C/O Berlin zeigt "The Lure of the Image"

Wenn's in Tinder-Träumen Männer regnet

Fotomontage: Möwe über Hängebrücke und Gewässer; Schwimmer, Männerköpfe mit Sonnenbrillen.
© Jenny Rova. Courtesy C/O Berlin

Jenny Rova "A MILF DREAM – My matches on Tinder", 2024

Bilder entfalten Macht, die sich im Netz potenziert. Eine C/O-Berlin-Schau erkundet Social-Media-Feeds, Memes und Emojis und zeigt, wie digitale Bilder unsere Wahrnehmung steuern – mit Risiken, Nebenwirkungen und Potenzialen vernetzter Bildwelten

Schwämme sind sexy. Wie zum Anfassen geschaffen, grobporig, aber weich, echte Handschmeichler. Und selbst die taktile Anmutung vom Herumfingern an Schwämmen vermag ein angenehmes Kribbeln auszulösen. So führt es Dina Kelberman in ihrer Videoinstallation "The Wave" vor, in der eine Armada von Händen in Gummihandschuhen mit Haushaltsschwämmen hantiert, knetende Hände, wringende Hände. Herrlich, wie da Flüssigkeit aus dem Bio- oder Polyurethan-Material heraussuppt!

Aber auf Dauer wirkt das, was man einen Porno für Putzsüchtige nennen könnte, eher anstrengend, zumal Kelberman zig ähnliche Videobilder im Splitscreen-Modus parallel projiziert. Da werden nicht nur Schwämme in Laugen gedrückt und gewrungen, sondern auch Sehgewohnheiten strapaziert. Ursprünglich sind die Netzvideos mit einem Online-Phänomen verbunden, das Autonomous Sensory Meridian Response (ASMR) genannt wird und Entspannung verheißt. Als Wellness-Angebot ist der pastellbunte Bilder-Tsunami aber denkbar ungeeignet. Und wir wissen ohnehin, dass unter den verlockenden audiovisuellen Oberflächen von Social-Media-Feeds und Dating-Apps riskante Unterströmungen lauern. Eine genaue Analyse der Mechanismen ist überfällig. Texte dazu gibt es. Eine Reflexion am Ort der Bilder – im Museum – ist eher ungewöhnlich.

Von April bis Oktober 2025 wurde die Gruppenschau "The Lure of the Image" (Die Faszination des Bildes) im Fotomuseum Winterthur gezeigt. Nun ist die Ausstellung um die Verführungskraft von Online-Inhalten im oberen Stock des Fotoforums C/O Berlin zu sehen. Parallel zur Gruppenschau hat im Amerikahaus eine Retrospektive des 90-jährigen Fotografen Walter Schels eröffnet, die im Erdgeschoss dessen enorme Spannweite zwischen dokumentarischer und künstlerischer Fotografie belegt.

Künstlerische Strategien im Algorithmen-Dschungel

Die in Winterthur entwickelte – und von C/O-Programmleiter Boaz Levin für Berlin angepasste – Themenausstellung erweitert das Spektrum noch einmal gewaltig. "The Lure" kreist um Bildpolitiken, fragwürdige Phänomene im Netz und künstlerische Strategien im Algorithmen-Dschungel. Doch was hat die Schau noch mit Fotografie zu tun? "Die technische Definition des Mediums interessiert mich weniger", sagt Marco De Mutiis. Ihn fessele die "fotografische Kultur, eine Art zu sehen, die sich die Menschen in fast 200 Jahren seit Erfindung der Fotografie antrainiert haben", so der Kurator, der die Schau gemeinsam mit Doris Gassert und Alessandra Nappo konzipiert hat. Das Browserfenster eines Windows-Rechners ist nicht dasselbe wie der Sucher einer Kamera. Aber begreifen wir das wirklich? Und was macht es mit Menschen, wenn sie öfter auf Bildschirme blicken als aus dem Fenster ihrer Wohnung?

Ein klassisches Foto zeigt Spuren realer Dinge. Das Abbild auf der lichtempfindlichen Emulsion verbindet uns mit (vergangener) Wirklichkeit. In der Digitalära kann man den Bildern eigentlich nicht mehr trauen – und tappt doch immer wieder in die Falle des Fotorealismus. Das Hirn ist träge – die KI blitzschnell in der Erzeugung von naturidentischen Bildern ohne echten Realitätsbezug. Überfordernd wirkt zudem die Datenflut, mit der wir konfrontiert sind.

Die Ausstellung beginnt mit einem Videoessay von Sara Cwynar, die das infinite scrolling – das endlose Laden neuer Inhalte in Social-Media-Kanälen – nachahmt. Cwynar hat Objekte und Bilder aus den Bereichen Kunstgeschichte, Werbung, Mode, Design und Journalismus auf Glasplatten arrangiert. Die Kamera bahnt sich einen Weg durch das Material, wobei zwischendrin auch eine Hand oder das Gesicht der Künstlerin auftaucht. "Scroll 1" verbindet Körperlichkeit und analoge Anmutung mit dem Gefühl der Desorientierung, das sich im Internet einstellt. Lost in virtual space.

Grenze zwischen Identität und Selbstdarstellung verschwimmt

Die Ausstellung lockt mit einigen bekannten Namen: Von Jon Rafman stammt ein Bildschirm-Tryptichon mit lauter wechselnden "Cursed Images" – "verfluchten" Bildern aus dem Internet, und angeblich ohne Urheber. Viktoria Binschtok beschäftigt sich in der Stilleben-Serie "Digital Semiotics" mit Emojis – vor allem mit denen, die brisante oder aus dem Netz verbannte Thematiken repräsentieren. 

Viktoria Binschtok, digital semiotics: minecraft melon, 2025 Foto: Hand hält pixelige Kartonmelone
© Viktoria Binschtok. Courtesy of the artist and Klemm’s, Berlin

Viktoria Binschtok "digital semiotics (minecraft melon)", 2025

Hito Steyerl geht in der Videoinstallation "Strike" mit Hammer und Meißel auf einen Bildschirm los. Statt eines Lochs im Screen erscheinen mehrfarbige Pixelfelder. Eine Geste des Widerstands gegen die Macht der Bilder, die eine halbe Minute dauert. Dann geht der Loop von vorne los. Sehr viel Erkenntnis bringt das nicht.

"The Lure" überzeugt vor allem bei den weniger bekannten Positionen. "In the Future, Everything Will Be a Trend for 15 Seconds" lautet der Titel einer  kollaborativen Videoarbeit des Künstlers Éamonn Freel und der Maskenbildnerin Lynski. Im Stil des legendären Michael-Jackson-Musikvideos "Black Or White" von 1991 gehen lauter schön geschminkte und mit Accessoires verzierte Gesichter im Morphing-Modus ineinander über. Willkommen in der hyperkapitalistischen Beliebigkeitshölle. Um kurz einen neuen Style auszuprobieren, bedient sich der oder die Modebewusste heute eines Augmented-Reality-Filters. Ein Trend jagt den nächsten. Die Grenze zwischen Identität und Selbstdarstellung verschwimmt zunehmend.

Éamonn Freel × Lynski, Videostill In the Future…, 2024: Nahaufnahme Gesicht mit Perlen an Brauen
© Éamonn Freel × Lynski

Éamonn Freel × Lynski "In the Future, Everything Will Be a Trend for 15 Seconds", Videostill, 2024

Freels und Lynskis dystopischer Loop erzählt davon, wie das Individuum davon träumt, etwas ganz Besonderes zu sein und gleichzeitig doch dem Anpassungsdruck der Schönheitskonvention ausgesetzt ist. Um diesen Spagat drehen sich auch die Fotocollagen von Jenny Rova, die sich nach einer Trennung bei der Dating-Plattform Tinder anmeldete. Als die Künstlerin begriff, dass ihr "sexueller Status" innerhalb der Community der einer "MILF" war (einer von jüngeren Männern begehrten reiferen Frau), passte sie ihr Dating-Profil entsprechend an – weil die Interessen der User ihren persönlichen Wünschen nicht unbedingt zuwiderliefen. Die Profile der jungen Männer forstete Rova schließlich nach Material für Collagen durch. Die schmucken, durchtrainierten Typen lässt die Künstlerin mal auf Wolkenkratzern posieren oder durch einen von Nordlichtern illuminierten Nachthimmel fliegen. It’s Raining Men. Auf dem Boden real existierender Beziehungen sieht es zwar wesentlich nüchterner aus. Aber träumen darf man. Besser noch: die Online-Erfahrungen zu analoger Kunst verarbeiten. Die Collagenreihe "A MILF DREAM – My Matches on Tinder" glitzert von Witz und Selbstironie.

Protest und Gewalt hinter niedlicher Maske

Zoé Aubry widmet sich mit ihrer Fotoinstallation "#Ingrid" einem bemerkenswerten Online-Widerstand gegen voyeuristische Berichterstattung und gegen das Herunterspielen von Femiziden als systemisches Problem. Die junge Mexikanerin Ingrid Escamilla Vargas wurde 2020 von ihrem Ehemann brutal ermordet. Tatfotos ihres verstümmelten Körpers wurden illegal verbreitet. In der Presse wurden die Bilder mit Überschriften wie "Amor war schuld" versehen. In den sozialen Medien machte sich die Initiative #IngridEscamillaVargas zum Ziel, die grausigen Fotos aus dem Internet zu "schwemmen" und zukünftige Online-Suchen nach Ingrid nurmehr mit schönen Bildern zu verknüpfen. Aubry hat die Ersatzbilder von Landschaftsidyllen, schönen Blumen oder lavendelfarbenen Sonnenuntergängen gesammelt und präsentiert das Archiv in Form einer scheinbar harmlosen Bildtapete auf vier Wänden eines Ausstellungsraums.

Fotografie: gelb‑schwarzer Schmetterling an orangefarbener Blüte, Wasser mit Lichtreflexen
© Copyright-freies Bild, Zoé Aubry & Delia

#Ingrid, 2022

Dass ein fotogenes Efeublatt oder die treuen Hundeaugen eines Dackels sich zu Protest und Widerstand eignen, ist eine ziemlich neue Erkenntnis. Am anderen Ende der Zuckerstange liegen die superniedlichen Bilder der japanischen "kawaii"-Ästhetik und andere popkulturellen Bildsprachen, die im Netz zur Verbreitung von Gewalt, Ideologien und Propaganda instrumentalisiert werden. Wie Plüschtiere und Manga-Ikonografie benutzt werden, um kriegerische Botschaften oder Alt-Right-Ideologien in soziale Netzwerke einzuschleusen, hat die Künstlerin Noura Tafeche in vier Jahren Recherche untersucht. Gezeigt wird die Installation "Annihilation Core Inherited Love" als Extra-Kabinett hinter Vorhängen. Man nimmt auf bunten Kissen Platz und darf sich auf Bildschirmen pastellfarbene Propaganda und herzige Waffenwerbung betrachten. Aber nur, wenn man die Triggerwarnung in den Wind schlägt: "Die folgende Arbeit enthält Bilder, die manche Besucher:innen als verstörend oder belastend empfinden könnten …"

Vielleicht mal den Stecker ziehen 

Das wäre die gute Nachricht: dass Bilder noch belasten, verstören, ambivalente Gefühle auslösen können. Dann wäre zumindest ein Teil des Publikums noch nicht abgestumpft – von der immensen Reizdichte, den schnellen Schnitten, den heftigen Kontrasten der digitalen Bildermaschinen. Fatal auch die Pseudosinnlichkeit vieler Webinhalte – wie es Dina Kelberman in ihrer oben beschriebenen Schwamm-Videoinstallation zeigt –, dass die digitalen Bildwelten Erfahrungen versprechen, die sie zugleich vorenthalten. Sie bieten viel für Auge und Ohr, Hand oder Mund haben nichts davon. Eine Verlockung ins Leere.

Vielleicht also mal den Stecker ziehen oder das Handy weglegen. Sehen lernen, sich vor ein fotografiertes oder gemaltes Bild setzen, den Blick darin wandern lassen. Ab ins Museum also – wobei die schöne Soloausstellung von Walter Schels kontemplativen Bedürfnissen sicher mehr entgegenkommt als die Gruppenschau ein Stockwerk höher, die fordert und abschnittsweise auch überfordert. Als Expedition in die Abgründe des alltäglichen Medienkonsums ist "The Lure of the Image" allerdings grandios. Verführte sind wir schließlich alle.