Panafrikanismus-Ausstellung

Kaleidoskop einer anderen Moderne

Vier Institutionen, 100 Positionen, ein Thema, das sich nicht einhegen lässt: Panafrikanismus. Die Wanderausstellung verfolgt seine ästhetischen, klanglichen und politischen Nachwirkungen von den 1920er-Jahren bis heute. Was kann so ein Wimmelbild?

Die Anzahl der Formate ist beachtlich: Volkskunst, Bücher, Plakate, politische Reden und Musik treten in einen Dialog mit Malerei, Fotografie, Skulptur und Video. Ebenso ambitioniert ist der Umfang des Projekts, das die Zusammenarbeit von vier Institutionen erforderte: dem Art Institute of Chicago, dem Barbican Centre in London, dem Kanal – Centre Pompidou in Brüssel und dem Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA). 

Premiere hatte die Ausstellung in Chicago, die zweite Station ist nun Barcelona – ab Juni wird die Schau in London zu sehen sein. Obwohl die auf eine lineare Darstellung verzichtende, im Titel vom Public-Enemy-Album "Fear of a Black Planet" inspirierte Ausstellung "Projecting a Black Planet: The Art and Culture of Pan-Africa" von Museum zu Museum wandert, ist sie keine abgeschlossene Einheit, sondern passt sich dem jeweiligen Profil der beteiligten Häuser an. Panafrika wird so zum imaginären Territorium, in dem Kunst und Kultur die Grundfesten der westlichen Moderne infrage stellen.

Als afrikanische Nationen im 20. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit anstrebten, wurden Begriffe wie afrikanisch, Schwarz, afroamerikanisch oder karibisch oft strategisch – und nicht selten vereinfachend – eingesetzt, um aus sehr unterschiedlichen Erfahrungen einen Solidaritätsblock zu formen. In Barcelona möchte man diese Epoche hinter sich lassen und bezeichnet die Schau als "erste große Ausstellung, die die kulturellen Ausdrucksformen des Panafrikanismus umfassend darstellt".

Pluralistische Perspektive

Das etwas überladene Ergebnis mit Hunderten disparaten Objekten ist eine flirrende politische Landkarte eines Jahrhunderts, das von Weltkriegen, antikolonialen Kämpfen, Bürgerrechtsbewegungen und Widerstand gegen Diktaturen geprägt war. Panafrikanismus wird nicht als abgeschlossene Ideologie präsentiert, sondern als pluralistisches Projekt – im Kontrast zu jener kolonialen Sicht auf Afrika, die der kongolesische Anthropologe und Schriftsteller Valentin-Yves Mudimbe als westlich konstruiertes Deutungsraster kritisiert hat: als Raum, dem Geschichte erst von außen eingeschrieben wird.

Die Ausstellung stellt dieser Perspektive panafrikanische Strömungen entgegen, vom Garveyismus über die Négritude bis zum Quilombismo. Schon der Begriff Panafrikanismus deutet in mehrere Richtungen: Er kann eine geografische Definition des Kontinents bezeichnen, aber ebenso eine transnationale Gemeinschaft von Menschen afrikanischer Herkunft in der Diaspora. Er kann auf die globale Geschichte von Verschleppung und Versklavung verweisen – oder, im künstlerischen Feld, auf Blickachsen, die westliche Gesellschaften aus anderen Perspektiven als der weißen Mehrheitsgesellschaft betrachten.

Die von MACBA-Direktorin Elvira Dyangani Ose, Antawan I. Byrd (Kurator für Fotografie und Medien am Art Institute of Chicago), Adom Getachew (Professorin für Politikwissenschaft sowie für Rassismus-, Diaspora- und Indigenenstudien an der University of Chicago) und Matthew S. Witkovsky (Inhaber des Richard-und-Ellen-Sandor-Lehrstuhls an der University of Chicago) gemeinsam kuratierte Schau entwirft eine Schwarze Gegenwelt. Sie will das reduktionistische Bild eines einheitlichen Panafrikanismus aufbrechen – und stattdessen ein lebendiges Versprechen sichtbar machen.

Haarige Fahne

Panafrikanische Flaggen mit ihren roten, schwarzen und grünen Streifen bieten sich als Symbole einer Gemeinschaft an, die den Nationalstaat hinterfragen und aus der Diaspora heraus Selbstbestimmung einfordern will. Edith Dekyndt wagt in ihrem Video "Ombre Indigène" (2016) zugleich einen Blick in die Vergangenheit: Dunkle Haare wehen auf Martinique wie eine Flagge – an der Stelle, wo 1830 ein Schmugglerschiff sank, das dem illegalen Handel mit versklavten Menschen vom afrikanischen Kontinent diente.

Andere Werke reiben sich am Begriff der Négritude – einem Konzept, das in den 1930er-Jahren von Aimé Césaire, Léon-Gontran Damas und Léopold Sédar Senghor geprägt wurde. In seinen Siebdrucken hat Bruno Baptistelli die Wörter "negro" und "preto" in unterschiedlichen Schwarztönen auf schwarzem Grund gedruckt: Je nachdem, ob man der Figur oder dem Hintergrund Aufmerksamkeit schenkt, tritt der Begriff hervor – oder verblasst. Einen gänzlich anderen Zugang wählt Azikiwe Mohammed für das Projekt "My First Time": Er sammelt Antworten auf die Frage, wann Menschen sich erstmals ihrer Hautfarbe bewusst wurden.

Eine gewisse Virtuosität darin, unterschiedliche zeithistorische Motive und Werke miteinander zu verquicken, kann man den Kuratorinnen und Kuratoren nicht absprechen. Letztlich wollen sie aber zu viel. Die Fülle entwickelt nicht immer eigene Überzeugungskraft – das enzyklopädische Wimmelpanorama kippt stellenweise in bloße Addition. Trotz beachtlichem Informations-Output wird die Welt am Ende nicht neu vermessen.