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Bildband

Wehrmacht in Fummel

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Der Künstler Martin Dammann sammelt Amateurfotos aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs - und fand dabei viele Aufnahmen von als Frauen verkleideten Wehrmachtssoldaten. Nun ist ein Buch mit den Bildern erschienen 

Als der Maler und Fotokünstler Martin Dammann zur Amateurfotografie im Zweiten Weltkrieg recherchierte, stieß er auf erstaunlich viele unscharfe, über- und unterbelichtete Bilder, die vor allem eins zeigen: Wehrmachtssoldaten, als Frauen verkleidet. Das ist schwer zu deuten. Hier ein Versuch: Ein bisschen Spaß muss sein. Dieser Befehl klingt unspaßig und, nunja, ziemlich deutsch. So veranstaltete die Organisation "Kraft durch Freude" an der Front und in den Kasernen Feste für die Rekruten. Das sollte der Entlastung und der Ablenkung dienen. Daneben organisierten aber auch die Soldaten selbst Feiern, und auf den Amateurfotografien, die das Buch "Soldier Studies" versammelt, sehen die fast ein bisschen anarchisch aus. Man kann rätseln über die Männer, die in drag posieren, tanzen, in die Kamera grinsen. Die Bilder sind in verschiedenen Kontexten entstanden: ausgelassen bei der Grundausbildung, angespannt an der Front, müde in Gefangenenlagern. Wie queer war die Wehrmacht wirklich — die Frage wäre aber gleich schon falsch, bedenkt man, dass die Nazis systematisch Homosexuelle ermordeten. 

Als Klaus Theweleit Ende der 70er von Männerfantasien schrieb, meinte er sicher etwas anderes als Nazis in selbstgebastelten Bikinis: Der Kulturtheoretiker analysiert das Körperbild der Rechten, von den Freikorps der Weimarer Republik bis zum sogenannten soldatischen Ideal der Nazizeit. Einen Panzer sollte der ideale Männerkörper der Faschisten haben. Eine Isolierschicht, die keine soziale Kontaktfläche ist. Mit psychoanalytischem Handwerkszeug geht Theweleit an Tagebücher, Memoiren und zeitgenössische Texte, und er findet dabei vor allem eins: die Angst vor allem Weiblichen. Und darin kommen gleich ein paar Komplexe zusammen, die Angst vor Schwächung des Soldatenkörpers jeder Art, zum Beispiel. Auf den Bildern aus Dammanns Sammlung wird das Gender aber uneindeutig, wenn auch nur zum Spaß. Die Männer, tanzend passen nicht in das Bild der kruppstahlharten Ernsthaftigkeit.

"Ausnahmslos alle scheinen in dem jeweiligen Moment und den jeweils eigenen Sehnsüchten vollkommen aufzugehen, in einer eigenartigen Seligkeit, die sich durch alle Fotos zieht", schreibt Dammann über die Bilder. Im Nachwort zum Buch erklärt der Soziologe Harald Welzer, es handele sich um eine Entlastung, aber vor allem seien die Soldaten eben Menschen mit Sehnsucht nach Nähe, ob schwul oder nicht. Aber auf keinen Fall tragen sie alle den Körperpanzer, den Theweleit den Soldaten übergestülpt sieht. Die crossdresser seien nicht Beleg für die Abweichung, sondern gerade für die Normalität, schreibt Welzer. Vielleicht muss man die 70 Jahre alten Fotos für diese Erkenntnis erst von einer Zeit aus betrachten, in denen drag queens nicht Exotisches mehr haben.

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