Zum Tod des Filmkünstlers Lutz Mommartz

Die Wirklichkeit im Absurden

Aus dem Verwaltungsangestellten Lutz Mommartz wurde einer der kreativsten deutschen Filmkünstler. Sein Werk bewegte sich stets an der Schnittstelle von Dokument und Experiment. Nun ist er mit 91 Jahren gestorben

Weltbekannte Schauspieler sind das letzte, was man in Experimentalkunst erwartet. Als der Filmkünstler Lutz Mommartz jedoch bei einer zufälligen Begegnung dem US-amerikanischen Actionstar Eddie Constantine eine Idee erzählte, wollte der sofort umsonst mitspielen: "Ich mach’ Dir den Buster Keaton". 

Schnell wuchs die konzeptuelle Idee um einen Mann, der einfach geradeaus geht, was immer ihm auch in den Weg kommt, aus dem minimalistischen Rahmen. Mommartz hatte plötzlich mit einem Star zu tun, der sich nicht weniger erhoffte als ein neues Image, während er selbst seine Unabhängigkeit verteidigen musste. Wieder einmal erwies sich die Kamera in einem Mommartz-Film als Einladung an das Unerwartbare.

1967 hatte er seine 16-Millimeter-Bolex bei einem Spaziergang immer wieder in die Luft geworfen und aufgefangen. Aus den Bildern, die dabei unwillkürlich auch den clownesken Charme ihres Urhebers einfingen, montierte er einen Avantgarde-Klassiker: Mit "Selbstschüsse" gewann er – neben internationalen Größen wie Michael Snow – einen Preis beim damals wichtigsten Experimentalfilm-Festival im belgischen Knokke. 

Er räumte seinen Schreibtisch als Künstler

Aus dem Unbekannten, der noch bis 1975 hauptberuflich an seinem sicheren Beruf als Verwaltungsangestellter festhielt, war ein bekannter Filmkünstler geworden, dessen sprudelndes Werk regelmäßig in den großen Feuilletons gewürdigt wurde. Erst als ihn die Düsseldorfer Kunstakademie in ihrer Abteilung für Kunsterziehung zum ersten Filmprofessor machte, räumte er seinen Schreibtisch bei der örtlichen Stadtverwaltung.

An der Schnittstelle von Dokument und Experiment entstanden höchst unterschiedliche Filme, deren verbindendes Merkmal ihre Kompromisslosigkeit war. Aus ihr erwuchs ein konstituierendes Stilmerkmal, ein Austarieren von Grenzen der Technik, der Gesellschaft, der Idee von Individualität und Persönlichkeit. 

Der Autodidakt erfand dabei auch eine gerade sehr aktuelle Idee vom immersivem Film: das 1968 erstmals auf der Documenta 4 gezeigte Zweileinwandkino, bei dem das Publikum sich zwischen zwei Projektionsflächen bewegt. Erst 2014 initiierte die Kunsthistorikerin Renate Buschmann eine überzeugende Rekonstruktion des verschollenen Originals aus Outtakes für das Imai-Institut. Auch für die umfassende Mommartz-Retrospektive in der Kunsthalle Düsseldorf  - die 2020 während des Corona-Lockdowns fast hinter verschlossenen Türen stattfand - und eine letzte Einzelausstellung im vergangenen Frühjahr am ZKM war Buschmann die treibende Kraft.

Ein Duell mit dem Apparat

Der formalen Eigenwilligkeit stand eine starke soziale Komponente gegenüber. So war Mommartz Mitbegründer der legendären Düsseldorfer Künstlerkneipe Creamcheese und ein Unterstützer einer selbstverwalteten Filmförderung in Nordrhein-Westfalen, aus der das heutige Filmbüro NRW hervorging. Auch in seinen Werken wurden soziale Prozesse ein zentrales Thema.

Noch in Andres Veiels aufwändigem Beuys-Dokumentarfilm findet sich prominent platziert ein wichtiges Stück von Lutz Mommartz: der Kurzfilm "Soziale Plastik". Gedreht 1980, aber erst nach dem Tod des Künstlers 1988 veröffentlicht, zeigt er Joseph Beuys, wie er wortlos die Kamera und damit die Betrachtenden fixiert; eine ganze 16-Millimeter-Filmrolle, also knapp 12 Minuten lang. Es ist eine Zuspitzung der Idee von Andy Warhols "Screen Tests": ein Duell mit dem Apparat und seiner Macht, ein Stück Zeit aus dem Leben herauszuschneiden. 

"Zeitschneider" nannte Mommartz 2020 dann auch sein letztes Hauptwerk. Die 24-stündige Videoprojektion unterwirft sein gesamtes bis 1994 geschaffenes Œuvre einer Revision, fragmentiert und dekonstruiert es, um es zugleich zu einer neuen Komposition zu arrangieren.

Potenzielle Unabgeschlossenheit

Es ist der Kristallisationspunkt einer kontinuierlichen archivarischen und redigierenden Beschäftigung mit dem eigenen Werk. Diese geht oft mit einer Infragestellung einmal gefundener Ausdrucksformen einher. Obwohl er sein Schaffen auf seiner Website so umfassend kostenlos verfügbar hielt wie kaum ein anderer Filmkünstler, war nichts in Stein gemeißelt. Die potenzielle Unabgeschlossenheit bewahrte seine Filme vor dem Wort, das bei gewöhnlichen Filmdrehs das Beenden einer Szene signalisiert: "Gestorben".

Die Endlosmontage von "Zeitschneider" überließ es dem Betrachtenden, die persönlichen Schnitte zu setzen - ein Auf- und Abspringen, wie er es 1967 schon von seiner geloopten Zugfahrt "Eisenbahn" erwartete. Sobald der Zuschauer den Effekt der Wiederholung entdeckt habe, schrieb er damals, entscheide er sich, "ob er sich passiv weiterfahren lassen will, oder ob er etwas anderes oder nichts mehr sehen will …"

Schon früh konterkarierte Mommartz die Erwartungshaltung an ein Kunstwerk, nur in einer einzigen definitiven, vom Künstler autorisierten Fassung in Erscheinung zu treten. Einerseits sind viele seiner Filme schon durch die Strenge ihrer Konzeption oder die Beschränkung auf eine oder wenige Einstellungen kaum veränderlich. Anderseits ist es ein besonderes Charakteristikum von Mommartz‘ Stil, spielerische Einfälle in Kontrast zur Strenge einer Form treten zu lassen, die oft auf die Medialität des Films zurückverweist. Und zeichnen sich nicht gerade Kinderspiele oft durch ein geradezu unumstößliches Regelwerk aus?

Die Wirklichkeit versteckte sich nur notdürftig im Absurden

So wie Joseph Beuys den Kunstbegriff um die Arbeit an gesellschaftlichen Veränderungen erweiterte, machte Lutz Mommartz mit Filmkunst Politik. Für ihn konnte schon die Tatsache, dass eine Kamera lief, die Realität verändern und Personen zu ungewöhnlichem Verhalten animieren. 

Als er 1969 dem Apo-Politiker Norbert Stratmann im Film "Wählt ADF" die Kamera überließ, scheinen diesem seine eigenen anarchistischen Ideen schließlich selbst nicht mehr ganz geheuer. Und wenn sich in "Inspektion" zwei Schauspieler beim Einstellen eines Motors über die Deutsche Kommunistische Partei austauschen, wird nicht nur das Innenleben eines Renault 4 verständlich.

Die Wirklichkeit versteckte sich bei Mommartz nur notdürftig im Absurden: In seinem 1977 mit dem Bundesfilmpreis in Silber prämiertem Kurzfilm "Als wär’s von Beckett" scheint der tatsächliche Ehestreit eines alternden Paares theatralisch, die Massenakzeptanz der DKP wirkt in "Die Angst am Rhein" dagegen heute wie eine unglaubliche Tatsache.

Die alles entscheidende künstlerische Autonomie

Einen weiteren Bundesfilmpreis erhielt "Der Garten Eden", ein epischer Experimentalfilm über Landschaft und Menschen am Niederrhein: Statt die Perspektive einer unsichtbaren Fliege einzunehmen, wählt Mommartz ganz im Gegenteil das Stilmittel der Intervention. Er macht sich und die Kamera sichtbar, wenn er nach persönlichen Paradiesen fragt. So entstand 1977 eine damals neue, noch immer hochmoderne Form des Essayfilms, eine Art interaktives Skizzenbuch voller Schönheit am Wegesrand.

"Tango durch Deutschland", das abendfüllende Projekt mit Eddie Constantine, verlief weniger paradiesisch. Von zahlreichen Problemen bei den Dreharbeiten überschattet, schien sich das Werk schon durch seinen Aufwand der für Mommartz alles entscheidenden künstlerischen Autonomie zu widersetzen. 

Immer wieder nahm er es sich in den folgenden Jahrzehnten vor, um neue Fassungen daraus zu schneiden. Erst bei seinem 90. Geburtstag im März 2024 erzählte er stolz von einer Version, die ihn befriedigte. Auf eine glanzvolle Premiere wollte er nicht mehr warten. Unter dem Titel "Sieben Stücke von und mit Astor Piazzolla" ist diese Stummfilmversion der letzte Zugang auf seiner Webseite. Schwer erkrankt verstarb Mommartz am 26. Juli in seiner Düsseldorfer Wohnung. So selbstbestimmt wie er seine Werke schuf.