Galeristin Lucia Kaufmann

"Ich bin motiviert zu zeigen, dass es auch anders geht"

Lucia Kaufmann, eine der jüngsten Galeristinnen Hamburgs, will zeigen, dass Elternschaft und Kunstkarriere kein Widerspruch sein müssen. Hier spricht sie über veränderte Bedürfnisse und Vernissagen am Samstagmorgen

Zum zweiten Mal findet an diesem Wochenende die hanseatische Kunstoffensive statt. Unter dem Motto "Walk & Talk" laden die Hamburger Galerien am 5. und 6. September erneut zum gemeinsamen Rundgang. Mit initiiert hat ihn Lucia Kaufmann, eine der jüngsten Galeristinnen in der Stadt, die in ihren Räumen dieses Jahr den zweiten Geburtstag feiert.


Lucia Kaufmann, Sie haben Ihre Galerie 2023 in einer Wirtschaftskrise und in einer Zeit absonderlicher Entscheidungen in der Kulturpolitik gegründet. Das ist nicht unbedingt die beste Ausgangslage - was hat Sie veranlasst, den Widrigkeiten zu trotzen und den Raum dennoch zu eröffnen?

Ich wollte mir einen Raum der Freiheit schaffen, in dem ich kuratorisch arbeiten kann. Einen Raum, in dem ich das ausstelle, was meiner Meinung nach gesehen werden sollte. 

Das sind in Ihrem Fall vorrangig Ausstellungen von Künstlerinnen. Ist der Fokus auf weibliche Positionen Programm oder Zufall?

Ich war nie stark feministisch eingestellt. Erst in dem Moment, als ich Mutter wurde, ist mir aufgefallen, wie viele Ungerechtigkeiten noch vorhanden sind. Vieles ist strukturbedingt und macht es Frauen schwerer, beruflich Erfolg zu haben und gleichzeitig eine Familie zu haben. Deshalb habe ich darüber nachgedacht, was ich im Rahmen meiner Möglichkeiten verändern kann. Und bin zu dem Schluss gekommen: Ich muss nur durchzählen, wenn ich mein Jahresprogramm schreibe. Wie viele Künstlerinnen stelle ich aus und wie viele Künstler? Und das dann umdrehen. Es ist ein winzig kleiner Beitrag, aber es ist ein Anfang.

Mutterschaft in der Kunst wird aktuell viel diskutiert. Der Auslöser der Debatte waren nicht zuletzt Ausgaben von Monopol im Jahr 2019 und "Kunstforum" 2024 zu diesem Thema. Seither sind durchaus Dinge angestoßen worden. Viele Ihrer Künstlerinnen sind Mütter. In einem Gespräch sagten Sie einmal, dass Sie die Künstlerinnen vor dem Aufbau immer fragen, was sie brauchen. Und dann fast alles möglich machen: etwa Aufbauzeiten, die mit den Kita-Zeiten deckungsgleich sind. Oder bei Kindern, für die es noch keine Betreuung gibt, entsprechende Ausstattung vor Ort, wie Mikrowelle oder Krabbeldecke. Finden Sie das progressiv oder einfach realistisch?

Man kann immer nur im Rahmen seiner Möglichkeiten handeln. Die Idealversion, dass ich ergänzend zum Aufbau einen Babysitter zahlen kann, scheitert an meiner Realität. Aber dadurch, dass ich selbst Mutter bin, bediene ich die Bedürfnisse, die auch andere Frauen im Kunstbetrieb haben. Und das ist nicht abends das zehnte Bier, sondern ein warmes Mittagessen. Man muss sich aufeinander zubewegen und trotzdem ganz klar die eigenen Bedürfnisse kommunizieren. Das habe ich durch meine eigene Mutterschaft gelernt.

Der Kunstsektor galt lange in vielerlei Hinsicht als Avantgarde. In Sachen Geschlechtergleichheit hinkt er jedoch weit hinterher. Können Galerien wie Ihre positiv in den Bereich der Kunst und vielleicht auch in die Gesellschaft hineinwirken, indem Sie diese kleinen Dinge umdrehen?

Unbedingt. Ich bin motiviert zu zeigen, dass es auch anders geht. So habe ich zum Beispiel eine Vernissage an einem Samstagvormittag gemacht. Viele rieten mir ab, meinten, das geht nicht, der Termin muss klassisch in den Abendstunden sein. Ich wollte ermöglichen, dass der Künstler – es war sogar ein Künstler, den ich ausgestellt habe – und seine Frau mit den Kindern kommen konnten, weil ich wusste, die haben abends niemanden, der betreut. 

Und das klappt?

Wenn Eltern in die Galerie kommen und während der Öffnungszeiten ein Kind mitbringen, sind sie immer willkommen. Ich kann es mir nur nicht leisten, auch noch auf die Kinder aufzupassen. Das heißt, jedes Elternteil muss selbst schauen, dass nichts kaputtgeht. Aber das Problem in unserer Gesellschaft ist ein ganz anderes: Wir haben viel zu wenige Räume, in denen man sich mit Kindern aufhalten und kulturell bilden kann. Wo kann ich denn hingehen? Die Spielplätze sind oft einfallslos und für Eltern langweilig. Ich bin froh über jedes Museum, das einen Raum anbietet, in dem sich Kinder aufhalten können und es auch ein Angebot gibt. Es muss ja nicht immer Betreuung geben, aber zumindest die Möglichkeit, dass eine Freundin oder ein Elternteil sich dort eine Stunde aufhalten kann, während das andere Elternteil durch die Ausstellung geht.

Ihr Galerie-Programm ist sehr divers, gleichzeitig aber immer auf eine klare Formensprache und Geradlinigkeit fokussiert.

Ich habe mich schon immer zur Abstraktion hingezogen gefühlt, und auch zu Farben. Sie sind für mich die Sprache der Emotionen. Gerade in der deutschen Mentalität werden Emotionen vielfach unterdrückt. Es gibt wenig Raum, all das zu zeigen, was man fühlt oder fühlen möchte. Gerade sieht man in der Kunst viele Körperdarstellungen. Dagegen wehre ich mich. Das hat auch mit der kunsthistorischen Tradition zu tun. Der männliche Maler malt den weiblichen Körper und ist davon fasziniert. Da mache ich nicht mit, da habe ich keine Lust drauf. Es ist etwas anderes, wenn Frauen Frauenkörper malen. Das Terrain ist aber für mich so verbrannt, dass ich das im Moment erstmal verneine.

Ihre Galerie liegt in einem Stadtteil, der für die Hamburger Galerien ungewöhnlich ist. Eppendorf ist für seine Altbauvillen und Cafés, nicht jedoch für die dynamische Kunstszene bekannt. Warum haben Sie sich für diese Lage entschieden?

Ich habe ein halbes Jahr lang nach Räumen gesucht. Ich hatte eine Vorstellung von der Größe und wie das Ganze sein muss. Mir war es wichtig, dass ich ein großes Fenster zur Straße habe. Gerade, wenn man ein Netzwerk erst aufbaut, ist es zentral, dass die Leute mich wahrnehmen – und mich auch durch Zufall entdecken können. Und ich wollte mein ganz eigenes Ding machen. Es wäre natürlich einfacher gewesen, dort zu sitzen, wo schon andere Galerien sind. Aber ich wollte mich nicht ablenken lassen, wollte mein eigenes Experiment starten. Was ist denn, wenn ich die Galeriearbeit so mache, wie ich sie für richtig erachte? Das ist vielleicht naiv oder mutig, aber es fühlte sich richtig an. 

Auch wirtschaftlich?

Klar, in Eppendorf ist natürlich das entsprechende kaufkräftige Publikum wohnhaft. Ich selbst lebe in einem anderen Stadtteil; ich möchte meine Arbeit vom Familienleben trennen. Man sollte Kinder nirgendwo ausschließen – aber wir Frauen brauchen auch manchmal Räume, in denen wir einfach Menschen sein können, wo wir nicht nur auf die Mutterrolle zurückgeführt werden. Das heißt, die Galerie ist für mich auch ein Ort, wo ich hingehen und jemand anders sein kann, wo ich nicht nur Mutter sein muss.

Ihr beruflicher Hintergrund ist nicht der klassische Werdegang einer Galeristin, Sie haben zwar Kunstgeschichte studiert, jedoch selbst nie Erfahrungen in einer Galerie gesammelt ...

Ja, ich habe Kunstgeschichte in Marburg studiert und habe dann einen Platz an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg angeboten bekommen – für Kunst. Ich war Anfang 20 und hatte diesen Zettel vor mir: Freie Kunst oder Kunst auf Lehramt. Ich habe damals aus Vernunft Lehramt angekreuzt und dann auch zwei Jahre an einer Schule unterrichtet. Aber ich habe schnell gemerkt, dass mir die direkte Nähe zur Kunst fehlte.

Parallel zur Galeriearbeit gab es von Anfang an ein vielfältiges Begleitprogramm, das über die eigentliche Arbeit einer Galeristin hinausgeht. Sie haben eine Residency mit organisiert und verschiedene kooperative Ausstellungsprojekte angestoßen.

Ich tue mich schwer mit dem Bild der Galeristin, die dasitzt und wartet, dass jemand kommt und etwas kauft. Das funktioniert so nicht und wird auch in Zukunft nicht funktionieren. Und wenn es nur ums Verkaufen ginge, dann könnte ich auch in einem Möbelgeschäft arbeiten. Meine Begeisterung liegt im Kuratieren, darin, Ausstellungskonzepte zu entwickeln, und auch in der Kunstvermittlung. Der Galerieraum ist meine dreidimensionale Visitenkarte. Aber ich möchte mehr. Im Herbst wird das zweite Künstler:innenbuch herauskommen. Gerade sitzen wir an der Bewerbung für die Foto-Triennale, dort würde ich gern mit einem Satelliten-Standort teilnehmen, also temporär einen zusätzlichen Ort finden, der dann auch zu den Arbeiten der Künstlerinnen passt.

Welche Möglichkeiten sehen Sie für die Zukunft Ihrer Galerie?

Wir leben in einer Zeit, die ein hohes Maß an Flexibilität verlangt. Man steht quasi immer auf dem Sprungbrett, sich neu erfinden zu müssen. Wenn ich in ein paar Jahren merke, das funktioniert so nicht, dann wird dieser Raum schließen, und ein anderer wird sich auftun. 

Sie haben kurz nach Gründung der Galerie als Newcomerin den Vorstand im alteingesessenen Landesverband der Hamburger Galerien übernommen und sind damit ein weiteres Mal ins kalte Wasser gesprungen. Warum? 

Ich wurde eingeladen, diese Aufgabe zu übernehmen. Wenn man sich zeigt und Aufgaben übernimmt, dann kann man auch mitgestalten. Und viele kennen diesen Landesverband nicht. Ich sage mal so: Da ist noch Potenzial und Luft nach oben, da könnte noch mehr passieren. Wir packen das jetzt an und krempeln das alles um. Ich hoffe, mit meinem Engagement neue Aufmerksamkeit für die Galerien in Hamburg zu erreichen.

Sie haben mit Ihrem Eintritt in den Landesverband den neuen Galerien-Rundgang "Walk & Talk" mit initiiert, der letztes Jahr mit großem Erfolg startete. Dieses Jahr nehmen rund ein Drittel mehr Galerien teil. Kann das Format die Hamburger Kunstlandschaft verändern?

Letztes Jahr waren alle Führungen ausgebucht. Das Interesse ist da, und das Format bietet niedrigschwellig die Möglichkeit, eine Stunde lang mitzulaufen und verschiedene Räume kennenzulernen. Damit lässt sich auf jeden Fall neues Publikum gewinnen.

Hat sich aus Ihrer bisherigen Arbeit ein Leitsatz herauskristallisiert, dem Sie in Ihren Entscheidungen folgen?

Auf sein Gefühl vertrauen – und weitermachen. Es gibt Höhen, und es gibt Tiefen. Man darf sich davon nicht kleinkriegen lassen. Ich glaube, wenn ich weiterhin so motiviert und inspirierend bleibe, kann ich die Leute mitreißen und Werte verschieben. Wer braucht ein drittes Auto, wenn er ein Kunstwerk kaufen kann? Dieses Umdenken zu erreichen, die Kunst nachhaltig zu stärken und mich für eine faire Behandlung der Künstlerinnen starkzumachen: Das sind meine Ziele.