Als ich so zehn oder zwölf war, in den frühen 1970ern, war mein Hobby Zeichnen. Und eines meiner Lieblingsmotive waren "starke" ältere Frauen, die ich in Hefte und Blocks krickelte, Dusty-Springfield-mäßig, big hair, shady eyes, total dicke, gerade Wimpern, viel Make-up, ein bisschen Silberblick, dicke Kette, Minirock und – total wichtig – qualmende Kippe im Mundwinkel. Das war so das Schickste, was ich mir als kleiner Homo vorstellen konnte. Maggi Hambling sieht aus wie eine fleischgewordene Zeichnung aus meiner Vorpubertät, nur andere Klamotten und E-Zigarette, weil sie wohl denkt, das wäre gesünder. Und natürlich ist sie immer supergeschmackvoll, im besten Sinne very british angezogen, Country, nicht Minirock.
Jahrelang hatte ich im "Guardian" immer wieder etwas über sie gelesen, meistens über die Skandale, die ihre Skulpturen in Großbritannien auslösten, obwohl sie eigentlich Malerin ist. In diesen "Skandalartikeln" waren Fotos von Hamblings Skulpturen, die eine ganz eigene Schönheit haben, aber irgendwie auch Hardcore sind: "A Conversation with Oscar Wilde" (1998) im Londoner Zentrum, eine sargförmig-geometrische Form, auf der man sich hinsetzen kann und sich mit dem verrotteten, Giacometti-mäßig zusammen gekleckerten Kopf des Dichters unterhalten kann, oder "Scallop" (2003), eine gigantische, fächerartige Muschel, die am weiten Strand von Aldeburgh in Suffolk steht und die dem Komponisten Benjamin Britten gewidmet ist.
Die Muschel, die zunächst völlig verhasst war und ständig vandalisiert wurde, ist heute ein Treffpunkt und so etwas wie ein Wahrzeichen, das wirklich alle lieben.
Aus dem Urschleim geborene Venus
Dann ist da aber noch "A Sculpture for Mary Wollstonecraft" (2020) in Newington Green, Nordlondon, das der berühmten feministischen Denkerin des 18. Jahrhunderts gewidmet ist. Eine winzige Statuette von ihr steigt nackt, mit dicht behaarter Möse aus einem großen, organischen blob empor, wie eine aus dem Urschleim geborene symbolistische, futuristische Venus.
Ich finde das Denkmal total modern und wegweisend. Aber die Feministinnen, die Jahre darauf gewartet hatten, fanden das nicht würdevoll. Es gibt Fotos, da stehen die Leute regelrecht entsetzt um die Skulptur herum und sehen aus, als könnten sie gar nicht fassen, wie hässlich das ist – wie in einem John-Waters-Film. In den Zeitungen sah man dann jedes Mal Hambling auf einem Foto vor ihren Leinwänden voller expressiver Wellenstrukturen, Wänden aus dreckigem Meereswasser, voller Tod, Cthulhu, Schmutz und wimmelndem Leben. Und sie davor, vollgekleckert mit Farbe, einer lockigen Mähne aus grauem Haar, Nikotindampf aus der Nase stäubend, wie bei einem Drachen. Unglaublich!
In UK ist Hambling so etwas wie eine Institution, nicht nur wegen der Kontroversen, oder weil sie jedem Maler-Mann das Wasser reichen kann, aber auch, weil sie Old School, eine der letzten Überlebenden der Szene in Soho ist. Sie war Stammgästin im legendären The Colony Room, einem Privatclub oder Drinks-Club für die Londoner Künstler-Elite, dessen Stammgäste wahrscheinlich sämtlich alkoholkrank waren, 1948 wurde die Institution von Muriel Belcher, der selbsterklärten "Königin von Soho", gegründet. Die wurde von dem Autor und "Vanity Fair"-Kolumnisten Christopher Hitchens als "fledermausartige Lesbe" beschrieben und nannte im Gegenzug ihren Freund und Club-Mitbegründer Francis Bacon berühmterweise "meine Tochter". Hier gingen sie alle trinken, Prinzessin Margaret, David Bowie, Henri Cartier-Bresson.
Lesbionische Power
Mitglieder waren, na klar, Lucien Freud, Frank Auerbach, E.M. Forster, Christine Keeler, der Jazzmusiker George Melley, der Kunstkritiker David Sylvester, Isabella Blow, Lisa Stansfield, später dann, sämtliche Young British Artists. Und bereits seit den späten 1960er-Jahren auch Maggi Hambling, die zu einer engen Freundin von Francis Bacon wurde. Viele Jahre später malte sie seine Muse, das Künstlermodell und die Biografin Henrietta Moraes, die auch Freud Modell saß und später ihre Muse wurde. Die beiden verband eine heftige Affäre und eine tiefe Freundschaft. Hambling, klassische Lesbe, die auch den schwarzen, respektlosen Humor und den Sex Appeal der Hauptfigur in einem meiner Lieblingsfilme, Robert Aldrichs "The Killing of Sister George" (1968) hat, nennt ihre sexuelle Veranlagung "lesbionic", was sich nach einer echten Superpower anhört.
Und eben in diesem berühmten Membership Club lernte sie 2005 Sarah Lucas kennen, schon damals eine der besten Bildhauerinnen der Welt. Und da beide am selben Tag, dem 23. Oktober, Geburtstag haben, wurden sie vor 20 Jahren automatisch beste Freundinnen. Heute leben beide unweit voneinander entfernt in Suffolk, wo Hambling geboren wurde, Lucas mit ihrem Partner im ehemaligen Haus von Benjamin Britten. Und Ende 2025 feierten sie diese künstlerische Freundschaft mit einer gemeinsamen Ausstellung bei Sadie Coles HQ und Frankie Rossi Art Projects in London.
Jetzt ist die Show in einer leicht abgewandelten Version bei Contemporary Fine Arts (CFA) in Berlin zu sehen. Der Titel, "Ooo La La" hört sich schlüpfrig an, nach Cancan, Strapse, Striptease-Bar, aber was die Freundinnen da hinlegen, ist eher eine Art furiose Burlesque-Show für die Epstein-Ära. Lucas zeigt vor allem die aktuelle Version ihrer Klassiker, der "Bunnies", die sie seit 1997 macht: rumhängende, schlappe weibliche, strumpfhosige Körper, die an Ballonfiguren und Hans Bellmers Fetisch-Puppen denken lassen, aber auch grotesk ausgestopfte, Assemblagen aus Lingerie, T-Shirts, Klamotten, Pumps, Plateaus sind. Groteske, auch archaische Flohmarktreste von Körpern, die immer auf Nachkriegsdesign-Möbeln im Mid Century rumhängen, wie gefolterte, vergewaltigte, absolut erschöpfte oder genervte Show-Girls, Prostituierte oder Aktmodelle.
Sarah Lucas "She Came in Through the Bathroom Window" 2025
Oft sprießen zusätzliche Titten, Schwänze, Arme oder Tumore aus diesen verdrehten, verknoteten, kopflosen Cartoon- Gestalten, wie in John Carpenters Horrorfilm "The Thing" oder einer selbstgemalten oder gebastelten Wichsvorlage, etwas, das in irgendeinem Schrank oder unter dem Bett liegt und zu besonderen Anlässen herausgeholt und drapiert wird. Lucas "Bunnies" sind wie Tableaus, die total lustig und böse, supertrocken die Objektivierung von Frauen und den Männerkanon kommentieren, die S/M-Clockwork-Orange-Frauenmöbel von Allen Jones, Picasso, natürlich auch Bacon, Bellmer, und Tausend andere Sachen. Hier in der Show sind die "Bunnies" sehr showy, sehr nächtliches Soho, Pole Dancing.
Kavaliersdelikte
Sie sehen aber nach den 30 Jahren, in denen Lucas sie macht, auch total erschöpft und supergelangweilt aus, angesichts der unglaublichen Gewalt die gerade mit den Epstein-Akten, der Massenvergewaltigung an Gisèle Pelicot, all dem TikTok-, KI-Porno, Christian-Ulmen-Scheiß, der gerade erst richtig in Fahrt kommt. Ein endloses Kavalierdelikt, das immer weiter, bis zum Jüngsten Gericht geht. Wie lange, denkt man müssen die "Bunnies" noch diese Posen halten. Es wirkt, als sei ein Fall Out über Lucas' Skulpturen hinweggerauscht, hätte sie in die Horizontale gedrückt.
Dahinter, gleich wenn man reinkommt, eine Tapete mit einem riesig aufgeblasenen Warnungsfoto von einer Zigarettenpackung, "Cigarette Teeth", braune Zahnhälse, absterbendes Fleisch. Und an den Wänden, ein Panorama von Hamblings unglaublicher Malerei, Bilder aus ihrer "Wall of Water"-Serie, die unter dem Eindruck ihres Herzinfarkts bei ihrer Ausstellungseröffnung 2022 in New York entstand, bei dem sie fast gestorben wäre. Sie habe bei dem Dinner mit ihrer Schülerin und Freundin Cecily Brown nur einen "winzigen Schluck" Whiskey trinken wollen, sagt sie, und hätte dann sechs Wochen im Krankenhaus gelegen.
Maggi Hambling "Wall of water XII", 2021
Diese Wellenbilder, die auch mit dem Krieg in der Ukraine, der Klimakatastrophe zu tun haben, sind unglaublich physisch. Man sieht sie an und riecht Salzwasser, spürt die Gezeiten, den nassen Sand, in dem Muscheln, Reste von Schalentieren, winzige lebende und abgestorbene Organismen, ganze Mikro-Universen, geologische Zeit beheimatet sind. Auf einem anderen Bild, "Sarah at Work" (2025) Formen die an Regen, japanische Holzschnitte, die Feinheit von Hokusai denken lassen, nur dass Gummistiefelabdrücke die Stempel sind.
Hambling, deren langjährige Lebensgefährtin, die Künstlerin Tory Lawrence, 2024 nach langer schwerer Krankheit gestorben ist, ist die große Malerin der Vergänglichkeit, von Zeiten, Körpern, Erinnerungen. Sie ist berühmt für ihre Porträtzeichnungen, die sie am Sterbebett von Verstorbenen macht, ihren Eltern, Lieben, Freunden. Ihren Mut beweist sie als Künstlerin, indem sie nicht wegsieht, nicht weggeht, sondern bei den Sterbenden, der sterbenden Erde bleibt. Dass sie der Gewalt, körperlichem Verfall, dem Verrottenden, dem Kompost, aus dem neues Leben entsteht, offenen Auges begegnet. Sie macht dabei keinen Unterschied zwischen menschlichem und tierischem, pflanzlichen, mikroskopischen Leben.
Das Lachen von Sarah Lucas
Immer wieder ist diese Show richtig derbe und fast slapstickartig. Da ist Lucas' Skulptur "Maggi" (2018), die aus einem Kleiderbügel, Glühbirnen und einer Kloschüssel besteht, oder ihr aus Zigaretten zusammengesetztes Porträt "Maggi the Magi" (2026), das ungelogen wie Hambling aussieht. Wenn man mit den beiden spricht, entziehen sie sich schwupsdiwups allzu tiefschürfenden Interpretationen ihrer Werke. Auch ihre künstlerische Verbindung bleibt etwas unklar.
Doch Maggi und auch Sarah sind tatsächlich Magierinnen. Das wird auch auf Hamblings Bildern wie "Laughing sunrise" (2026) oder "Sarah Laughing" (2026), auf dem sie Lucas' Lachen, aber auch ein kosmisches Lachen malt, das Lachen von Göttern, die wie in der griechischen Mythologie launisch und verrückt sind. Wer mit diesen Frauen zusammensitzt, spürt ihre Wärme. Wenn Lucas spricht, meint sie ihr Gegenüber, sieht dich an, da kannst du tatsächlich "Here comes the Sun" von den Beatles auflegen. Auch Hambling, die inzwischen 80 ist, strahlt eine enorme Offenheit und Resilienz aus. Wie stoisch diese Frau mit Tod, Verfall oder der Anfeindung von Kunstkritikern wie Jonathan Jones vom "Guardian" umgeht, ist erstaunlich.
Maggi Hambling "Sarah laughing", 2025
Jones gab bei der Rezension der Londoner Show fünf Punkte für Lucas, die er früher, ähnlich wie Tracey Emin, total verachtete. Höchstwertung, fünf Sternchen, himmlisch! Und Hambling, deren Malerei er als "lächerlich", "halb abstrakte Kleckerei" als "bloßes Durcheinander" oder "vorgetäuschtes Gefühl von Energie" bezeichnet, die schlechteste Wertung, einen Stern. Und das für eine Gemeinschaftsausstellung.
Der Hass hat natürlich auch mit einer narzisstischen Kränkung zu tun, damit, dass nur furchtlose Männer-Maler die dionysischen Priester der Vergänglichkeit, des existenziellen Leids, der irdischen Gewalt, des Verrottens sein können. Und hier eine Frau, die ihnen diese Fackel am Totenbett, mütterlich, aber bestimmt aus der Hand löst und einfach selbst hochhält.
Unverfrorenheit in der opportunistischen Kunstwelt
Und dabei wirklich härter und materialistischer zur Sache geht – genau wie Lucas. You get what you see: zwei Spiegeleier und ein Kebab, eine Strumpfhose mit einem Schuh unten dran. Bei Hambling kriegst du den Tod, das uralte, kosmische Grauen des Verrottens, ohne Pathos, ohne Lyrik, just as it is. Schwipp, schwapp, Cthulhu, wie die marxistisch-feministische Denkerin Donna Haraway das nennt, dieses uralte Gewimmel und Gewürm, das gemeinsame Gären und Vergammeln mit allem anderen Lebenden, das wir ausblenden.
Hambling ist zwar lesbionic, aber was politische Correctness, Identitätspolitik, Wokeness angeht völlig ungerührt, man kann sagen, demonstrativ taub. Was sie und Lucas aber machen ist nicht "Lieber Maler male mir", noch mal einen kippen in der Paris Bar, auf die alten Tage. Es ist ganz auf dem Stand der Zeit, Kunst für das Anthropozän. Total ernsthaft, wichtig, tief, virtuos. Es ist so toll, dass diese Frauen und gestandenen Künstlerinnen das jetzt zusammen machen, ich liebe ihre No-Bullshit-Kunst.
Es ist eine Schande, dass dies Hamblings erste Ausstellung in Deutschland ist, dass ihr nicht Riesen–Retrospektiven gewidmet werden. Wahrscheinlich ist das der Preis, den sie jetzt noch für ihre Unverfrorenheit in der opportunistischen Kunstwelt zahlen muss, der Platz im Olymp neben Bacon und Freud ist ihr trotzdem jetzt schon so sicher, wie meine pubertäre Dusty-Springfield-Medaille für tolle Frauen.
Insta-Wertung: 10 von 10