Nachts in der Stierkampfarena. Ein mit zwei Hörnern bewehrter und mit Papierblumen geschmückter Mensch zieht auf staubigem Grund seine Kreise. Der Tanz mündet in einem Feuerritual, wie es in Nicaragua noch heute zu Ehren der Jungfrau Maria begangen wird. In dem 2023 entstandenen Performancevideo von Elyla wird aus der "Toro-Encuetado"-Tradition eine "Torita-encuetada", was so viel bedeutet wie "Kleine Stierin, die mit Feuerwerkskörpern geladen ist". In der Kunst widmet sich Elyla häufig Ritualen aus der Heimat, um sie zugleich queer umzugestalten. Der Stiertanz wurde in der Fundaciò Enric Miralles gezeigt, einem der vielen Spielorte des Loop-Festivals in Barcelona, das in diesem Jahr von Filipa Ramos kuratiert wurde.
Als Traum von kultureller Teilhabe und gesellschaftlicher Akzeptanz queerer Menschen passt "Torita-encuetada" gut in die diesjährige Loop-Auswahl, die Ramos unter die Überschrift "Miratges Mirages" gestellt hat. Inspiriert wurde die aus Portugal stammende, in Paris lebende Videokunst-Expertin von einem Phänomen, das an heißen Sommertagen in Barcelona zu beobachten ist. Die Silhouette der Stadt wird dann geisterhaft im Mittelmeer widergespiegelt. Inzwischen sind die Temperaturen gesunken, es wird kühl in der katalanischen Metropole, und die Fata Morganas erscheinen jetzt in Museen und anderen Institutionen.
Im Museu Picasso wurden mit "Wind" (1968) und "Songdelay" (1973) zwei frühe Filme von Joan Jonas präsentiert. Filipa Ramos hat die inzwischen 89-jährige Performance- und Videokünstlerin als "Mutterfigur" bezeichnet; modellhaft habe Jonas gezeigt, wie sich Kunstschaffende zur Gegenwart positionieren können – mit Poesie, nicht unbedingt mit politisch expliziten Werken. Maßgeblich für das Motto dieses Festivals dürfte auch Jonas’ Installation "Mirage" sein, die die US-Amerikanerin seit 1976 immer weiterentwickelt hat.
Bewegte Bilder durch Zeiten und Räume tragen
Das katalanische Wort miratges beziehungsweise das englische oder französische mirages lässt sich mit "Trugbilder" übersetzen. Der Zauber des Films besteht darin, bewegte Bilder durch Zeiten und Räume zu tragen. Die Kehrseite des Mediums ist das Illusionäre, Manipulative. Videobotschaften können völlig frei erfunden sein – und wirken doch täuschend echt.
In einem Interview mit "Arts of the Working Class" hat Filipa Ramos erklärt, sie habe auch die negativen Implikationen des Begriffs mitgedacht: Kunst habe das "unglaubliche Potenzial", sagt Ramos, "den Wunsch nach Transformation auszulösen (…), agiert aber auch in einem System, das höchst korrupt sein kann. Es ist fast wie ein Aufruf, dass Künstler sich ihres immensen Potenzials als soziale Akteure bewusst werden". Ein lohnender kulturkritischer Ansatz – der sich im konkreten Programm aber leider kaum zeigt.
Überzeugend ist das Festival in den Gegenerzählungen seiner Teilnehmer, wie im Fall des halbstündigen Films "Night Fishing with Ancestors" des australischen Karrabing Film Collective, der im Centre Excursionista de Catalunya gezeigt wird. Die indigene Gruppe nutzt das Filmemachen als Form des Überlebens, des Widerstands und der Welterschaffung. "Night Fishing" spannt einen Bogen von der vorkolonialen Zeit bis zur Ankunft von Captain Cook im Jahr 1770 und widmet sich den Folgen des Kolonialismus, von Massakern, Epidemien, Zwangsumsiedlungen über exzessiven Bergbau bis hin zum Klimawandel: Geschichtsschreibung eines Kontinents aus indigener Perspektive.
Eine sinnlich-körperliche Seherfahrung
Unter dem Titel "Ipsa sonant arbusta" ("Selbst die Wälder hallen wider") ist eine Schau im Museu de la Música zu sehen, die das filmische Werk der Brasilianerin Ana Vaz und gleichzeitig das musikalische Œuvre ihres komponierenden Vaters Guilherme Vaz (1948-2018) erkundet. In Ana Vaz’ Filmessay "A Árvore" ("Der Baum", 2022) tauschen sich die Filmemacherin und ihr Vater über die Zeit aus, die Vaz senior mit indigenen Völkern im brasilianischen Bundesstaat Rondônia verbrachte.
Das Gebiet ist heute stark von Abholzung betroffen; den titelgebenden Baum präsentiert Ana Vaz als stoisches Wesen, das alle Lebenszyklen und Jahreszeiten überdauert. Der zweite Film "Apiyemiyekî?" ("Warum?", 2019) kreist um den Völkermord an den Waimiri-Atroari im Amazonasgebiet in den 1970er-Jahren, also zur Zeit der Militärdiktatur. Dabei greift Vaz auf Zeichnungen aus dem Archiv des Menschenrechtsaktivisten Egydio Schwade zurück. Es sind Bilder von lokaler Flora und Fauna, aber auch von Gewalterfahrungen von Betroffenen.
Vaz legt die Zeichnungen über Landschaftsaufnahmen und blendet damit Geschichte und Gegenwart ineinander. Man spürt direkt, was mit "Dekolonisierung des Geistes" gemeint ist: eine sinnlich-körperliche Seherfahrung, die sich vom rational geprägten "westlichen" Blick absetzt.
Eine Messe für die Vielfalt des Mediums
Über das Künstlerkino, das Ausstellen von Film, über Urheberrechtsfragen und das Sammeln von Künstlerfilmen diskutierte Filipa Ramos auf drei Panels unter anderem mit der Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev, der Künstlerin Laura Huertas Millán und Andrea Lissoni, dem Direktor des Hauses der Kunst in München. Anders als die Festivalauswahl war die (nicht von Ramos verantwortete) Messe von überwiegend etablierten Positionen geprägt. Spannende Entdeckungen bot die Loop Fair trotzdem, außerdem einen einheitlichen Ausstellungsort – drei Etagen im Almanac – mit dem Vorteil, sich für die Werke nicht die Hacken abzulaufen wie beim Rest der im Stadtraum verstreuten Festivalkunst. Knapp 40 internationale Galerien belegten die Lebendigkeit und Vielfalt des filmischen Mediums, wobei man sich in den einzelnen Hotelzimmern in konzentrierter Ruhe auf das jeweilige Werk einlassen konnte.
Zu den Highlights zählte ein Dreikanalvideo des französisch-amerikanischen Künstlers Nelson Bourrec Carter (Galerie Alain Gutharc, Paris) mit a cappella singenden Schülerinnen und Schülern. Zu einer Art Rollbild verwandelte Julius von Bismarck (Galerie Esther Schipper, Berlin) die "Calle 22" in Bogotá mittels einer auf ein Auto montierten Hochgeschwindigkeitskamera (2500 Bilder pro Sekunde). Die Straßenszenerie wirkt fast wie eingefroren, das penetrante Scheinwerferlicht wird als aggressive Störung im Leben der Bewohner spürbar.
Die einzige Überschneidung mit Ramos’ Festivalprogramm ergab sich beim Beitrag der Galerie Barbara Thumm: In "Rumbling Earth" von 2024 zeigt Elyla poetische Landschaftsbilder aus ihrem Heimatland Nicaragua, die ins Verhältnis zu sozialen und politische Kontexten gesetzt werden. Das Werk wurde mit dem Loop Fair Acquisition Award ausgezeichnet, was bedeutet, dass "Rumbling Earth" vom MACBA und der Loop-Plattform angekauft wird.