektion hielt er an seiner Botschaft fest: "Eldorado", so der Titel der Kollektion, geht auf einen Berliner Nachtclub aus Zeiten der Weimarer Republik zurück, der seinem LGBTQ+-Publikum die absolute Kleidungsfreiheit garantierte.
Demi-Couture, die sich zwischen der hohen Schneiderkunst und Prêt-à-porter-Mode bewegt, macht einen großen Teil von Ives' Kollektionen aus. Auf dem Laufsteg zeigte er rekonstruierte Kleider, wie etwa bestickte Mäntel, upgecycelt aus Wandteppichen der Qing-Dynastie. Einen seiner Klassiker, das Rugby-Shirt, präsentierte der US-Amerikaner in einer gesteppten Version und kombinierte es zu bestickten Seiden-Hosen. Gemütliche Materialien wie Flies oder Viskose verarbeitete er zu Blazern und Abendkleidern.
Die Londoner Modewoche beweist weiterhin ihre Relevanz
Diese Saison setzte Ives seine typischen, upgecycelten Seidenschals als Schärpe, Stola, Kummerbund oder Minirock ein – und verwandelte sie in Abendkleider und Ausgehtops. Wie so oft griff er kulturelle Codes der amerikanischen Geschichte auf, von 1990er-Jahre-Glamour über aristokratische Statussymbole bis hin zu Denim, und interpretierte sie neu. Mode nutzt er als Archiv, um Identität und gesellschaftliche Hierarchien in der Gegenwart sichtbar zu machen.
So beweist die Londoner Modewoche weiterhin ihre Relevanz: durch Designerinnen und Designer, die sich gesellschaftlich aufgeladenen Themen stellen, Nachhaltigkeit über Wiederverwertung mitdenken und den Status quo des Systems kritisieren – auch wenn sie selbst Teil davon sind oder es noch werden wollen. Kurz: London lohnt sich.