Lotta Antonsson in Stockholm

Wenn Muscheln zu Waffen werden

Schmuck und stille Verweigerung des männlichen Blicks: In ihrer Fotografiska-Ausstellung in Stockholm versieht die Künstlerin Lotta Antonsson Frauenporträts aus Modemagazinen mit Muscheln, Steinen und Kristallen

Der mittlerweile so inflationären Beschäftigung mit den Themen der Objektivierung der Frau und des Male Gaze geht Lotta Antonsson schon seit den 1990er-Jahren nach. Die schwedische Künstlerin, geboren 1963, arbeitet mit oft vergrößerten, gefundenen Schwarz-Weiß-Fotografien aus Mode- und Lifestyle-Magazinen der 1960er- und 1970er-Jahre. Schon als Kind hat sie fasziniert die Zeitschriften ihrer Mutter durchgeblättert. Später hat sie sich ein großes Archiv angelegt, darunter auch DDR-Erotik-Magazine, die sie auf Berliner Flohmärkten aufgestöbert hat. "In dieser Zeit waren Frauen den Kameras und Betrachtern am schutzlosesten ausgeliefert", sagt Lotta Antonsson. "Sie wurden bloßgestellt und instrumentalisiert."

In ihrer Schau "I am Everything" im Stockholmer Fotografiska sind Aufnahmen bekannter und unbekannter Frauen zu sehen. Die Ausstellung mit rund 50 vor allem neueren Arbeiten wurde während der Stockholm Art Fair eröffnet. Frauen zeigen sich in den notorischen Posen, auf dem Boden drapiert, stehend mit kurviger Silhouette, mit halb geöffnetem Mund und offenen Augen in die Kamera schauend: allzu bekannte Repräsentationen von Weiblichkeit, die Frauen als Objekte der Begierde für den visuellen Konsum in Szene setzen.
 

Lotta Antonsson "Seashell face #100"
Foto: © Lotta Antonsson

Lotta Antonsson "Seashell face #100", 2021


Lotta Antonsson konterkariert diesen Blick auf die Frau mit ihren Assemblagen, bei denen sie Muscheln und Steine einsetzt. Oft schirmen diese als eine Art Barriere die Augen ab. Eine liegende Frau mit nacktem Oberkörper trägt eine große Herzmuschel über dem Gesicht wie ein geschlossenes Visier. Eine andere hat einen Streifen aus Muschelbruch über den Augen, ähnlich dem schwarzen Balken, der Angeklagte vor dem Aufkommen der Verpixelung vor der Identifikation bewahrte. Die Anonymisierung sagt auch: Der fremddefinierte Blick trifft nicht nur diese Frau, er trifft alle Frauen. "Muscheln sind Schmuck, aber auch Schutz", sagt Antonsson. "Sie geben Frauen ihr Geheimnis zurück und lassen Raum für Ambiguität und Verweigerung".

Bestialisch-schöne Vampirzähne

Bei anderen wird Schmuck zur Waffe. Der Schauspielerin Ali MacGraw hat Antonsson mit kleinen Kristallen spitze Zähne verpasst, auch aus Jane Fondas Lippen klaffen vampirartig scharfe Reißzähne hervor. Der Widerstand kippt ins Gruselige, die Verwandlung zu bestialisch-schönen Wesen lädt die Vintagebilder mit bedrohlicher Energie auf. Für einen kurzen Moment muss man an Russ Meyers "Satansweiber" aus derselben Ära denken.

Die Schwedin, in Berlin vertreten von der Galerie Dorothée Nilsson, hat Bildende Kunst und Fotografie studiert, an der Stockholmer Universität für Kunst, Handwerk und Design und an der Königlichen Kunstakademie in Kopenhagen. Von 2007 bis 2016 lehrte sie als Professorin für Fotografie an der Valand Academy of Art and Design in Göteborg.